web analytics

Brandenburg wird bald frei von alten Alleebäumen sein

Baumpflege an der Allee Rüdnitz-Danewitz: Hier wird sie seit Jahren vernünftig praktiziert

Baumpflege an der Allee Rüdnitz-Danewitz (Barnim): Hier wird sie seit Jahren vernünftig praktiziert

Und wieder kreischen die Kettensägen im Land Brandenburg, nicht nur in den Hausgärten, sondern vor allem an den Alleenstraßen. Vor und nach der Vegetationsperiode, im Vorfrühling und Herbst, verschwinden zahlreiche alte Alleebäume. Die Zahlen sind beeindruckend wie erschreckend zugleich: Pro Baumschau werden in den Landkreisen Hunderte von Bäumen zur Fällung ausgezeichnet.
Eigentlich sollten Alleen im Land Brandenburg durch das Brandenburgische Naturschutzgesetz geschützt sein. In § 31 heißt es, dass sie nicht beseitigt, zerstört, beschädigt oder beeinträchtigt werden dürfen. Die Realität jenseits des geduldigen Papiers sieht aber leider anders aus.

Stück für Stück, und fast schon systematisch, werden Alleen zerstört. Baum für Baum wird herausgenommen, sie werden aufgelichtet und verlieren damit ihre Schutzwürdigkeit. Nachpflanzungen in den entstandenen Lücken zur Erneuerung solcher Alleen finden viel zu selten statt. Wenn Lückenpflanzungen erfolgen, werden sie in den ersten wichtigen Jahren des Anwachsens häufig zu wenig gegossen, so dass sie vertrocknen. Andere werden umgefahren oder gehen durch übermäßigen Gebrauch an Streusalz ein. Die kleinen Bäume haben somit ziemlich schlechte Aussichten, erwachsen zu werden.

Vorab: Keine Diskussion anstoßen möchte ich über solche alten Alleebäume, die aufgrund ihres mangelhaften Vitalitätszustandes tatsächlich den Erfordernissen an die Verkehrssicherheit nicht mehr entsprechen. Zu ihnen zählen Exemplare, die schlichtweg aus Altersgründen im natürlichen Abgang begriffen sind und solche, die aus unnatürlichen, menschengemachten Gründen (z.B. durch Salz- oder Anfahrschäden) vor der eigentlichen Reststandzeit gefällt werden müssen.

Bei allen Fällungen die darüber hinaus gehen bin ich der Überzeugung: An Brandenburgs Straßen wird viel zu früh und vorschnell abgeholzt, weit bevor Gefahr im Verzug ist und der Baum zum Verkehrsrisiko wird. Dieser Vorwurf geht an den Landesbetrieb Straßenwesen, namentlich den Straßenmeistereien. Wenn ich mir die gefällten Bäume in Stücken geschnitten am Straßenrand anschaue, so kann ich in vielen Fällen keine Schadsymptome wie Fäulnis oder Bruchstellen erkennen, die zu einem Zusammenbruch der Bäume führen würden. Eine durchgehende Wandstärke längst des Stammes war zudem gegeben. Ein Problem in diesem Zusammenhang ist, dass man die eigentlich brandgefährlichen Kandidaten mit den relativ einfachen optischen und quasiphysikalischen sowie wenig zeitaufwendigen und kostengünstigen Methoden im Rahmen der regelmäßigen Baumschauen nicht herausselektieren wird. Solche, die noch völlig belaubt sind und von den oberirdischen Vegetationsteilen vital erscheinen, keine Schadsymptome aufweisen und eine ausreichende Restwandstärke aufweisen, im Bodenbereich aber durch erhebliche Wurzelschäden /-fäulnis keine ausreichende Standfestigkeit mehr haben und plötzlich „aus den Latschen kippen“. Wir alle kennen diese Horror-Pressemeldungen wie „Großer Baum stürzt bei Windstille unverhofft auf Auto“, oder so ähnlich.

Weshalb sprechen sich die Behörden so schnell für Alleebaumfällungen aus? Der Grund mag wohl darin liegen, dass von der Landesregierung einfach zu wenig Geld für die Pflege alter Straßenbäume zur Verfügung gestellt wird. Ich bin davon überzeugt, dass sich die Lebensdauer von Alleebäumen mit einer guten fachgerechten Baumpflege deutlich, oftmals um 10 – 20 Jahre, erhöhen könnte. Wie bei alten Menschen nimmt allerdings auch bei den in die Jahre gekommenen Bäumen der Aufwand, der betrieben werden muss, um sie gesund zu erhalten, deutlich zu. Ein alter Baum ist im „Rückwachstum“ begriffen. Ein solches muss durch baumpflegerische Maßnahmen begleitet werden. Regelmäßig ist die Entfernung von Totholz erforderlich und manchmal muss die überladene Krone, damit der Baum nicht auseinander bricht, durch Astschnitte entlastet werden. Solche Maßnahmen kosten Geld, viel Geld. Da sind Fällungen oftmals billiger als die „Alterspflege“ von Bäumen. Der Problembaum wird beseitigt und damit ist dann Schluss. Deshalb wird grundsätzlich nach dem Motto „Rodung vor Pflege“ gehandelt. Weiterhin stellen die Alleen mittlerweile einen „Holzpool“ dar. Energie wird immer teuer und die Bedeutung von Holz als Brennstoff nimmt stetig zu. Wie gut also, dass es noch die Alleen gibt, aus denen man schöpfen und sich bedienen kann.

