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Ein Aufschrei geht durchs Land: Der Brandenburger „Tempo 70-Erlass“ und sein Für und Wider“

Es gibt in unserem Land offensichtlich kaum einen Anlass der, zumindest sofern es nicht das eigene Wohngebiet betrifft, die Menschen mehr erregt und im Protest solidarisiert als ein angekündigtes Tempolimit. Der deutsche Autofahrer, im Selbstverständnis Einiger ohnehin eine „verfolgte und geschröpfte Kreatur“ verliert in solchen Fällen regelmäßig den Humor und durchaus auch den Sinn für Sachlichkeit.

Kürzlich haben die brandenburgischen Ministerien für Infrastruktur bzw. Inneres die Landkreise in einem gemeinsamen Runderlass (siehe Amtsblatt ab Seite 1497) dazu aufgefordert „in besonders gefährdeten Alleen oder baumbestandenen Straßen Tempo 70 anzuordnen“. Ausgangspunkt der Forderung ist eine noch immer hohe Zahl tödlicher Verkehrsunfälle (2010 waren es 78) die (nicht nur an ausgemachten Unfallschwerpunkten) an einem Baum enden.

Was man sich davon verspricht? Nun, zunächst einmal verringert sich Aufprallenergie der Fahrzeuge  durch eine Absenkung  von 100 auf 70 Stundenkilometer  um bis zu 50 Prozent . Zur Frage der Sinnhaftigkeit haben umfangreiche Datenerhebungen der Polizei  ergeben , dass Tempo 70 von nur von 3 Prozent der Verkehrsteinehmer „mit bis zu 20 km/h überschritten wird“ währen es bei Tempo 100 immerhin 23 % sind.

Der erwartete Aufschrei blieb nicht aus. „Abzocke“, bürokratischer Unfug, „nicht umsetzbar“ – die Argumente werden mit Vehemenz und durchaus auch mit medialer Unterstützung vorgetragen. Längst haben verschiedene Landräte (von unserem Bodo Ihrke habe ich noch keine eindeutige Positionierung gefunden) die Gelegenheit genutzt sich als Bürgerfreund zu profilieren und wettern munter gegen den Unfug von „Denen da oben“.
Wie fast nicht anders zu erwarten war befindet sich Gernot Schmidt (Märkisch-Oderland), in der Vergangeheit vornehmlich als „Biberjäger“ im Gedächtnis geblieben, an der „Spitze der Bewegung“. Tempo 70 sei für ihn „der falsche Weg, um Unfallzahlen zu senken“ und dem Pendlerverkehr nicht zuzumuten. „Für unsere Straßen“, so Schmidt, „werden wir den Erlass umgehen.“

„Ein Herz für Pendler“ möchte auch die IHK Ostbrandenburg beweisen.
Tempo 70″, heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung,

„wäre eine weitere Belastung für alle, die in Brandenburg oft und weit fahren müssen: Gewerbetreibende, Lieferverkehr, Pflegedienste und Arbeitnehmer und nicht zuletzt der Öffentliche Personennahverkehr. Werden Kraftfahrer das Tempolimit akzeptieren? Überholen von Lkw oder Landwirtschaftsfahrzeugen wäre kaum noch möglich. Fahrpläne müssen verändert werden. Für Transporte von Menschen und Gütern, wie sie heute geleistet werden, wird ein höherer Aufwand entstehen.“

Zum befürchteten Zeitverlust hat sich übrigens auch das „Vogelsänger Ministerium“ bereits positioniert. Demnach ergab die Auswertung von über 1000 Ortsverbindungen

„eine Durchschnittliche Entfernung zwischen zwei Ortschaften von 3,8 Kilometern(…). Das bedeutet bei Tempo 100 = 2,3 Minuten und bei Tempo 70 = 3,3 Minuten, also höchstens 1 Minute mehr. Schon eine einzige Ampel mit Umlaufzeit 180 Sekunden kann diesen „Zeitvorteil“ zunichte machen. Außerdem hat die Auswertung von 64 automatischen Messstellen ergeben, dass werktags die Durchschnittsgeschwindigkeit für PKW mit 74 km/h und für den Schwerverkehr mit 63 km/h auf Bundesstraßen gemessen wurde.“

Vertreter der Polizei, angesichts ihrer personellen Lage und Perspektive ganz sicher nicht scharf auf „nutzlose Mehrarbeit“, beurteilen die ministeriale Initiative übrigens offenkundig als eher sinnvoll. Eine Polizeisprecherin des Landkreises Oder-Spree geht z.B. davon aus,

„dass sich die geringere Geschwindigkeit positiv auf die Unfallzahlen auswirken werde. Im Jahr 2010 gab es 200 sogenannte Baumunfälle im Schutzbereich, zu dem der Landkreis Oder-Spree und Frankfurt (Oder) gehören. „Ob das viel oder wenig ist, vermag ich nicht einzuschätzen“, schränkt die Polizistin ein. Jedoch seien die Hälfte der Unfälle am Baum mit Verletzten (99) verbunden, acht Personen starben. 2009 waren es 225 Baumunfälle, bei denen 103 Menschen verletzt und vier getötet wurden. „Das ist schon sehr viel“, macht die Polizeisprecherin deutlich. Ein Baum gebe beim Aufprall nunmal nicht nach. Werde der Erlass auf den Straßen durchgesetzt, dann folgen auch „massive Kontrollen der Polizei“(…).

