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Sägen wir am eigenen Ast? Eine Diskussion zu Brandenburgs Forstwirtschaft

Im folgenden Beitrag berichtet Johannes Madeja, Kreistagsabgeordneter der Fraktion BVB/ Freie Wähler des Landkreises Barnim, über eine abendliche Diskussion an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) vom 29. November 2012. Aufgeschrieben hat er es „für alle Waldfreunde und alle Barnimer, die den Wald für wichtig halten, auch wenn sie nicht unmittelbar von ihm leben.“ Der Artikel wurde jüngst in der Barnimer Bürgerpost (Ausgabe Dezember 2012) veröffentlicht.

Vorbemerkungen
Im Sommer 2011 meldete das Holzkraftwerk Eberswalde (HOKAWE) Insolvenz an. Der Landrat des Barnim hatte die Idee, das Werk zu kaufen und als kreiseigenes Unternehmen weiterzubetreiben. Das trieb Waldfreunde und Abgeordnete auf den Plan, die nachwiesen, dass der Weiterbetrieb weder wirtschaftlich noch ökologisch noch energiepolitisch sinnvoll ist. Sie holten sich Fachleute ins Boot – u.a. den Bereich Prof. Dr. Pierre L. Ibisch von der HNEE und Herrn Dr. Detlef Bimboes, einen Kenner der Wald- und Holzwirtschaft im Land Brandenburg. Prof. Dr. Ibisch und MitarbeiterInnen haben sich unmittelbar in den Entscheidungsprozeß eingebracht. Herr Dr. Bimboes hat sich mit der speziellen Barnimer Situation beschäftigt und den ratsuchenden Waldfreunden wertvolle Hinweise gegeben. Ein Ergebnis seiner Arbeit ist eine kleine Regionalstudie
„Am eigenen Ast sägen – wie die Wälder Brandenburgs geplündert werden“. Diese Studie war der unmittelbare Anlass für den Diskussionsabend. Der Landtagsabgeordnete der Partei DIE LINKE, Herr Dr. Michael Luthardt, stellte die Arbeitsergebnisse von Dr. Bimboes als Thesen zur Diskussion.

Teilnehmer und Ablauf
Es waren ca. 60 Forstleute, Studenten, Vertreter von Vereinen und Verbänden und interessierte Bürger gekommen. Nicht anwesend waren Vertreter der unteren Naturschutzbehörde und der Barnimer Energie Gesellschaft. Im Podium hatten sechs Herren verschiedener Fachrichtungen und Institutionen Platz genommen. Jeder von ihnen hielt einen etwa zehnminütigen Einführungsvortrag und danach konnten Fragen gestellt werden und das Auditorium konnte mitdiskutieren.

Vorträge
Das erste „Wort“ hatte Dr. Bimboes. Hier seine Thesen:
Forstwirtschaft und Holzwirtschaft sind eng miteinander verbunden und stellen praktisch eine Einheit dar Es sollte einheitlich nach den strengeren FSC-Kriterien gearbeitet werden.
Der riesige Holzbedarf der Industrie insbesondere Sägewerke und Holzwerkstoffbetriebe – und der Holzkraftwerke kann, jedenfalls nicht mit den geeigneten Sortimenten aus dem Landeswald gedeckt werden. Große Einfuhren aus anderen Bundesländern bis hin zu nennenswerten Importen aus dem Ausland sind erforderlich.
Holz sollte vorrangig für die Herstellung langlebiger Produkte genutzt werden, auch als Austausch für andere Baumaterialien wie z. B. Stahl, Beton und Aluminium.
Es ist unbedingt erforderlich, vor allem für die Kohlenstoffspeicherung, aber auch für den Erhalt von Artenvielfalt im Wald höhere Bestände, vor allen Dingen auch ältere Bestände aufzubauen.
Zur Energiegewinnung sollte nur Energieholz eingesetzt werden, das für andere Zwecke nicht geeignet ist. Holzverbrennung ist nicht zwangsläufig CO2-neutral. Holzkraftwerke emittieren so viel CO2 wie Kohlekraftwerke. Der Wiedereinbau des Kohlenstoffs in nachwachsendes Holz dauert Jahrzehnte.
Es kommt, nicht zuletzt aus Gründen des Klimaschutzes, darauf an, den Ressourcenverbrauch um 90% drastisch zu senken.

Die nachfolgend Vortragenden bezogen sich mehr oder weniger, teilweise kritisch, überwiegend jedoch zustimmend auf den ersten Vortrag.

