Zur Schelte des Medienmainstreams am politischen Gedicht “Was gesagt werden muss” von Günter Grass

Der Schriftsteller Günter Grass hat in seinem Prosa-Gedicht „Was gesagt werden muss“ sicherlich nicht immer eine günstige Wortwahl und zutreffende Interpretation der tatsächlichen weltpolitischen Lage gefunden. Doch dass nun die meisten deutschen Medien – teilweise sogar hasserfüllt und den Autor beleidigend – über ihn herfallen, ist für mich beschämend und unserer Diskussionskultur im Land nicht würdig.
Hier ein paar Anmerkungen in Kürze, die ich zu seinem Gedicht machen möchte:

1. Es ist nicht angebracht, das Gedicht unter dem künstlerischen Aspekt zu beurteilen; einen künstlerischen Anspruch sehe ich darin nicht. Der Wert dieses Gedichtes liegt vielmehr in der politischen Aussage.
2. Die Intension von Günter Grass, von nun ab nicht mehr zu schweigen und in der Öffentlichkeit das auszusprechen, wovon er überzeugt ist, ist ehrenwert.
3. Mit der These, dass das iranische Volk durch einen israelischen Angriff ausgelöscht (!) werden könnte, hat Grass gelinde gesagt etwas übertrieben.
4. Den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad als Maulhelden zu bezeichnen, ist für mich mehr als verharmlosend. Bei ihm haben wir es mit einem Steigbügelhalter der muslimischen Geistlichkeit im Iran zu tun, der als Despot an der Spitze eines brutalen archaischen Regimes steht.
5. Grass hat Recht, wenn er verlangt, dass nicht nur das eventuell vorhandene nukleare Potenzial im Iran unter internationaler Beobachtung gestellt werden sollen, sondern auch solches in Israel. Ich möchte noch weiter gehen und fordere hierzu die Kontrolle der Großmächte (was sicherlich in der Realität aufgrund der Machtverhältnisse nicht umzusetzen sein wird).
6. Eine Kritik an der israelischen Politik hat nichts mit Antisemitismus zu tun. Es muss auch Deutschen erlaubt sein, eine solche Kritik zu üben, ohne dass gleich der Vorwurf des Antisemitismus erhoben wird.
7. Grass Kritik an deutschen Waffenlieferungen an Israel (in diesem Falle U-Boote) ist gerechtfertigt.
8. Seine Aussage, die Atommacht Israel würde den brüchigen Weltfrieden gefährden, trifft nur die halbe Wahrheit. Denn es gibt auch andere Staaten, darunter überaus agressive, die gleichsam den Weltfrieden gefährden. Die Agressionspolitik der USA mit ihren jährlich geführten Kriegen im Nahen Osten trägt ihren Teil dazu bei.
9. Im abschließenden Absatz des Gedichtes von Günter Grass sind seine versöhnlichen Töne für den Weltfrieden zu begrüßen.
10. Alles in allem sehe ich in dem Gedicht von Günter Grass fruchtbare und konstruktive Impulse für weitreichende und umfassende Diskussionen zu dieser bislang teilweise tabuisierten Thematik.

Bemerkenswert zum Thema ist die Beurteilung des Publizisten Egon W. Kreutzer, die ich an dieser Stelle gern wiedergeben möchte:

