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Schorfheide-Bürgermeister macht Stimmung gegen die Energiewende

Sehr geehrter Herr Schoknecht,

nachdem Sie mir auf meine Mail vom 9. März nicht geantwortet haben, wende ich mich nun über die Öffentlichkeit an Sie. Ich hätte da ein paar Fragen.

In der März-Ausgabe des Schorfheidekurier, dem Mitteilungsblatt der Gemeinde Schorfheide, beklagen Sie die Energiewende und machen Wind- und Solarstrom für die steigenden Kosten verantwortlich, mit denen wir Verbraucher uns zurzeit konfrontiert sehen. Sie berichten von „Schulungen“ und empfehlen ein Buch des frisch zum „Wissenschaftsautor“ mutierten österreichischen Krimischreibers Marcus Rafelsberger.

Aufgrund solcher Erkenntnisse machen Sie sich das Katastrophenszenario unbenannter „Experten“ zu eigen, die uns raten, doch schon einmal „Kerzen, Batterien sowie batteriebetriebene Radios bereitzuhalten“. Sie beschwören längere Stromausfälle und warnen vor „amerikanischen Verhältnissen“. Sie zeigen Mitgefühl mit den „großen Herausforderungen“, denen sich die Energiekonzerne stellen müssen. Der von Ihnen im Schorfheidekurier genannte Konzern macht jährlich übrigens um die 3 Milliarden Euro Gewinn, dessen Konzernmutter um die 10 Milliarden.

Nun verübelt man es keinem Politiker, wenn er „dem Volk aufs Maul schaut“. Oder vielmehr: Man erwartet es nicht anders. Doch schreiben Sie dies auf der ersten Seite des Mitteilungsblattes unserer Gemeinde, für dessen Inhalt Sie quasi das Monopol besitzen und dessen Wahrheitsgehalt zu überprüfen nicht jeder Leser die Zeit oder die Mittel hat.

Was ich mich frage ist, was Sie mit dieser einseitigen Darstellung bezwecken. Sie glauben nicht an den Klimawandel? Oder daran, dass der Temperaturanstieg Folge menschlichen Einflusses ist? Nun gut, es gibt noch immer Experten die dafür oder dagegen schreiben. Die Zeit ist einfach noch zu kurz, um eine verlässliche Aussage zu machen. In ein paar Tausend Jahren wissen wir mehr.

Doch schon jetzt sehen wir uns damit konfrontiert, dass die Umwelt nachhaltig geschädigt wird: durch Massenkonsum und Raubbau an der Natur, durch immer mehr Autoverkehr, und angesichts von immer mehr Menschen in den „Schwellenländern“, die auch gern so leben und konsumieren möchten wie wir.

Wenn Sie keine vernünftigen Vorschläge dazu haben, wie wir unseren Energieverbrauch wirkungsvoll reduzieren können (vielleicht wenigstens auf Gemeindeebene?), was bleibt uns dann, um den steigenden Energiebedarf zu befriedigen, ohne dabei unsere zukünftige Lebensgrundlage zu vernichten?

Befürworten Sie zum Beispiel, dass die Energiekonzerne unter Einsatz giftiger Chemikalien das letzte Bisschen Gas und Öl aus dem Boden unter unseren Häusern herauspressen und dafür dort ihr überschüssiges Kohlendioxid verbuddeln? Bevorzugen Sie eher das Abbaggern ganzer Dörfer, damit wir auch noch die darunter liegende Braunkohle verheizen können?

Vielleicht sind Sie ja auch für „billigen“ Atomstrom und sehen darüber hinweg, dass die Atomlobby nur deswegen den Strom so scheinbar billig anbieten kann, weil sie jahrzehntelang prächtig von Subventionen gelebt hat und uns nun die Folgekosten in Form von zu entsorgenden Atomkraftwerken, der vergeblichen Suche nach einem „sicheren Endlager“ und Schweinereien wie der mit dem Atommüll in der Asse mittels Steuern nachträglich in Rechnung stellt? Dieser Strom ist alles andere als billig, auch wenn es beim Tunnelblick auf die Stromrechnung den Anschein hat.

