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Die Esel – eine Fabel

Esel

Stellen wir uns eine Dorfstraße im Barnim vor. Nein, nicht die aus der Zeitung, mit dem Bürgermeister und der Schere und so. Ich meine eine ganz normale, seit Jahrzehnten vernachlässigte, nie erneuerte, mangels Lobby auch nicht auf der Agenda der Lokalpolitiker stehende Dorfstraße. So eine wie die gleich bei Ihnen um die Ecke.

 

Über diese vorwiegend aus Löchern bestehende und je nach Wind und Wetter staubige oder schlammige Piste schiebt sich nun ein Karren. Nicht so ein Edelkarren wie der des Bürgermeisters oder des Landrats. Die Rede ist von einem Karren alter Machart, aus verwittertem Holz, die Räder ausgeleiert und schief auf den Achsen.

Mühsam bewegt sich der Karren vorwärts. Oder vielmehr, er schleppt sich von einem Schlagloch zum nächsten, schwankend, knarrend, wieder verharrend.

Nun betrachten wir dieses Bild an einem ganz normalen Tag, sagen wir heute. Was bewegt den Karren? Richtig: Kein kräftiges Zugtier stemmt sich ins Geschirr. Nein, es sind die Dorfbewohner selber. Genauer, ein kleines Trüpplein Dorfbewohner zieht und zerrt an der Deichsel, lehnt sich in die Speichen, füllt hier und da ein Schlagloch mit einer Schaufel groben Gerölls. Die Körper angespannt, Entschlossenheit in den Gesichtern.

Links und rechts des Weges rotten etliche solcher Karren. Die Räder gebrochen, das Holz verwittert. Ihre Besitzer haben sie aufgegeben; zu wenige waren bereit, beim Ziehen zu helfen. Auch dies: Kein Bürgermeister zeigte sich, weder mit Schere noch Schaufel. Zu unwichtig waren die Leute, zu gering ihr Einfluss, zu selten zeigten sie sich bei wichtigen Anlässen Hand in Hand mit dem Bürgermeister.

Schauen wir, was unser Karren geladen hat?

Unser Karren hat, sagen wir mal, ein Bündel junger Bäume geladen. Man will sie vor jenen Menschen in Sicherheit bringen, die sich in die Idee verrannt haben, dass man ganze Wälder verbrennen muss, um daraus Strom zu gewinnen! Ich weiß, Sie glauben mir nicht. Dies soll ja auch keine Gruselgeschichte werden. Doch Tatsache ist, es gibt sie.

Es könnte auch sein, dass unser Karren ein Stück Kabel geladen hat, dazu ein paar Schaufeln. Nein, keine Kabeldiebe. Diese Leutchen wollen ihren Potentaten zeigen, dass man Stromkabel auch unter der Erde vergraben kann, anstatt extra eine traurige Schneise mitten durch den Wald, mitten durch ein Naturschutzgebiet zu schlagen.

Vielleicht trägt unser Karren ja auch Holz und Steine für die Reparatur der alten Schleusen am Kanal. Bürgermeister und Landräte geben ihr Geld – ich meine, Ihr Geld – lieber für nutzlose Flugplätze, Rennpisten und Prestigeprojekte für den eigenen Ruhm aus, anstatt damit die wichtigste Lebensquelle der Region, den schönen, alten Kanal für die Nachwelt zu erhalten.

Viele Dinge mag unser Karren tragen, doch ist ihnen eines gemeinsam: kein Bürgermeister, kein Landrat schreitet voran. Und auch keines der Zugtiere, die sich dort hinten genüsslich im Staub wälzen und das Heu der Dorfbewohner fressen.

Zugtiere?

Wir haben ja noch gar nicht über die Esel gesprochen, die dort hinten auf der Gemeindewiese in der Sonne liegen und ihr gutes Leben genießen. Fett und faul ruhen sie dort in kleinen Grüppchen – die eine mehr im Grünen, ein kleineres wälzt sich eben im gelben Staub. Weiter links ein Gruppe alter Esel, mürrisch in die Runde blickend, als ob sie nicht verstehen, warum sie keiner mag. Wieder andere pflegen ihr schwarzes Fell und drehen uns ihre Hinterteile zu. Auch andere Ansammlungen von Eseln undefinierbarer Farbe gibt es, und dort ganz hinten im Schatten ein paar hässliche braune, so alt und krank, dass ihnen das Fell auf den Köpfen fehlt.