Günter Grass
Ein großer Autor hat ein friedliches Gedicht geschrieben. Wohl wissend, dass man ihn deshalb und dafür in der Luft zerreißen wird. Wohl wissend, dass die Debatte über dieses Gedicht lange anhalten wird. Wohl wissend, dass nur über diese Debatte die Aufmerksamkeit für sein Gedicht erreicht werden kann, die er sich wünschte. Die einhellige Verurteilung seiner lyrischen Meinungsäußerung, die er inzwischen selbst als “Hordenjournalismus” bezeichnet hat, droht nun allerdings, den Zweck und das Ziel seiner Verse ins Gegenteil zu verkehren. Ein Gulliver im Land der Zwerge hat seine Fesseln zerrissen – doch David mit der Schleuder hält ihn für Goliath und macht ihn nieder, nur weil er aufgestanden ist, sich aufrecht hingestellt und in freundlicher Versform gesagt hat, was er glaubte, sagen zu müssen. Die Kritik an der Politik der Israelischen Regierung, die Kritik an der Hörigkeit der USA gegenüber Israel und die Kritik an der deutschen Unterstützung dieser Politik durch die zum Teil kostenlose, zum Teil bezuschusste Lieferung von Rüstungsgütern an ein Land, dessen übersteigerter Wille zur präventiven Selbstverteidigung nun wirklich nicht bestritten werden kann, ist im allgemeinen Aufruhr gegen Günter Grass, dem nun von der veröffentlichten Meinung zum Alt-Antisemiten Gestempelten, vollkommen untergegangen.
Ist es denn unmöglich, das reale Verhalten eines Staates auch dann nüchtern und ohne Vorbehalte zu erkennen und zu benennen, wenn dieser Staat Israel heißt? Unmöglich ist es nicht.
Allüberall im Lande spricht man hinter vorgehaltener Hand über den Umgang Israels mit den Palästinensern. Allüberall im Lande spricht man hinter vorgehaltener Hand über die unerträgliche Empfindlichkeit des Zentralrats der Juden in Deutschland, der jede kleinste Kritik an Israel aus dem Stegreif zum unmittelbar bevorstehenden neuen Holocaust aufbauscht. Allüberall im Lande äußert sich Unmut über die fortdauernde Unterstützung des Staates Israel und seiner Bürger aus deutschen Steuermitteln. Doch wie zu Zeiten von Gestapo oder Stasi herrscht allüberall im Lande Angst, die privat geäußerte Meinung könnte öffentlich werden. Und dass diese Angst berechtigt ist, zeigt sich am Beispiel Günter Grass überdeutlich.
Der Mann ist prominent. Sein literarisches Werk ist großartig und weltweit anerkannt. Doch ein paar Verszeilen mit mäßiger Kritik an Israel machen all das vergessen. Zu Recht? Ganz gewiss nicht. Es kommt mir vor, als sei mit unseren Politikern und Journalisten das geschehen, was Pawlow mit seinen Hunden machte. Er hat diese Tiere darauf konditioniert, auf den Klang eines Glöckchens hin so intensiv Speichel zu produzieren, wie es normalerweise nur geschieht, wenn duftendes Futter in ihre Nähe gebracht wird. Günter Grass hat mit seinen Zeilen dieses Glöckchen berührt. Sein Gedicht ist frei von jeglichem Antisemitismus, frei von Judenhass, frei von nationalsozialistischem oder faschistischem Gedankengut, und dennoch verhalten sich alle, denen es möglich ist, ihre Meinung öffentlich weithin hörbar zu verbreiten, als habe ein rechtsnationales Bündnis in Deutschland bei den Bundestagswahlen die Zweitdrittelmehrheit erreicht. Das ist der eigentliche Skandal. Statt vernünftiger Würdigung des Sachverhalts, statt Argumenten, die sich mit der Kritik sachlich auseinandersetzen, wird uns ein bedingter Reflex dargeboten, das Ergebnis einer Konditionierung, man könnte es auch “Dressur” nennen, das bei ansonsten vernunftbegabten Menschen schlagartig das eigene Denken ausschaltet.
Soweit zur Debatte in Deutschland. Nun zur Lage in Israel. Seit Jahren fordert Israel, den Iran zu überfallen und seine Atomanlagen zu zerstören. Seit geraumer Zeit erklärt Israel, dies gegebenenfalls im Alleingang zu unternehmen, sollten die USA sich weigern, diesen Waffengang mitzugehen. Seit kurzem gibt es eine Bewegung in der Bevölkerung Israels, die sich offen gegen die Kriegsgelüste der Regierung stellt und im Internet der Bevölkerung des Iran versichert: “Wir lieben euch. Wir werden euch nicht angreifen.” Diese Botschaft ist in der iranischen Bevölkerung auf Zustimmung gestoßen. Die Liebe wird zurückgegeben. Die Menschen in beiden Staaten artikulieren, dass sie keinen Krieg gegeneinander führen wollen. Auf beiden Seiten scheint die Angst vor dem Krieg, den die eigene Regierung vom Zaum brechen könnte, größer zu sein, als die Angst vor dem jeweils anderen Volk.