Hubertus Kraut, Direktor des Landesforstbetriebes (LFB), charakterisierte Entwicklung und derzeitige Situation des LFB als grundsätzlich positiv. Hier verwies er auf die „Vorräte“ im Vergleich zu anderen Bundesländern und im europäischen Vergleich. Im Jahr 2012 betrug der verwertbare Zuwachs im Landeswald 1,7 Mio. Festmeter (fm), eingeschlagen wurden 1,0 Mio. fm.
Er bestätigte die (im wesentlichen) mittelalten Bestände, Einfuhren aus anderen Bundesländern und den nennenswerten Import von Holz aus Ländern mit niedrigeren Standards und verwies auf eine kahlschlagfreie Waldwirtschaft in Brandenburg. Holz sollte jedenfalls genutzt werden, vorzugsweise als Baustoff, nicht jedoch zur Verbrennung.
Obwohl die FSC-Kriterien nur auf wenigen ausgewählten Standorten angewandt werden und z.B. das HOKAWE weiter betrieben wird sieht er eine nachhaltige Nutzung des Landeswaldes als gegeben. Jeder Kubikmeter Holz, der nicht genutzt wird, ist gut zu begründen. 2000 Mitarbeiter wollen bezahlt werden.
Es sind Pflegerückstände nachzuholen. Es geht nicht in erster Linie darum, den Holzbedarf um jeden Preis zu befriedigen sondern das anfallende Holz zu verwerten.

Freiherr von Lüninck, Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes, bescheinigte dem Wald in Brandenburg einen guten Pflegezustand. Planwirtschaftliche Ansätze in der Wald- und Holzwirtschaft sind zu vermeiden.
Der Umgang mit dem Wald darf kein Selbstzweck sein. Er befürwortet die Zertifizierung. Die energetische Nutzung darf nicht ausgeschlossen werden. Die Kritik von Dr. Bimboes am landesweit hohen Holzverbrauch für individuelle Heizungen und die Auffassung, man sollte besser Gas verbrennen, teile er nicht. Empfänger von Leistungen „Hartz IV“ können sich keine teure Pelletheizung bzw. hohen Heizkosten leisten. Er selbst und mit ihm weitere fünf Familien leben von der Waldwirtschaft. Die Wildbestände sind auf einem vernünftigen Niveau zu halten. Teilweise sind Jagdzeiten auszudehnen.

Dipl. Biol. Stefan Kreft, für das Dekanat Prof. Dr. Ibisch der HNEE, leistete einen Beitrag aus der Sicht ökologischer Forschung. Er trug vor zum Problem der Erhaltung der Funktionstüchtigkeit der Wälder unter den Bedingungen des Klimawandels. Der Klimawandel bedingt Verluste an Produktivität. Die These: „Durch den globalen Klimawandel vergrößert sich unser Nichtwissen (weiter)“ bedeutet, Handlungsweisen zu finden und anzuwenden, die sicher (no regret) geeignet sind, die Resistenz (Widerstandsfähigkeit) der Wälder zu erhöhen und deren Vulnerabilität (Verwundbarkeit) zu senken. Besonders problematisch sind die Klimaschwankungen.
Ohne das ausdrücklich so zu formulieren unterstützt er offensichtlich im wesentlichen die Thesen von Dr. Bimboes zur Pflicht eines schonenden, nachhaltigen Umgangs mit dem Wald.

Tom Kirschey, bisheriger Vorsitzender des NABU Brandenburg, trug vor zur Bedeutung der biologischen Vielfalt vor und relativierte die Aussagen von Hubertus Kraut hinsichtlich des guten Zustandes der Wälder.
Er verwies auf die besondere Bedeutung des Waldbodens als Kohlenstoffspeicher. Der vom Wald gespeicherte Kohlenstoff steckt nicht in erster Linie in der Holzmasse. Der Bestand besteht nach wie vor aus 3/4 Koniferen fast ausschließlich Kiefern im Alter von nur 40 – 80 Jahren. Der Holzbedarf bedingt eine enorm hohe Importrate. Ursachen für die derzeitigen Probleme sieht er in erster Linie darin, dass der Nachhaltigkeitsbegriff einseitig unter dem Aspekt der möglichen Erträge gesehen wird, in der Orientierung auf Massensortimente und im Bestreben des Landes, auf dem Holzmarkt als „big player“ zu agieren.
Seine Lösungsvorschläge mündeten im wesentlichen in einer Bestätigung der Thesen von Dr. Bimboes, ohne sie jedoch im einzelnen zu erwähnen.

Prof. Dr. Dieter Murach von der HNEE verwies auf eigene Ausarbeitungen und das abgeschlossene Projekt Dendrom zur Beantwortung der Frage. ob genug Dendromasse nachwächst. Er verwies besonders auf die Einschränkungen und die Tatsache, dass die Potentiale des Landeswaldes durchaus begrenzt sind. Unter Klimaaspekten leistet genutzter Wald mehr als ungenutzter Wald. Zur Nutzung des Holzes als Energieträger wies er darauf hin, dass Energieholz als Koppelprodukt bei der Holzernte anfällt;, ein gesonderter Einschlag von Energieholz ist für ihn keine Option.
Im zweiten Teil seine Vortrages beschäftigte er sich mit dem Anbau von Energieholz auf landwirtschaftlichen Flächen. Unter Beachtung der besonderen Bedingungen in Brandenburg – einerseits extreme Wasserknappheit, andererseits Überfluss an Grundwasser – sind ca. 300.000 ha für den Agrarholzanbau geeignet. Bisher wird davon nur ein kleiner Teil genutzt. Die in dieser Weise genutzten Flächen werden zwar zunehmen, es ist jedoch langfristig mit nicht mehr als ca. 100.000 t Holz pro Jahr zu rechnen.

