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Der beste Platz im Barnim

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Es ist neun Uhr morgens. Ich sitze vor meiner Hütte und genieße die Ruhe und die grünende Natur um mich herum. Alte Bäume ragen hoch in den Himmel; aus allen Richtungen tönt Vogelgesang. Zwei Nachtigallen – nein, Sprosser – streiten um die schönste Melodie. Ich erkenne noch Buchfinken und Amseln, auch Zilpzalp und Goldammer, doch schon bin ich mit meinem Vogellatein am Ende. Ach: Eben hat sich auch der Kuckuck aus den Winterferien zurück gemeldet!

Was manchen Mitbürger eine Urlaubsreise oder die Pacht für ein Häuschen im Grünen kostet, habe ich ganz umsonst.

Wie das?

 

Denn seit wenigen Wochen bin ich Schleusenwärter am Finowkanal!

Still und von den Einheimischen weitgehend ignoriert schlummert der Finowkanal im Dornröschenkoma. Etwas runzlig ist sie, unsere Schöne, und in den Gelenken kracht und knirscht es. Kein Wunder, wenn man 400 Jahre auf dem Buckel hat.
Und um sie wach zu küssen, braucht es mehr als einen hübschen Prinzen.

Ein hübscher Prinz bin ich nicht gerade, und mein Köstritzer-gestählter Bauch bewegt die Ehegattin zu mancherlei Bemerkung. „Etwas mehr Bewegung wär‘ wohl gut“, finde ich; auch mag ich Natur und Ruhe zum Nachdenken. So kommt es, dass ich der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft Finowkanal (KAG) meine Arbeitskraft an einem Tag der Woche anbiete, um an einer der Schleusen als Schleusenwärter die auswärtigen Gäste zu begrüßen und ihnen einen hoffentlich guten Eindruck von der Gastfreundschaft der Menschen in unserer Region zu vermitteln.

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Gern nimmt die KAG* mein Angebot an und findet gleich noch zwei weitere Ehrenamtler, die diesen Nebenjob als dankbare Bereicherung ihrer eigenen Lebenssituation begreifen und zugleich etwas für die Region tun wollen.

Jedes Jahr aufs Neue sieht sich die KAG vor die Aufgabe gestellt, in Zusammenarbeit mit der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung sowie dem Jobcenter die wenigen und schlecht bezahlten Schleusenwärterposten zu besetzen**. Wer will schon für wenig Geld nur saisonweise arbeiten? So klemmt es hinten und vorn, und schon beim Ausfall eines Mitarbeiters durch Krankheit entsteht ein Engpass. Auch ist es für manchen der bezahlten Mitarbeiter schwierig, die eigene Familiensituation den Anforderungen des Schleusendienstes zu unterwerfen. Wenige besitzen die Flexibilität, mehrere Wochen lang sieben Tage in der Woche zu arbeiten und die Freizeit auf spätere, weniger betriebsame Zeiten zu verschieben.

Hier springen wir Ehrenamtler ein, die als Rentner oder Pensionäre über mehr Freizeit verfügen, deren Erfüllung durch einen lebenslange Berufstätigkeit plötzlich endete.

Ehrenamtlicher Schleusenwärter kann jeder werden, der etwas Zeit erübrigen kann, das Wasser liebt und gern mit Menschen redet. Klar doch, neben Stunden der Einsamkeit entstehen Gespräche mit interessanten Besuchern aus dem ganzen Land. Während des Schleusenvorgangs, der um die 20 Minuten dauert, ergibt sich mancher Klönschnack; Radfahrer auf dem Oder-Havel-Radweg stoppen, um sich anzuschauen, wie eintausend  Tonnen Wasser in das Schleusenbecken stürzen. „Du spielst bloß gern mit Wasser und drehst an Hebeln“, sagt die Ehefrau. Doch insgeheim merke ich, dass sie auch ein bisschen stolz auf den Ehegatten ist, der sich hier zum Nutzen seiner Region einbringt und ein ganz besonderes Ehrenamt ausfüllt.

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Wir Ehrenamtler wollen keineswegs die bezahlten Schleusenwärter ersetzen. Doch helfen wir, deren Belastungsspitzen abzufedern und ihnen auch in der Hochsaison gelegentlich ein freies  Wochenende zu ermöglichen. Und perspektivisch mag es durchaus möglich sein, eine konstruktive Antwort auf die Frage vieler Gäste zu finden, warum denn die Schleusen am Finowkanal schon um 17 Uhr schließen. Schleusen anderswo seien doch während der Sommermonate bis 20 oder gar 21 Uhr geöffnet!

Besuchen Sie doch gelegentlich einen der freundlichen Schleusenwärter für ein Gespräch übern‘ Schleusenzaun. Hereinlassen darf er Sie nicht. Doch könnten auch Sie sich eines Tages für dieses Ehrenamt entschließen und mithelfen, unser Finowkanal-Dornröschen wach zu küssen. Freuen Sie sich auf Sonnenbräune und die neuerdings muskulösen Arme!

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*Seit 2003 wird dies über den eRFV e.V. unter Zuhilfenahme von öffentlicher Förderung immer wieder hinbekommen. Trotz aller Suche nach Alternativen wurde bisher immer nur der Weg der Arbeitsförderung gefunden. Diese hat sich in den letzten Jahren auch stark verändert. Waren es zu Beginn vor 9 Jahren noch gut ausgestattete Stellen, sind mittlerweile die Fördersummen so geschrumpft, dass es selbst für einen Langzeitarbeitslosen kaum lohnend ist, auf einer Schleuse zu stehen, touristische Informationen weiterzugeben und die Schleuse zu bedienen. Viel Verantwortung für wenig Geld und kaum einer Perspektive, daraus eine richtige, ungeförderte Arbeit zu machen.

** Die Kommunale Arbeitsgemeinschaft Finowkanal ist ein Zusammenschluss der Anliegergemeinden des Finowkanals; Träger ist der Europäische Regionale Förderverein (eRFV e.V.) in Pinnow. Der  eRFV e.V hat in Zusammenarbeit mit dem Wasser- und Schifffahrtsamt eine rechtliche Konstruktion entwickelt, die die Tätigkeit unserer Ehrenamtler absichert. Wir bekommen darüber Zugang zum Betriebsgelände des WSA (denn das sind die Schleusen am Finowkanal), und man ist haftpflichtversichert. Und die nötige Einweisung und Schulung wird organisiert. So leicht wie es aussieht, ist dann die Bedienung einer Schleuse doch nicht….

 

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3 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Glückwunsch zum neuen Job. Ich beneide Dich und Deine Kollegen. Könnt Ihr nicht bei uns in der Südheide auch ein paar Schleusen bauen? ;-)

  2. Wer sich für dieses Ehrenamt interessiert aber noch nicht weiß, ob es wirklich „sein Ding“ ist, der kann sich ab sofort für einen Probetag an einer der Finowkanalschleusen anmelden. Danach weiß man bestimmt, ob man künftig einen Tag pro Woche (oder mehr) als ehrenamtlicher Schleusenwärter beim Erhalt des Finowkanals mitwirken möchte. Vieles hängt für die Region davon ab, dass dieses historische Gewässer nicht dem Verfall preisgegeben wird. Es liegt auch in Ihrer Hand!
    Im übrigen ist das auch etwas für Schleusenwärterinnen!
    Bei Interesse bitte Email an hginnow@gmail.com schicken.