Das ist eine wunderbare Entwicklung. Zeigt sie doch, dass im Zeitalter der weltumspannenden Kommunikation via Internet so etwas wie eine “Erbfeindschaft”, die es einst ermöglichte, Deutsche und Franzosen zum gegenseitigen Abschlachten in die Schützengräben zu treiben, so leicht nicht mehr in die Köpfe einzuhämmern ist, obwohl die mediale Potenz des Staates und die Potenz der von privaten Interessen gelenkten Medien größer ist, denn je zuvor. Wo also liegt das Problem? Wer braucht warum den Krieg? Eine Triebfeder ist sicherlich die Angst, die aus der Macht geboren wird. Und da werfe ich jetzt die USA und Israel in einen Topf. Beide sind auf ihrem Spielfeld die militärisch absolut überlegene Macht. Das gibt ihnen einerseits das gute Gefühl, jeder Bedrohung gewachsen zu sein, jeden Gegner, der es wagen könnte, sie anzugreifen, mühelos zurückzuwerfen und sein militärisches Potential vollständig zu vernichten. Doch zu diesem guten Gefühl gesellt sich sehr schnell ein sehr schlechtes Gefühl. In einem alten Sprichwort heißt es: “So wie der Schelm ist, so denkt er von anderen.” Also denkt man in Washington und Tel Aviv: “So wie wir auf die Idee gekommen sind, die mächtigste und unschlagbare Macht auf unserem Spielfeld zu werden, und so wie wir alle Anstrengungen unternommen haben und weiter unternehmen, dies auch zu bleiben, so könnten überall auf der Welt die bestimmenden Köpfe der Staaten auf die gleiche Idee kommen, ja es wäre sogar blöd von denen, hätten sie nicht den Plan, eines Tages selbst zur alles beherrschenden Macht zu werden. Das kann gar nicht anders sein.” Und so wird eine Unterstellung zur Gewissheit, so wird das eigene Denken und Handeln, da es ja das bestmögliche ist, zwangsweise auf alle anderen übertragen – mögen sie auch noch so friedfertig und harmlos erscheinen. Wer Weltbeherrschungsgelüste hegt, muss sich schließlich zwangsläufig bemühen, so lange wie möglich friedfertig und harmlos zu erscheinen, um nicht vorzeitig “entdeckt” und “gestoppt” zu werden. Und diese Gewissheit, verbunden mit der natürlichen Arroganz der Macht, verlangt, dass alle potentiellen Gegner ständig schärfstens überwacht und kontrolliert werden. Und weil selbst die modernste Aufklärungstechnik noch irgendwo eine Lücke aufweisen könnte, verlangt man von jedem verdächtigten Staat, dass er von sich aus Einblick in seine Pläne und Vorhaben gewährt, dass er alles offenlegt, weil – und jetzt kommt das Totschlagargument – wer nichts zu verbergen hat, auch nichts zu befürchten braucht.
Wer sich da noch auf seine Souveränität beruft, und sich weigert, die Kontrolleure der Supermächte bei sich schnüffeln zu lassen, gerät schneller auf die Abschussliste als ein kapitaler Sechzehnender im bayrischen Staatsforst. Wir sind am Übergang von der absoluten militärischen Überlegenheit zur absoluten Hegemonie. Die Weltregierung lässt grüßen. Und diese heraufziehende Weltregierung – so wünschenswert die “Eine-Welt-Regierung” im Sinne des friedlichen Zusammenlebens aller Menschen im Grunde wäre – nimmt, je näher sie kommt, immer mehr die Züge einer totalitären, kontrollwütigen, menschenverachtenden Herrschaft im Geiste einer alleinseligmachenden Ideologie an. Wer dies erkennt, und vorsorglich sein Fähnchen in den Wind hängt, also zum Mitläufer oder zum Kollaborateur wird – hier verschwimmen in diesem Fall die Unterschiede – kann, bis zum bösen Erwachen, ruhig schlafen. Zu Kontrollzwecken lässt die Herrschaft allerdings hin und wieder ein Glöckchen erklingen (z.B. indem man Günter Grass die Gelegenheit gibt, sein Gedicht in die Medien zu heben) – und obwohl es weit und breit nichts zu fressen gibt, setzt überall der Speichelfluss ein. Weh denen, die da nicht freudig mitsabbern.


