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Großbäckerei Bernau wird dicht gemacht

Wer fast 21 Jahre nach der Wiedervereinigung die Hoffnung hatte, dass die Zeiten des industriellen Kahlschlags im Osten Deutschlands eigentlich vorbei sein müssten, wird heute eines Besseren belehrt: Die Firma Lieken schließt Ende April die Bernauer Großbäckerei. Über 200 Mitarbeiter stehen auf der Straße. „Bereits im Juni vergangenen Jahres waren 70 Mitarbeiter entlassen worden.“ schreibt die Märkische Oderzeitung im heutigen Leitartikel des Barnim Echos. Damit wird einer der letzten Großbetriebe im Landkreis Barnim abgewickelt – ein verheerendes Signal nicht nur für Bernau und den dortigen Arbeitsmarkt.

Die Bernauer Großbäckerei nahm 1976 die Produktion auf. Ursprünglich handelte es sich um eine Bäckerei vom Typ RWK 4, einem baulichen Wiederverwendungsprojekt, das in dieser Form auch im thüringischen Jena und in Weißenfels/Sachsen-Anhalt gebaut wurde. Die Produktionskapazität des RWK 4 betrug damals pro Jahr 9000 Tonnen Roggenbrot (das sind etwa 6 Millionen Brote pro Jahr) , 2700 Tonnen Weizengebäck und 2600 Tonnen Konditoreiwaren. Die eigentlichen Produktionshallen in Stahlskelett-Montagebauweise waren insgesamt 91 Meter lang, 49 m breit und ca. 7 m hoch. Das zugehörige Mehlsilo hatte die Höhe von über 12 Metern, war fast 20 m lang und 12 m breit..

Ihre erste große Bewährungsprobe bestand der damalige VEB Großbäckerei Bernau schon im harten Winter 1978/79, als es die Beschäftigten trotz Flächenabschaltungen bei Strom und Gas schafften, die Bevölkerung der Kreise Bernau, Eberswalde und Angermünde stabil mit Brot und Brötchen zu versorgen.

Die Qualität des angebotenen Brotes und der Brötchen war gut. Da das Versorgungsgebiet der Bäckerei einfach zu groß war, gab es allerdings einige Frischeprobleme und deshalb Beschwerden aus der Bevölkerung. Schon damals unternahm man daher Anstrengungen, die Frische des angebotenen Sortiments zu verbessern. Allerdings scheiterten fast alle Bemühungen – z.B. das Angebot an den Handel, eine Nachmittagstour zur Belieferung der Verkaufsstellen einzurichten, um so ständig frische Ware anbieten zu können- an der Unbeweglichkeit des Wirtschaftssystems, vor allem aber auch an dem politisch gewollt niedrigen Preis des Grundnahrungsmittels Brot.

Nach der Wende hatte die Großbäckerei verschiedene Eigentümer, die in unterschiedlichem Umfang in die Produktions-und baulichen Anlagen investierten, um immer eine moderne Produktion zu gewährleisten. Vom ursprünglichen Wiederverwendungsprojekt RWK 4 ist daher bei der heutigen Großbäckerei kaum noch etwas zu erkennen. Nun ist jedenfalls Schluß. Ein Stück Geschichte der Lebensmittelindustrie in Bernau geht zu Ende. Die Beschäftigten gehen in die Arbeitslosigkeit.

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Veröffentlicht von

Dr. Valentin ist ursprünglich Schönower, lebte aber 31 Jahre in Berlin, bevor er 1996 wieder in sein Heimatdorf zog und sich seitdem über die Kommunalpolitik wundert. Er ist promovierter Diplom-Ingenieur und betreibt eine kleine Firma mit dem Schwerpunkt Im- und Export von Medizintechnik für den operierenden Augen- und HNO-Arzt. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Sein allergrößtes Hobby ist zur Zeit sein privater Blog, über den er sich in fast jeder freien Minute Gedanken zur Themenauswahl macht. Im Urlaub und an den Wochenenden im Sommer findet man ihn meist mit dem Canadier auf den Brandenburger und Mecklenburger Gewässern. Wenn er in seiner restlichen Freizeit nicht mit seiner Frau und dem Hund lange Spaziergänge unternimmt, liest er sehr gern und hört fast alle Arten von Musik – von heavy metal bis Bach.

11 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Da ist er, der Wandel von der Dienstleistungs- zur Informationsgesellschaft. Woanders wird billiger produziert, das muss man einsehen, das kann man nur durch ein höheres Niveau bei der Qualität und Effizienz wetmachen, aber mit einer reinen Produktion kann man schon lange keinen Blumentopf mehr gewinnen. Wenn wir in Deutschland den Übergang vonm tertiären (Dienstleistungs-) Sektor zum quartären (Wissens-) Sektor nicht schaffen, sehe ich für die Zukunft schwarz. Aber eines steht auf jedenfall fest: Die Menschen müssen sich einen neuen Beruf suchen, ähnlich wie im 19/20. Jahrhundert beim Übergang von der Landwirtschaft zur Industrie.