Pro und Contra „Tempo 70-Erlass“: Was sagt ihr?

Ein Aufschrei geht durchs Land: Der Brandenburger
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9 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Ich bin definitiv kein Verfechter von Tempo-Limits, bei Tempo 30 für Berlin stellen sich mir die Nackenhaare auf, auf der Autobahn findet man mich oft ganz links.

    Die Situation zumindest im Barnim ist aber anders: Nahezu alle mir bekannten Landstrassen sind derart unübersichtlich und eng, dass bereits Tempo 80 oft halsbrecherisch wirkt. Habe mich schon bei etlichen Strassen gefragt, ob ich irgendwelche Schilder übersehen habe, oder meine Kenntnisse bezuglich des Tempo-Limits auf Landstraßen auffrischen muss. Aus meiner Sicht wäre ein generelles Limit von 70 oder 80 km/h auf brandenburger Landstraßen absolut sinnvoll. Auf den wenigen gut ausgebauten Landstraßen kann es ja angehoben werden.

  2. Was sagt denn die Statistik? Haben sich die Unfallverursacher an ein Tempolimit gehalten?
    Ich glaube, auf den Alleen wird gemäß (Alkohol-)Zustand und Selbsteinschätzung gefahren und nicht nach Tempolimit oder irgendwas drüber.

    Also bitte solchen Unfug lassen oder gleich richtig konsequent durchsetzen: Bei Tempo 30 passieren deutlich weniger lebensgefährliche Unfälle. Da die Leute ja laut Polizei sowieso 20 km/h mehr fahren als erlaubt, sollte man einfach die Landstraßen auf 10 km/h begrenzen. Dann geht die Anzahl der Verkehrstoten dramatisch zurück – ebenso wie die Besiedlung der Fläche Brandenburgs.

    Tempolimit 130 auf Autobahn ist in Ordnung, 70 auf Landstraße ist nur, damit man sieht, die Politiker machen sich Gedanken…

  3. Schade ist bei den meisten Themen wie auch hier das die meisten Ottonormalverbraucher sich nicht zu Wort melden da sie der Meinung sind sie können sowieso nichts ändern.
    Richtig aktiv sind nur immer die sogenannten Vordenker die für Tempolimit,Flugverbote,gegen Co2 Verpressung gegen oberirdische Freileitungen und was weiß ich noch alles sind.
    Das wird dann in den Medien so hingestellt als wäre das die Meinung der Bevölkerungsmehrheit.
    Ich habe 16 Mitarbeiter und davon sind 14 gegen Tempolimits auf Autobahnen und Bundesstraßen.
    So ungefähr stellt sich das auch bei anderen Themen dar.

  4. Hallo Bodo,

    ich bin jetzt wirklich keiner der Vordenker – trotzdem ist 130 als Tempolimit auf Autobahnen ausreichend. Vielleicht sag ich das ja auch nur, weil ich keinen Porsche oder Audi habe.
    CO2-Verpressung, das sagt mir der Menschenverstand, dass wenn ich was Schädlcihes in die Erde verbuddele, dass es dann noch lange nicht weg ist.
    Da die meisten Beiträge HIER aber von den Grünen kommen, wundert es mich auch nciht, dass deren Standpunkte hier stark vertreten werden. Ich würde mich auch über andere Blogger hier im Bar-Blog freuen, aber zur Zeit ist Stefan einfach der Fleißigste.

  5. > trotzdem ist 130 als Tempolimit auf Autobahnen ausreichend. Vielleicht sag > ich das ja auch nur, weil ich keinen Porsche oder Audi habe

    Oder weil Du keine Schwiegereltern am anderen Ende der Republik hast… ;-)
    Für kurze Strecken mögen 130 sicherlich ausreichen, auf längeren Strecken fällt es mir aber schwer bei 130 konzentriert zu bleiben. Es häufen sich massiv die Flüchtigkeitsfehler: Blinker vergessen, zu dicht aufgefahren, schlecht ausgescherrt beim LKW überholen, Geschwindigkeitsbegrenzung übersehen, … nicht nur peinlich, sondern radikal gefährlich. Die Unfallstatistiken scheinen zu belegen, dass die Richtgeschwindigkeit auf Autobahn eine sinnvolle Einrichtung ist. Daher ist es auf gut ausgebauten Autobahnen schon sinnvoll, dass jeder selber eine angemessene Geschwindigkeit findet. Angemessen! Schneller als 160, 180 ist sicherlich auch auf der Autobahn fragwürdig. Genauso wie mehr als 70 auf den meisten Barnimer Landstraßen absurd ist.