Veröffentlicht von

Dr. Andreas Steiner, Diplom-Geograph und Waldökologe, lebt seit 1999 im Barnim. Als Fachgutachter ist er bei einem Projektträger des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in Berlin beschäftigt, der innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekte von klein- und mittelständischen Unternehmen im Bereich Technologie betreut. In seiner Freizeit engagiert sich der Querdenker und -tuer schwerpunktmäßig in der Umwelt- und Sozialpolitik. Im Rahmen der Brandenburger Kommunalwahlen 2008 wurde er als Parteiloser für Bündnis 90/Die Grünen in die Eberswalder Stadtverordnetenversammlung gewählt. Ende 2011 musste er dieses Mandat aufgrund seiner Entscheidung, den Wohnsitz in die Gemeinde Schorfheide zu verlegen, leider aufgeben. Als überzeugter und aktiver Gewerkschafter gehört Steiner der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di an. Zugleich ist er Mitglied der GRÜNEn LIGA Brandenburg und der NaturFreunde Oberbarnim-Oderland. Seine Hobbys sind Wandern, Radfahren, Schwimmen, Saunieren, Kochen – und natürlich der ehrenamtliche Journalismus, insbesondere wenn es um die Behandlung kritischer und brisanter Themen geht.

2 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Das über Grass verhängte Einreiseverbot nach Israel ist die beste Bestätigung für seinen Text.
    Gundermann sprach gerne, wenn es um Liedtexte ging von der Unterscheidung von Kampfwert und Kunstwert.
    Im Grasstext dominiert deutlich der Kampfwert – deshalb ist er so umstritten. Das hätte ein reines Kunstwerk nicht geschafft.
    Ich hätte nicht gedacht, dass ein Gedicht so viel Staub aufwirbeln könnte. Das ist unglaublich. Das kennt man eher aus undemokratischen und totalitären Systemen, wo die Dichter eine politische Ersatzfunktion haben.
    Sind wir in der BRD schon (wieder) so weit?

    Grass-Bashing als Volkssport? Vielleicht als neue olypische Disziplin. H.M Broder ist zu toppen, nur Mut, Freunde , nur Mut!°

  2. Günter Grass – Mahner für Frieden und Kämpfer gegen das Meinungskartell

    Grass hat es mit einfachen Worten geschafft, Deutschland und die politischen Heuchler in aller Welt gehörig wach zu rütteln. In der maßlosen Kritik an seiner wichtigen Meinungsäußerung fällt besonders eins auf und dies ist das Erschreckendste: Das typisch oberflächliche, bloß reflexhafte, völlig unphilosophische, politisch scheinheilige und sogar vernunftwidrige Denken in schlichten Gegensätzen! Hier wird der klassische politische und moralische Fehlschluss wieder einmal mit aller Deutlichkeit offenbar: Entweder oder – entweder die einen oder die anderen sind schuld an der bedrohlichen Lage. Aber warum denn eigentlich nicht beide Kontrahenten zugleich, was doch der Wahrheit entspricht? Ist es denn so schwer zu begreifen (und ehrlich zuzugeben), dass sowohl Iran als auch Israel derzeit den Weltfrieden massiv bedrohen, wobei völlig unerheblich ist, wer den größeren Anteil verantworten muss oder die bessere moralische Position einnimmt? Andererseits darf man sehr wohl einen aktuellen Aspekt besonders betonen, so wie Grass, wenn er zu wenig Aufmerksamkeit bekommt. Weit davon entfernt, Israel zu beleidigen, sagt es Grass doch sehr deutlich, dass im Iran seiner Meinung nach – und die ganze Welt weiß es – ein furchtbares und gefährliches Terrorregime herrscht. Es darf nicht in den Besitz einer Atombombe gelangen. Nun sollte man jedoch nicht in eine menschenverachtende Ideologie verfallen und plötzlich einen Angriffskrieg gutheißen, noch dazu mit atomaren Waffen. Was kann politisch verwerflicher sein als Völkermord, der hier das konkrete Bedrohungsszenario darstellt? Wer Unrecht begeht oder begehen will, muss zumindest beim Namen genannt werden. Günter Grass kritisiert den aktuellen Aggressor, der schon in der Vergangenheit nicht nur Drohgebärden ausstieß. Ein kleiner Schönheitsfehler dabei ist seine etwas aufgesetzt heldenhafte Pose, in der Sache hat er jedoch völlig Recht. Seine Sorge um den Frieden ist authentisch.