Wenn Sie sich auch aus anderen Quellen informieren, stellen Sie fest, dass Vieles an der augenblicklichen Debatte über die Stromkosten damit zu tun hat, dass die Energiekonzerne jahrzehntelang ihre Stromtrassen vernachlässigt haben. Auch damit, dass sich die Konzerne ungern auf die von anderen Experten geforderte Dezentralisierung einlassen und dass man die Großverbraucher gern von der Energiesteuer befreit. Wenn Sie die Liste derer lesen, die alle – anders als wir Kleinkunden – keine Energiesteuer zahlen müssen, dann kommen Ihnen die Tränen. Bei einer gerechten Verteilung der Kosten, die jetzt infolge des im übrigen alternativlosen Umbaus der Energiewirtschaft anfallen, wäre der Betrag, den jeder Einzelne von uns für den Strom zu zahlen hat, drastisch geringer.

Lieber Herr Schoknecht, Sie führen eine Gemeinde im Landkreis Barnim, der sich seiner Nullemissionsstrategie rühmt. Sie tragen Mitverantwortung für die Schorfheide als schützenswerte Naturregion in unserer unmittelbaren Nähe. Mit Ihrer Polemik gegen die Energiewende treten Sie die bisher errungenen Erfolge mit den Füßen, Sie verunsichern unsere Jugendlichen, die sich gerade für einen Beruf in einer nachhaltigen Zukunftstechnologie qualifizieren. Sie behindern den Fortschritt, der nur mit der Nutzung sauberer Technologien möglich ist. Und Sie schaden der Gemeinde Schorfheide, indem Sie als Autorität in einer vom Klimawandel bedrohten Epoche exakt die verkehrten Signale senden.
Wenn Sie eine intelligente Lösung für alle diese Probleme haben, dann sollten Sie das nicht länger verheimlichen.

Prof. Hartmut Ginnow-Merkert
Mitglied, Eurosolar
Mitglied, Deutsche Gesellschaft für Sonnenenergie
Mitglied, Bürgerinitiative „Lebenswerte(s) Schorfheide“
Vorsitzender, Solarbootverein Berlin-Brandenburg e.V.

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5 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Prof. Ginnow-Merkert,

    wie ich bereits gestern mitteilte, war es mir nicht früher möglich, Ihre Anfrage zu beantworten, da ich erst seit dem 19. März 2013 wieder im Dienst bin.

    Aus persönlichen Gesprächen zwischen Ihnen und mir, sehr geehrter Herr Prof. Ginnow-Merkert, wissen Sie, dass unsere Einschätzung zur Rolle von großen, teilweise weltweit agierenden Konzernen, z.B. der Pharmaindustrie aber auch der Energie- und Wasserwirtschaft, nicht weit auseinander liegen. Deshalb verstehe ich Ihre Polemik nicht! Auch das in den USA und vielen Ländern der Erde z.Z. systematisch vorangetriebene Hydraulic Fracturing (Fracking) und die daraus entstehenden Umweltschäden, besonders auch für das Trinkwasser, beobachte ich mit großer Sorge. Sie wissen auch, dass die Gemeinde Schorfheide intensiv die Nullemissionsstategie des Landkreises unterstützt und eine Vielzahl von Objekten in der Gemeinde inzwischen mit Wärmeversorgung über Erdwärme, Pellets-Heizung usw. ausgestattet ist. Über viele Jahre stehe ich auch im engen Arbeitskontakt zum Geoforschungszentrum Potsdam und berichtete bereits mehrmals im Schorfheidekurier über den Aufbau eines geothermischen Pilotprojektes am Standort Sarnow in der Gemeinde Schorfheide.
    Ein wichtiger Punkt der Daseinsvorsorge in der Gemeinde ist der Schutz der Bevölkerung vor Bränden, Naturkatastrophen und anderen unvorhersehbaren Ereignissen, die Einfluss auf das Leben eines jeden Einzelnen haben können. Stromausfälle gehören zu diesen Vorkommnissen.
    Meine Pflicht als Bürgermeister und Träger des Brandschutzes ist es auch, die Bürger auf Problemfelder hinzuweisen, die sie unvorbereitet treffen können. Dies wird nicht nur von mir so gesehen. Deshalb wurde in Berlin das Kompetenzzentrum Kritische Infrastrukturen e.V. (KKI e.V.) gebildet. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Versorgungssicherheit in Deutschland zu erhalten und den Schutz kritischer Infrastrukturen sicherzustellen. Wenn Sie weitere Informationen wünschen, rate ich Ihnen, sich an den Geschäftsführer des KKI e.V., Herrn Stephan Boy, zu wenden. Seine E-Mail lautet: info@kki-verein.de. Ein kompetenter Gesprächspartner ist auch Herr Wolfgang Neldner, Geschäftsführer Neldner Consult-System-und Elektrizitätsnetzberatung. Seine Kontaktdaten können Sie ebenfalls über den KKI e.V. erfahren.

