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400 Jahre Rathaus Schilda

Jeder kennt die Geschichte: Nachdem die Schildaer vergessen hatten, in ihr neues Rathaus Fenster einzubauen, versuchten sie auf jede erdenkliche Art, Licht in die Amtsstuben zu bringen. Die Überlieferung bricht an der Stelle ab, an der die Schildaer das Licht in Säcken einfangen wollten, um es in das Rathaus zu tragen.

Was heute aber kein Mensch weiß: Die Schildaer haben noch immer kein Licht in ihrem Rathaus. Seit 400 Jahren versuchen eigens ausgebildete Büttel der Stadt, das Licht in Säcken in das Rathaus zu bringen. Jeden Tag, acht bis 12 Stunden lang, auch in der Neuzeit, nur unterbrochen von Frühstücks- und Mittagspause. Als man vor 20 Jahren den neuen Bürgermeister wählte, hatte dieser extra ein Lichtkonzept für das Rathaus erstellen lassen. Umsonst. Es ward kein Licht in der Schildaer Verwaltung.

Die Bürgermeisterstraße in Bernau bei Berlin

Ansonsten bewies der neue Bürgermeister Hugo Füsske fast täglich eine glückliche Hand mit Papier. Dem Lichtkonzept folgten das Marktkonzept, diesem wiederum das Denkmalskonzept und wenig später das Kunstkonzept der Stadt Schilda.

Auch war wohl jedem klar, dass dringend ein lichtdurchflutetes Rathaus her musste. Allerdings kamen die eigenartigen verglasten Löcher in dem für 1,4 Millionen Taler erworbenen Altbau den Ratsherren so komisch vor, dass sie das Gebäude umgehend abreissen und das Konzept für eine neues Rathaus erstellen ließen.

Das Bahnhofvorplatzkonzept wurde ergänzt vom Parkhauskonzept, welchem wiederum das Fahrradparkhauskonzept und das Parkraumbewirtschaftungskonzept folgten. Vergessen dürfen wir auch das Fahrradwegekonzept nicht, über das genauso heftig diskutiert wurde wie über das Bolzplatzkonzept und das Ortsumgehungskonzept. Für letzteres hatte man vor langer Zeit sogar schon einmal den Vertreter des Herzogs erwärmen können, bis allen Beteiligten wieder die Füße einschliefen, ohne dass die dringend benötigten Goldstücke in die Kasse der Stadt purzelten.

Das Rettenwirparteifreundedesbürgermeistersvordembankrottkonzept und Erweiternwirirgendwannmaldiefeuerwehrkonzept wurden nicht so leidenschaftlich, aber im Zusammenhang diskutiert, blieben allerdings weitgehend geheim. Der Bürgermeister und interessierte Ratsherren hatten einfach rechtzeitig den städtischen Ausrufer betrunken gemacht und in den Hungerturm gesperrt, so dass der vorlaute Bursche ausnahmsweise keine Geheimnisse verraten konnte.

Das Stadthallenkonzept und das Tuchmacherhauskonzept wurden outgesourct, so dass der Schildaer Bürgermeister nichts mehr mit diesen ungeliebten Themen zu tun hatte. Dafür delektierten sich die Ratsherren mit Hugo Füsske an der Spitze am Friedhofs- und am Winterdienstkonzept. Am Planschenkonzept hatte der Winter mit Erfolg seine Kraft erprobt und am Schimmbadkonzept sollen sich schon alle Vorgänger von Füsske die Zähne ausgebissen haben. Erste Pläne für ein Schwimmbad gab es der Stadtchronik zufolge schon vor 400 Jahren.Das Schwimmbad war nie gebaut worden. Die Plansche hatte die Halbwertzeit eines Lolliballs und musste nach jedem Winter neu errichtet werden.

Aber die Meisterleistung unseres Schildaer Bürgermeisters war das Einzelhandelskonzept. Nachdem ein reicher, auswärtiger Kaufmann- mit dem üppigen Wohlwollen von Bürgermeister Füsske und der meisten Ratsherren ausgestattet- einen wahren Einkaufspalast am Rande der Stadt errichtet hatte, mehrten sich die Stimmen von anderen Händlern, die eine Abwahl von Füsske forderten. Denn der reiche Patrizier warb ihnen mit seinem Einkaufspalast die dringend benötigten Kunden aus der Innenstadt ab! Da im Rathaus immer noch kein Licht war, wurde das nunmehr schnellstens ausgearbeitete Einzelhandskonzept außen am Rathaus der Stadt Schilda in Stein gemeißelt. Auf immer und ewig sollte die Ansiedlung neuer Händler oder gar von Handelszentren verhindert werden! Und während die unendlich vielen und vor allem in der Erarbeitung teuren Konzepte des Bürgermeisters Füsske in einem großen Eichenschrank im lichtlosen alten Rathaus langsam aber sicher zu Moder zerfielen, war das Einzelhandelskonzept der Stadt Schilda das einzige Konzept, das wenigstens ansatzweise beachtet und vor allem niemals wieder verändert wurde.