    Einseitig zu betonen, der Iran sei schuld, alleiniger Verursacher der Gefahr, und somit könne/dürfe Israel kein Vorwurf gemacht werden, hat doch mit vernünftigem Argumentieren rein gar nichts mehr zu tun. Genau das prangert Grass an. Wir werden von den Medien und sensationsgierigen Journalisten mit falschen Ehr- und Wertbegriffen nicht nur gelegentlich für dumm verkauft, sondern systematisch indoktriniert. Und das ist der Skandal, nicht ein absichtlich auf Krawall gerichtetes, aber dennoch völlig harmloses Pamphlet. Gegen die erschreckend verbreitete Desinformation und die gern benutzten Verdummungstaktiken gilt es zu protestierten. Das muss den Bürger, uns alle, in Alarm versetzen. Eine wohlüberlegte, berechtigte und offensichtlich notwendige Meinungsäußerung zu schelten, lenkt lediglich vom wahren Problem ab. Der Literaturnobelpreisträger geht keineswegs verantwortungslos mit seiner Popularität um. Die Medien dagegen zeigen in ihrer sehr eintönigen Reaktion ihr wahres Gesicht, sie lassen schamlos ihre Macht spielen und kurbeln dabei gekonnt den eigenen Profit an. Eilfertig werden Meinungen hinaus posaunt, ohne sachgerechte Überlegung und oft wider besseres Wissen, allein aus ökonomischen Interessen. In den Chor einzustimmen ist ja so einfach! Sachkenntnis, Analyse der Standpunkte, Argumente, tiefere Überlegungen – Fehlanzeige! Dieser Mangel an Qualität wird allerdings noch überboten durch den unethischen Versuch, einseitige Meinungen zu erzeugen und zu lenken. Unbequeme Gegenstimmen werden niedergemacht, wenn Ignoranz zur Unterdrückung nicht mehr ausreicht.

    Kaum war es jemals so offensichtlich: Man will uns Denkverbote auferlegen und schämt sich nicht, dies in unserer vielgelobten Demokratie hemmungslos zu praktizieren, allen aufzuzwingen, ja die vorgefertigten Schablonen noch dazu als vernünftig auszugeben. Wer trotz aller Medienhysterie, die eine unerhörte geistige und emotionale Manipulation entfaltet, noch einigermaßen frei denken kann, muss doch irgendwann dahinter kommen, dass man 1. immer beide Seiten einer Situation betrachten sollte und 2. in Wirklichkeit jedes beliebige Problem noch viel mehr als nur zwei Gesichtspunkte aufweist.

    In ganzheitlicher, unabhängiger, übergeordneter Betrachtung, wie man sie von mündigen Menschen und erst recht von Polit-Profis erwarten muss, ist doch vollkommen klar: Nicht lediglich der Iran stellt eine ernste Bedrohung für den Weltfrieden dar, sondern zunächst mal Israel, wenn es unverhohlen mit einem atomaren Erstschlag droht. Allerdings ist diese Wahrheit offenbar mit einem Bannfluch belegt, niemand darf sie aussprechen, schon gar kein Deutscher, der gefälligst schuldbewusst Demut zu üben hat. Absurderweise spricht Grass selbst diese Schuld (eine Erbschuld des ganzen Volkes?) konkret an, ohne dass ihn dieser Winkelzug vor der erwartungsgemäß vernichtenden Kritik retten konnte.
    Der Iran ist nach über zehn Jahre dauernder Verschleppung von Verhandlungen sehr wahrscheinlich bereits im Besitz der Atombombe, mit Sicherheit hat er es aber geschafft, die Weltöffentlichkeit wie auch die UNO schmachvoll an der Nase herum zu führen und über seine eindeutigen Absichten zu täuschen. Vermutlich haben die Israelis, wie manche Experten und Geheimdienste, ein entscheidendes Mehrwissen zur wahren Lage im Iran. Aber das kann ihnen nicht das Recht geben, den Nahen Osten in Flammen zu setzen, dauerhaft zu destabilisieren oder gar den dritten Weltkrieg auszulösen, was ein durchaus denkbares Szenario, eine sehr reale Gefahr darstellt. Journalisten, die dies nicht erkennen und zu äußern wagen, werden ihrer Verantwortung nicht gerecht. Es scheint bald so, als solle die Welt auf einen neuen, verheerenden Krieg eingestimmt werden!