Alle diese Esel vereint die Tatsache, dass sie von harter Arbeit wenig halten. Ja, früher, da gab es noch kräftige Esel, erkennbar an ihrem klaren Blick, den starken Schultern und einem sauberen Fell. Mit den schmutzig bestaubten, dicken und trägen Tieren von heute hat das kaum noch etwas zu tun. So haben die Dorfbewohner längst alle Hoffnung aufgegeben, dass sich mal der eine oder andere Esel vor den Karren spannt und ihn mit kräftigem Zug ins Ziel bringt. Und so verbleibt die Last der Arbeit wohl für immer auf den Schultern der Dorfbewohner, während die Last stetig schwerer wird, die Löcher größer, der Weg weiter…

Doch nun ist ein anderer Tag. Was passiert dort gerade? Einige der Esel erheben sich tatsächlich von ihren bequemen Lagern! Sie nähern sich den Dorfbewohnern, schauen ihnen eine Weile zu. Ab und an schiebt sich sogar ein Esel hinter einen der Karren, schaut in die Runde, wartet, bis alle ihn ansehen, und schreit: „Siieeeehhhh maaaaal, wiiiieeee ich schiiiiiebeeee“! Nein, er schiebt nicht wirklich, so weit geht das nicht! Aber die Illusion des Schiebens, die möchte er schon erzeugen. Immer mehr Esel tauchen auf, verlassen für eine kleine Weile die Weide. Seht wie sie springen, sich vor den Dorfbewohner drehen und spreizen! Wie sie ihre Bäuche einziehen, sich die besten der Karren für ihren Tanz auswählen – welcher Esel möchte sich schon hinter einem morschen, kurz vor dem Zusammenbruch stehenden Karren zeigen? Auf Bildern entlang der Straße blecken sie ihre Gebisse zu einer Zuversicht suggerierenden Grimasse. Ihre Fratzen grinsen von jeder Straßenlaterne… Moment, das ist ja eine ganz andere Geschichte. Laternen gibt es doch gar nicht im Dorf. Die wurden erst kürzlich eingespart!

Was nur ist plötzlich in die Esel gefahren?

Der Schreck ist in die Esel gefahren! Denn nicht alle Esel können für immer auf der Gemeindewiese bleiben. Sie vermehren sich zu prächtig, und einige von ihnen müssen wieder zurück ins wirkliche Leben. Das Ende droht… kein Gratis-Gras mehr! Harte Arbeit womöglich, richtig arbeiten müssen. O weh! Und es naht der Tag der Entscheidung!

Die Auswahl derjenigen, die das Dorf verlassen, haben die Esel den Dorfbewohnern abgenommen. Schnell rotten sie sich im Kreis zusammen, die dreistesten, frechsten, die am besten ihre Zähne blecken und beißen können, in ihrer Mitte. Weiter außen diejenigen, die nie im richtigten Takt „Ia“ schrien, die nicht mit anderen Eseln gemeinsam die Dorfbewohner ausnutzen wollen. Ganz außen am Rand dann ein paar unscheinbare Esel, die anders schreien oder gar nicht. Die dort mit ihren Ideen, wie man die Dorfstraße teeren oder selbst beim Ziehen mit anfassen könnte! Solche, die mit ihren absurden Vorschlägen den Frieden und die mühsam errungenen Privilegien der anderen Esel stören! Weg mit ihnen! Und so werden diese an den Rand gedrängt, wo sie schnell und unauffällig verschwinden, sobald die Dorfbewohner ihre vermeintlich freie Auswahl unter den frechsten und fettesten aus der unangreifbaren Mitte der Herde getroffen haben.

Mühsam und unter der Bürde ihrer Arbeit schleppen sie die Karren weiter den löcherigen Weg entlang. Zur Ruhe gekommen sind nur die Esel. Was kümmern sie die Dorfbewohner! Die Zeit ist lang bis zum nächsten Mal. Gefüttert werden sie ohnehin. Resigniert denken die Dorfbewohner daran, wie wenig Einfluss sie haben. Wie konnten sie sich nur so lange von einer Schar fetter, bequemer, nur sich selbst verpflichteter Esel zum Narren halten lassen?

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P.S.: Am 22. September ist Bundestagswahl!

 

 

 

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2 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Nicht zu vergessen, das die Esel, welche in der Mitte stehen, auch unnützem Fluggetier das fressen von der saftigen Wiese erlaubt haben! Am Ende mußten sie dann feststellen, das sie nicht für des Esel’s Zwecke zu gebrauchen waren!

  2. jaaa… Und dann sind da auch noch diese Dorfbewohner, die sich so toll dabei vorkommen, den Mitte-Eseln ihr Gratisfutter reichen zu dürfen :-)