P.S. Da der Mediamarkt in Bernau-Rehberge jetzt auch mit dem Wohlwollen des Bürgermeisters gebaut werden kann, sind in dieser Geschichte evtl. auffallende Ähnlichkeiten mit real existierenden Städten, Bürgermeistern oder Ratsherren natürlich rein zufällig und dienen lediglich unserer Erbauung. Wie man sieht, ist es in Schilda noch viel schlimmer als anderen Orts.

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Veröffentlicht von

Dr. Valentin ist ursprünglich Schönower, lebte aber 31 Jahre in Berlin, bevor er 1996 wieder in sein Heimatdorf zog und sich seitdem über die Kommunalpolitik wundert. Er ist promovierter Diplom-Ingenieur und betreibt eine kleine Firma mit dem Schwerpunkt Im- und Export von Medizintechnik für den operierenden Augen- und HNO-Arzt. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Sein allergrößtes Hobby ist zur Zeit sein privater Blog, über den er sich in fast jeder freien Minute Gedanken zur Themenauswahl macht. Im Urlaub und an den Wochenenden im Sommer findet man ihn meist mit dem Canadier auf den Brandenburger und Mecklenburger Gewässern. Wenn er in seiner restlichen Freizeit nicht mit seiner Frau und dem Hund lange Spaziergänge unternimmt, liest er sehr gern und hört fast alle Arten von Musik – von heavy metal bis Bach.

7 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Ein wunderbarer Artikel, den man noch um das Gewerbezoneneinsaußerkraftsetzungskonzept erweitern könnte, mit der Begründung, dass in Rehberge die erste Barnimer U-Bahnstation mit angegliedertem und wachsendem Recyclinghof des Rittergeschlechts von Wurststulle seit Jahren mit freiem Treiben belohnt wird und sich nach wie vor Herr Füsske darüber freut, wie geschmiert das alles läuft.

    • Lieber „kalter Kaffee“,
      auch wenn dieser Artikel in der Rubrik „Satire“ veröffentlicht wurde, bitte ich um Beachtung der Spielregeln. Also bitte Klarname, sonst Spamfilter.

  2. Sehr gute Satire!
    ich möchte nur noch hinzufügen:
    Glücklos waren auch die Bemühungen des Bürgermeisters Füsske mit der Ansiedlung von Müllsammlern namens BRESTO und GEAB in seiner Stadt. Die machten zwar Müll zu Gold in dem sie viel davon anhäuften, sich aber auch rechtzeitig aus dem Staub , so daß die Stadt auf dem Unrat und einem Berg Schulden sitzenblieb.
    Und über den Mediamarkt ist auch noch nicht das letzte Wort gesprochen. Schließlich entscheidet ja das Bauordnungsamt des Landvogtes im Barnim nach eigenem Ermessen und dahin hat Bürgermeister Füsske gute Verbindungen.

  3. Der vorwitzige Herold ist übrigens aus dem Hungerturm entlassen und hat herausgefunden, dass Hugo mit seinem Intimus Friedhelm Schneider schon wieder neue Müllkonzepte vorbereitet. Schilda soll nun endlich – nach Kippen- Bränden, Schabenplagen und Bankrotten etlicher Müllfirmen (deren Hinterlassenschaften natürlich auf Kosten des Steuerzahlers beseitigt werden müssen) – ein RICHTIGES Abfallkompetenzzentrum werden. (RICHTIG bedeutet wahrscheinlich: Keine kleinen Brände mehr, sondern große. Schaben, groß wie Elefanten und zurückgelassener Sondermüll, vielleicht sogar aus Fukushima? Schilda goes worldwide. Ein Glück, dass Schilda nur eine fiktive Stadt ist…

  4. @Andreas: Schilda ist glücklicherweise weit weg. Und die Schildaer sind mit ihrem Bürgermeister richtig zufrieden. Sonst würden sie ihn – oder ähnliche Größen – nicht immer wieder wählen ;-)