    C.F. von Weizsäcker (1912-2007), der ältere Bruder des ehemaligen Bundespräsidenten, seines Zeichens nicht nur Naturwissenschaftler, sondern Philosoph und Friedensforscher, sehr bewandert in politischer Theorie und Fragen der Diplomatie, nannte den jetzt wieder beobachtbaren Zusammenhang „politischen Syllogismus“. Dieser große Mahner und Kulturkritiker von feinstem Schliff wies damit auf ein höchst unvernünftiges, unlogisches, verkürztes Denken hin, das leider sehr weit verbreitet ist. Es ist überaus primitiv, bewegt es sich doch in schlichten Gegensätzen. Stammtischniveau ist ein anderer Ausdruck dafür. Was Weizsäcker vornehm als „Syllogismus“ bezeichnete, hat sich heute zur ausgewachsenen politischen und journalistischen Unsitte entwickelt, die kaum noch auffällt. Dahinter steckt eine Unfähigkeit oder gar der bewusste Unwille, korrekte logische Schlüsse zu ziehen und Situationen in der Gesamtheit mit all ihren Facetten zu beurteilen.
    Nur zu gern wird mit dieser fatalen Denkformel operiert: „Das Verhalten meines politischen Gegners führt zum Unglück, also führt mein Verhalten zum Glück.“ (Weizsäcker). Dies entspricht letztlich der selbstgerechten Dummheit, zu denken, „ich habe (immer) recht, also hat der andere unrecht“. Es gibt nur jeweils zwei Standpunkte. Ist der eine falsch, so muss wohl der andere „automatisch“ richtig sein“. Jede weitere Überlegung, sich gar in die Lage des anderen hinein zu versetzen, erübrigt sich da. Das verhindert Problemlösungen durch Einsicht, denn der festgelegte Standpunkt ist offensichtlich unverrückbar, es erschwert Verhandlungen und macht sie zur Farce, falls sie doch gelegentlich zustande kommen. Auf diesem geistigen Boden gedeihen Unvernunft und, was noch schlimmer ist, blinder Hass! Es dürfte jedem einleuchten, dass derartige „Denkökonomie“ unphilosophisch und unpolitisch ist. Hass und Panikreaktionen sind weit verbreitet und insofern eine traurige Realität. Wurzel des Übels ist jedoch eine Fehleinschätzung, eine unsaubere Logik, die sicher nicht auf unsere reale Welt passt. Sie kann den Menschen keinen guten Dienst erweisen, dennoch wird der Teufelskreis nicht unterbrochen, nicht einmal in aufgeklärten und angeblich freien Gesellschaften wie der unsrigen. Der eitle Medienrummel, gewinnträchtig und systemerhaltend, wird mit Hilfe vernunftferner Meinungsmache kräftig am Laufen gehalten. Natürlich gibt es (noch) keine völlige Gleichschaltung und so macht man sich das einfachste, aber wirkungsvollste aller Prinzipien zunutze: Teile und herrsche! Die Leute werden in zwei Lager gespalten (Meinungen pro und contra) und schlagen sich womöglich die Köpfe ein, ohne eigentlich zu wissen, warum sie sich aufgeregt haben, vermutlich nur über die eigene Dummheit. Politisch ist der Vorgang eine sehr bedenkliche, antidemokratische, friedenvernichtende Kraft. Denn die herrschenden Vorurteile werden verstärkt und bei Bedarf können schließlich auch massive Feindbilder rasch wiederbelebt bzw. neu installiert werden.

    Doch bei aller manipulativen Energie, die gegen das Volk, gegen den unbedarften und bereitwillig demokratiegläubigen Normalbürger entfaltet wird, eins darf man ihm nie ganz absprechen: Die prinzipielle Fähigkeit, genauer nachzudenken. Wer sich nicht verdummen lassen will, muss die wahre eigene Verantwortung und Freiheit erkennen: aufmerksam zu bleiben und möglichst unabhängig zu denken. Wenn der Unmut wächst, dann vielleicht auch die grandiose Fähigkeit, dem Meinungskartell (Zeitungen, Magazine, Fernsehen, Parteien) nicht länger auf den Leim zu gehen. Lügen und Halbwahrheiten entlarven sich sehr schnell, schon bei relativ geringer Denkleistung. Man muss nur ein gewisses Gespür dafür entwickeln und die Warnsignale (z.B. den üblichen Fehlschluss und inszenierte Diffamierungen) kennen. Wenn sich das menschliche Urteilsvermögen auf schändliche Weise selbst reduziert, z.B. indem es schwarz/weiß-Denken nicht erkennt oder gedankenlos hinnimmt, so ist letztlich auch die Demokratie stark gefährdet.
    An der Causa Wulff wurde sehr deutlich, dass die Menschen nicht länger bereit sind, Unehrlichkeit und Vorteilsnahmen durchgehen zu lassen, sie haben bereits ein feines Gespür entwickelt. Dies macht Hoffnung, wenngleich gerade auch hier der Journalismus seine Rolle als Anheizer trefflich ausspielte. Das schizoide, unehrenhafte Kleben an der Macht hat sich längst selbst entlarvt, nun ist es an der Zeit, dem Meinungskartell das Vertrauen zu entziehen. Selbst denken ist die Devise! Meinungsäußerungen, ob von Einzelnen wie Grass oder der Masse des Volkes, haben sehr wohl politische Wirkungen.