Ein per Gesetz geschützter Alleebaum kann schnell zur Fällung ausgewiesen werden wenn Behörden es wollen. Man benötigt in der Regel nur einen Baumgutachter, der bescheinigt, dass der Fällkandidat krank ist und eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellt. Solche Baumgutachten fundieren zwar auf feste Grundlagen, jedoch ist auch immer eine große Portion gutachterlicher Ermessensspielraum der persönlichen Einschätzung, sprich Auslegungssache, dabei. Und welcher Baumsachverständiger der Naturschutzbehörden, der eigentlich pro Baumschutz agieren sollte, wird zur Fällausweisung eines Gutachters des Landesbetriebes Straßenwesen gegenteiliger Meinung sein? Wer will schon ein Gegengutachten erstellen und die Verantwortung übernehmen wenn durch den Baum tatsächlich etwas passiert, was, wie alles im Leben, niemals zu 100 % auszuschließen ist? Weiterhin ist mir noch nicht untergekommen, dass Baumgutachter der Naturschutzbehörden mit denen der Straßenmeistereien an den Alleenstraßen um Bäume ringen, ob diese nun doch noch stehen bleiben können oder sofort gefällt werden müssen. Auseinandersetzungen der Behörden untereinander um sachliche Themen finden in der Regel doch nicht statt.

Abschließend möchte ich noch auf das Thema Baumpflege eingehen: In dieser Branche tummeln sich mittlerweile viele Firmen, die keine ausreichende Qualifikation haben um fachgerecht baumpflegerische Maßnahmen auszuführen. Häufig sind es solche Unternehmen, die im Rahmen von Hausmeisterdiensten zusätzlich Baumschnitte anbieten. Die Resultate kann man überall in der Landschaft sehen: Traurige Baumexemplare, die eine verschnittene Krone haben und nur noch unansehnlich sind. So verstümmelt, dass Baumpilze leicht in die Schnittwunden eindringen können und den Baum nach wenigen Jahren zerstören. Solchen Firmen dürfte es nicht gestattet sein am Markt zu operieren. Sie stellen eine Schmutzkonkurrenz zu den Baumpflegern dar, die ihr Handwerk verstehen.

Somit bleibt der trübe Ausblick, dass die alten Alleen in Brandenburg in 10 bis 20 Jahren zur Seltenheit werden. Eigentlich lieben die Brandenburger ihre Alleen. Deshalb besteht die Hoffnung, dass die Menschen hinsichtlich der massiven Alleenzerstörung nicht mehr tatenlos zusehen, sondern sich im Alleenschutz stärker engagieren. Gleichsam müssten sie sich dann aber auch im Klaren darüber sein, dass das Land mehr Geld für den Erhalt (alter) Alleen wird ausgeben müssen.

Brandenburg wird bald frei von alten Alleebäumen sein auf Facebook teilen
Brandenburg wird bald frei von alten Alleebäumen sein auf Twitter teilen
Brandenburg wird bald frei von alten Alleebäumen sein auf Google Plus teilen

Ähnliche Artikel:

Veröffentlicht von

Dr. Andreas Steiner, Diplom-Geograph und Waldökologe, lebt seit 1999 im Barnim. Als Fachgutachter ist er bei einem Projektträger des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in Berlin beschäftigt, der innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekte von klein- und mittelständischen Unternehmen im Bereich Technologie betreut. Seit mehr als 10 Jahren engagiert sich der Querdenker und -tuer ehrenamtlich in der Umwelt- und Sozialpolitik. Im Rahmen der Brandenburger Kommunalwahlen 2008 wurde er als Parteiloser für Bündnis 90/Die Grünen in die Eberswalder Stadtverordnetenversammlung gewählt. Ende 2011 musste er aufgrund eines Wohnsitzwechsels dieses Mandat niederlegen. Derzeit gehört er der Gemeindevertretung Schorfheide an und ist Vorsitzender der Fraktion Freie Wähler/Bürgergemeinschaft Kommunalabgaben (BKB). Steiner hat Mitgliedschaften der GRÜNEn LIGA Brandenburg und der NaturFreunde Oberbarnim-Oderland. Seine Hobbys sind Wandern, Radfahren, Schwimmen, Saunieren, Kochen – und natürlich der ehrenamtliche Journalismus, insbesondere wenn es um die Behandlung kritischer und brisanter Themen geht. Folgenden Leitspruch eines großen deutschen Gewerkschafters hat er sich zum Lebensmotto gemacht: „Nicht Ruhe, nicht Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit“ (Otto Brenner, 1968).

2 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Pingback: Alleenland Brandenburg zukünftig ohne Alleen? | Stefan Brandes

  2. Lieber Andreas STeiner, es ist in Mecklenburg Vorpommern genauso. Wie Sie schon schreiben, wie systematisch werden die alleebäume abgesägt. Zweidrittel davon sind in Innern kerngesund. Des öfteren fließen mir Tränen in die Augen. Warum sind wir Menschen so kalt und ohne wirklichen Bezug zur Natur, die doch unseren Lebensraum schafft? Warum schauen wir alle zu, sind zwar empört und traurig, doch tun, tuhé ich nichts. Von Tag zu Tag mehr belastet mich dieses Thema. Es sind nicht nur die Alleebäume, durch die Wälder kann man durchschauen, unser kleines Ackerbürgerstädtchen wird von den Stadtarbeitern von vielen Bäumen erleichtert, Jahr für Jahr. 2 oder 3 große Häuser werden von der Stadt mit Holz versorgt. Billig wird es, wenn immer mal hier und da ein Birke, eine Akazie, eine Buche, eine Tanne verschwindet. Jedes Jahr, und immer wieder. Nachgepflanzt wird fast nichts, ach wie wünsche ich mir seit Jahren mit Kindern im Herbst Bäume pflanzen zu können. Dies zu beobachten und so den Kindern klar machen, wie lange es braucht, bis ein Baum in der Größe ist, dass er genutzt werden kann. So könnte ein Bezug hergestellt werden und die Verantwortung würde wachsen. Freundlichst Andrea Klemenz