Diskussion
Die anschließende allgemeine Diskussion mit Teilnehmern aus dem Auditorium war sehr lebhaft und wurde besonders von den anwesenden Forstleuten sehr engagiert geführt.
Das Ergebnis lässt sich kurz wie folgt zusammenfassen:
Es herrscht allgemeiner Konsens, dass die Mehrfunktionalität des Waldes zu beachten und zu respektieren ist. Die Bedeutung der Biodiversität des Waldes, seine Funktion als Kohlenstoffspeicher, die Stabilität des Systems durch Artenreichtum und eine wirksame Zertifizierung sind unstrittig.
Zum Aufbau größerer und auch älterer Bestände gibt es unterschiedliche Auffassungen.
Vollständige Einigkeit gibt es wiederum in der Kritik an Entscheidungen der Landesregierung in zweierlei Hinsicht:
Der Aufbau von Holzkraftwerken und der Abschluss von Holzlieferverträgen mit diesen Betrieben wurde von der Landesregierung mit dem Hinweis auf die zu bewältigende Energiewende erzwungen. Das Aufkommen an Energieholz reicht nicht. Der LFB muss bereits Holz aus Privatwald zukaufen, um die Lieferverträge erfüllen zu können.
Der Einsatz von Industrieholz als Brennstoff widerspricht der anzustrebenden Kaskadennutzung von Holz und der Forderung zur Herstellung langlebiger Holzprodukte.
Das Bestreben und die Entscheidungen zum Stellenabbau führt zwangsläufig zu Problemen bei einer anzustrebenden zukunftsfähigen Arbeit mit dem Wald. Bereits jetzt besteht akuter Fachkräftemangel, der sich in den kommenden zehn Jahren noch verschärfen wird. Das Durchschnittsalter der Beschäftigten des LFB beträgt derzeit 52 Jahre.
Die anwesenden Landtagsabgeordneten Gregor Beyer (FDP) und Dr. Luthardt (LINKE) nehmen das Ergebnis mit in den Landtag.

Fazit
Es wurden Fehlentwicklungen offensichtlich. Man kann dazu neigen, die Frage: „Sägen wir am eigenen Ast?“ mit „ja“ zu beantworten. Natürlich war das Wort von der „Plünderung des Waldes“ eine (gewollte) Provokation. Natürlich konnte das der Direktor des LFB so nicht stehen lassen, war aber mit seinen Gegenargumenten nicht so sehr überzeugend. Es gibt Defizite in der Pflege und Tendenzen, sogar praktische Beispiele, für Übernutzung des Waldes und es gibt praktische Gefahren für den Wald. Die gehen nicht nur vom Klimawandel und vom Nutzungsdruck aus sondern unmittelbar von der Landesregierung durch Vorgaben, wie viel Geld der Landesbetrieb zu erwirtschaften hat. Das gibt zu denken und zwingt zum Handeln.
Die Forstleute – das wurde deutlich – haben die Probleme erkannt und tun offenbar ihr bestes, um den Wald für uns alle nicht nur zu nutzen sondern zu erhalten und zu mehren. Das gibt Hoffnung. Wenn sich auch nur ein Teil der Hoffnungen erfüllt, dazu bedarf es noch harter Arbeit!, dann hat der Abend sein Ziel erreicht.
Dem Veranstalter – DIE LINKE – und den Referenten und den engagierten Teilnehmern gebührt Dank.

Nachtrag
Anknüpfend an die Vorbemerkungen bleibt noch nachzutragen, dass die Übernahme des HOKAWE durch den Landkreis gescheitert ist. Grund dafür sind nicht etwa die unwiderlegbaren Argumente der Experten – hier haben sich Landrat und die Mehrheit der Kreistagsabgeordneten erneut als beratungsresistent erwiesen – sondern die Tatsache, dass die Landesregierung dem Landrat die Übernahme des Holzliefervertrages verweigert hat. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es inzwischen ein paar Leute in der Landesregierung gibt, die erkannt haben, dass man die Energiewende nicht durch Holzverbrennung bewerkstelligen kann. Das ist ein hoffnungsvoller Ansatz.
Vielleicht hatte ja Reinhard Mey Recht, als er dichtete „Vernunft breitet sich aus über Deutschland“!
Das wäre uns allen zu wünschen.

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1 Kommentar » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Sehr interessanter Beitrag, danke dafür. Nur eine Anmerkung von mir zur gescheiterten Übernahme des HOKAWE durch den Landkreis: das ist wohl weniger einem gestiegenen umweltpolitischen Bewußtsein der Landesregierung in Potsdam geschuldet sondern meiner Meinung nach eher dem Umstand, daß das Land den Holzliefervertrag ZU DEN BISHERIGEN KONDITIONEN nicht weiterführen wollte.