    Bitte verstehen Sie meinen Artikel im Schorfheidekurier nicht als Affront gegen die Energiewende, sondern als Präventionsmaßnahme vor dem hoffentlich nie eintretenden Krisenfall.

    Freundliche Grüße

    Uwe Schoknecht
    Bürgermeister
    Gemeinde Schorfheide

  2. Wolfgang Neldner, das sollte man beachten, ist kein unabhäniger Berater, sondern der ehemalige Technische Direktor der 50 Hertz Transmission GmbH, vormals Vattenfall European Transmission GmbH.
    Neldner war als Technischer Dirtektor für den Netzbetrieb und -ausbau
    des Höchstspannungsnetzes in den neuen Bundesländern verantwortlich.
    Er hat auch die Planung für die umstrittene 380-kV-Freileitung von Bertiokow nach Neuenhagen zu verantworten. Er ist kein unbefangener, kompetenter Zeuge, sondern ein Mann der großen Energiekonzerne, wenn er auch seit seinem Ausstieg aus 50 Hertz Transmission eine eigene Beratungsfirma führt. Er ist ein Anhänger großtechnishcer KLösungen und ungehemmten Wachstums.

  3. Ich fand es etwas unglücklich, dass Herr Schoknecht das sehr umfassende und vielschichtige Thema Energiewende in dem kurz gehaltenen Vorwort eines Gemeindejournals angesprochen hat. Noch unglücklicher von ihm war es, hierzu eine Wertung bzw. einen Ursache-Wirkungskomplex aufzuzeigen.
    Ganz nach dem Motto: Energiewende = Kostenexplosion. So einfach ist die Geschichte eben nicht. Es gibt zahlreiche treibende Kostenfaktoren, an denen die Energiewende nun wirklich nicht schuld ist. Einfach mal im Internet ein paar Stunden darüber recherchieren, dann wird man schlauer.

    Jedoch: Um über das Vorwort von Herrn Schoknecht diskutieren zu können vermisse ich die Verlinkung. Die März-Ausgabe des Schorfheidekuriers ist hier zu finden: http://www.gemeinde-schorfheide.de/fileadmin/daten/buergerservice/Buergerservice_typo3/Schorfheidekurier/Kurier_2013/02_Mrz_Kurier_2013.pdf

  4. So richtig erklärt Herr Schoknecht ja auch nicht, wie er sich eine Lösung vorstellt, nicht wahr. Beispielsweise bekomme ich gar keine schlüssige Antwort auf meine allzu neugierige Frage, wer denn von dem in Finowfurt mit Wasserkraft erzeugten Strom profitiert. Es wäre doch wunderbar, wenn eine Gemeinde ihre eigenen Ressourcen ihren Bürgern zugute kommen ließe und damit einen konkreten Beitrag zum Reduzieren der Stromkosten leisten würde. Oder sehe ich das zu naiv??