  2. @Phillip Schöning: Informiert euch mal – mit dampfbetriebenem DSL (wenn überhaupt) , einem vorsintflutlichen Steuersystem, viel zu hohen Steuern und Abgaben und dem dazu gehörigen durchgeknallten gierigen Finanzamt, hysterischen Sicherheitspolitikern, lahmen oder nicht zuständigen Beamten und und und. Beste Voraussetzungen für die Zukunft.
    Beispiel: Ich warte seit über zwei Wochen auf ein Muster aus einem assoziertem Mitgliedsland der EU. Das Päckchen ist seit dem 6. Februar beim Zoll in Frankfurt/Main. Keiner weiss genau, wo.Dem Vernehmen nach macht der Zoll keine Stichproben mehr, er kontrolliert jetzt ALLES.Kann nur noch Wochen dauern mit meinem Muster. Wer in diesem Land irgend etwas als Unternehmer unternimmt, ist selber Schuld.

  3. „Informiert euch mal – mit dampfbetriebenem DSL (wenn überhaupt)“

    Warum starten Sie denn mit Ihrer Fraktion im Barnimer Kreistag keine Initiative, um eine kreisweite Breitband-Konzeption zu erreichen?

  4. @Philipp Schöning: Weil wir keine Fraktion im Kreistag haben. Wir haben nur drei Leute drin und die sind leider keine Fraktion. Die sitzen auf Betreiben der Parteien in keinem Ausschuß und dürfen noch nicht einmal Anträge einbringen. ich bin übrigens auch nicht im Kreistag.Nichtdestotrotz haben wir nicht erst gestern beschlossen, uns zukünftig noch mehr um diese Belange zu kümmern.Auch um die der Wirtschaft. Auf gibt es auch Presserklärungen zu LTE usw.Und hier einen Beitrag des landespolitischen Sprechers für Innovationen zur Problematik
    Es möge helfen!

  5. Allein mit Innovation wird man das Problem sicher nicht lösen lassen, es bedarf einer nachhaltigen, großflächigen Planung der Breitbandversorgung vorallem über Glasfasernetze, diese sind einzigen nachhaltigen technischen Lösungen. Alles andere ist herausgeschmissenes Geld. Nur Glasfasernetze können der zukünftigen Nachfrage nach Bandbreite standhalten. Eine Strategie die lediglich auf Innovation basiert wäre kein Fortschritt bezogen auf die aktuelle Politik, die sich auf den Markt verlässt und zusieht, wie dieser versagt.

    Die aktuelle Förderpolitik sieht eine Versorgung mit einer Bandbreite von 2 Mbit/s als Grundversorgung, das ist schlichtweg zu niedrig, zukünftig muss man sich auf Bandbreite oberhalb von 50 Mbit/s fokussieren, ansonsten gibt es die selben Probleme wie heute in ein paar Jahren nocheinmal.

    Kernpunkte einer Glasfaser-Strategie nach dem Vorbild Baden-Württemberg müssen sein: 1. Leerrohrverlegung bei allen Baumaßnahmen, egal ob Kommune, Land oder Baut – zentrales Leerrohrmanagement ist hier das Stichwort, 2. Ausnutzung von Synergien, d.h. Nutzung vorhandener Infrastruktur z.B. von Energieversorgungsunternehmen, 3. eine angepasste Fördermittelstrategie, 4. eine Analyse vorhandener Infrastrukturen, Bedarfsanalysen, langfristige Planungen auf allen Ebenen, 5. Kompetenzzentren als Ansprechpartner für Kommunen, Bürger und andere, 6. eine zentrale Planung und zentrale Ansprechpartner – sogenannte Breitbandbeauftragte, MIT Fachkompetenzen. Und natürlich vieles mehr… – eine Grundversorgung von 2 Mbit/s ist nicht mehr zeitgemäß!

  6. Leider bringt diese langfristige Ausrichtung denjenigen, die jetzt mit einem 56k Modem ins Internet gehen relativ wenig, weil dann die Wartezeiten auf „brauchbare“ Internetzugänge noch deutlich länger werden.

    Also erstmal LTE auf die weißen Flecken und gleichzeitig mit dem Glasfaserausbau zügig voran kommen…

  7. Naja langfristige Ausrichtung heißt nicht, das kurzfristig Lösungen gefunden werden können, diese müssen dann aber nachhaltig sein.

    Die Grundversorgung wird größtenteils der Markt regeln, LTE-Ausbau im Bereich der Digitalen Dividende muss nicht gefördert werden. Der Glasfaserausbau muss aber avisiert werden, mit Fördermitteln noch eine andere Funklösung zu bauen ist kontraproduktiv.

    Hier bedarf es aber einer großflächigen Planung auf Kreisebene, damit nicht jede Kommune ihr eigenes Süppchen kocht, außerdem ist oftmals die Kompetenz vor Ort nicht vorhanden. Fördermittelbeantragung auf Kreisebene macht ebenfalls Sinn, so kann vermieden werden, dass überlastete Kommunen nicht noch zusätzlich belastet werden.

  8. „Naja langfristige Ausrichtung heißt nicht, das kurzfristig Lösungen gefunden werden können, diese müssen dann aber nachhaltig sein.“

    Es sollte eigentlich heißen: „Naja langfristige Ausrichtung heißt nicht, dass keine kurzfristigen Lösungen gefunden werden können, diese müssen dann aber nachhaltig sein.“

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