  6. Hallo Mathias,

    in Baden-Württemberg hab ich in der Tat keine Schwiegereltern. Meine Eltern wohnen vier staufreie Autostunden entfernt und meine Schwiegerelter drei.

    Bei den von Dir geschilderten Problemen ist es eher ratsam, eine Pause einzulegen, an statt die Geschwindigkeit zu erhöhen.

  7. Andreas, wusste dass jetzt „mach Pause“ kommt, nur mache ich die alle zwei, bis drei Stunden. Doch abseits aller Ideologie helfen die überhaupt nichts: Ein gelangweiltes Hirn ist und bleibt unaufmerksam. Wenn das Geschehen auf der Straße einen nicht fordert, ist die Aufmerksamkeit dahin.

    Falls Dir die Autobahn ein zu abstraktes Reizthema ist, dann gehe bitte in Dich und rekapituliere wie Du mit täglichen Routinestrecken umgehst. Wenn Du ehrlich bist, musst Du Dir eingestehen, auch dort vor Langeweile unzählige Flüchtigkeitsfehler zu machen: Dein Gehirn ist unterfordert und schaltet ab.

  8. @Mathias,
    Du machst mir einfach nur Angst.
    Siehst ein, dass Du beim „normalen“ Autofahren nicht Herr über Dich und das Fahrzeug bist und meinst das durch mehr Geschwindigkeit ausbügeln zu können.
    *kopfschüttel*

  9. Die Raserei in Wäldern mit starkem Wildwechsel sollte automatisch zur Pflicht führen, nicht schneller als 70 zu fahren. Die L19 zwischen Herzberg bis Beetz ist permanenter Unfallschwerpunkt. Neben mehreren toten Menschen durch Raserei gehört es zur Regel, dass mehr Wild breit gebrettert wird, als die Jäger mit der Jagd erlegen. Außerdem hat diese L19 eben links und rechts alte Bäume stehen, die systematisch durch die Raserei dezimiert werden.

    Allein vor unserem Grundstück haben wir auf einer Länge von 100 Metern mindestens einen Wildunfall mit Dammwild jährlich. Die vor unserem Hause im Außenbereich Herzbergs vorhandene Geschwindigkeitsbegrenzung hat man gleich mit Übernahme des Grundstücks durch uns entfernt, ebenso die Bushaltesstelle und das vorhandene Straßenschild zur Kennzeichnung der Straße. Für Grundstücke im Außenbereich haben Kommunen in „willkürlicher rechtlicher Selbstbestimmung“ offensichtlich keine Kennzeichnungspflicht für die Straßen mehr.

    Verantwortliche bis hin zur Polizei vertreten die Auffassung, dass die Straßen zum Fahren da sind und Wild auf diesen nichts zu suchen hat. Da werden einem extremen Raser auch gleich mal die Schäden für die Versicherung bescheinigt, die er sich einfing, nachdem er das Dammwild mehr als 50 Meter im Frontgrill mitschleppte, abwarf und nach weiteren 75 Metern zum Stehen kam. Da müssen wohl nicht 80 oder 100, sondern 120 oder mehr auf der L 19 bei Nacht gefahren worden sein. Man verzichtet im Interesse der Bescheinigung auch großzügig auf genaue oder auch nur schätzungsweise zutreffende Vermessungen.

    Aus solch fragwürdigen Beurteilungs- und Verhaltensweisen resultiert wohl dann ausnahmsweise Betrug gegenüber der Versicherung, die einspringt, während unschuldige Unfallopfer fortlaufend von Versicherungen um ihre Rechte und Ansprüche betrogen werden. Betrug muss also nur staatlich und korrupt legitimiert werden, dann funktioniert er im Interesse der Betrüger.

    Wir haben als Menschen natürlich auch nichts auf dieser Straße zu suchen, denn sie gehört dem Territorium des BL Brandenburg und ihre Überquerung ist ein Risiko, wenn Raser mit 150 und mehr hier durchrauschen. Für Zweiräder ist es eine Rennstrecke. Nun erfahren wir über diese immer wieder, dass sich dieser und jener totgefahren hätte, doch wachsen die Raser immer wieder neu nach, wie die Pilze im Walde.

    Brutalität und Rücksichtslosigkeit haben die Grundregel von Vorsicht und gegenseitiger Rücksichtnahme völlig außer Kraft gesetzt, also abgeschafft. Allerdings steht sie noch im Gesetz auf Papier, aber Gesetze und Papier sind geduldig, wenn es um die Auto- und Raserlobby geht. Geld treibt man mit Ordnungsstrafen lieber mittels hinterhältiger Fallen ein, weil auch ein monatliches Soll an Bußgeldern erfüllt werden muss.

    Stefan Köhler & Petra Haupt
    Rüthnicker Str. 1, 16835 Herzberg