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Kritik an der dena-Netzstudie II zum Trassenausbau

Die Netzstudie II der Deutschen Netz-Agentur, in der 3600 km neue 380-kV-Freileitungen in den kommenden 10 – 15 Jahren  gefordert werden (vgl. Beitrag vom 30.1.2011), stieß bei den Produzenten erneuerbarer Energien, den Naturschutzverbänden und  Prof. Jarass, dem industrieunabhängigen Gutachter in Trassenkonflikten, auf herbe Kritik. Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) ging auf Distanz zur dena-Netzstudie II.

Der Bundsverband WindEnergie e.V.
Unter der Schlagzeile: „dena-Netzstudie II springt zu kurz“, kritisiert der Bundesverband WindEnergie e.V.  auf seiner Home-Page die Konzeption der Studie und ihre Ergebnisse. Der Bundesverband WindEnergie „begrüßt gundsätzlich die Feststellung, dass sich die zukünftige Netzstruktur aufgrund geänderter Erzeugungs- und Nachfragestrukturen grundlegend ändern muß“, hebt aber die mangelnde Berücksichtigung der europäischen Dimension der Netzpolitik hervor. „Deutschland braucht eine schlüssige EU-konforme Strategie für den Ausbau der inländischen Netze, der Speicher und der Grenzkuppelstellen“. Albers, der Geschäftsführer des Bundesverbands mahnt den Einsatz der „bereits verfügbaren Netztechnologien wie Hochtemperaturleiterseile und Netzmanagementmaßnahmen (Temperaturmonitoring von Freileitungstrassen)“ an. Durch Netzoptimierung könnte der Neubaubedarf  von Stromtrassen halbiert und die Akzeptanz für den Neubau bei den Bürgern erhöht werden.

Damit sind zentrale Punkte, die auch von den anderen umweltorientierten Kritikern der Studie angesprochen werden, umrissen.
  
Die Deutsche Umwelthilfe
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) geht in ihrer Presseerklärung vom 23.11.2010 zur Netzstudie II auf Distanz zu der zentralen Forderung der dena, 3600 km neue 380-kV-Freileitungstrassen zu bauen. Dies sei eine „Horrorzahl“. Unter dem Motto „Innovation vor Trassenkilometern“ plädiert die DUH für die zügige Realisierung neuer Technologien (Leitungsmonitoring, Hochtemperaturseile, Hochspannungsgleichstromübertragung und Erdverkabelung) und die  konsequente Umsetzung des NOVA-Prinzips, das Netzoptimierung und Netzverstärkung  vor dem Ausbau/Neubau von Trassen den Vorzug gibt.  Dadurch lasse sich der Neubaubedarf auf 1500 km reduzieren.
Um dem Argument, dies sei wegen der hohen Kosten wirtschaftlich nicht vertretbar zu begegnen, thematisiert die DUH den Skandal, dass die Leipziger Strombörse seit einem Jahr nicht mehr der behördlichen Aufsicht unterliegt und auch Insidergeschäfte dort nicht gesetzlich untersagt seien. Sie verweist dabei auf einen gründlich recherchierten und gut belegten Hintergrundartikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19.11.2010. Marktmißbrauch und Manipulationen an der Strombörse seien durch diesen Mißstand Tür und Tor geöffnet . Wer über zu hohe Stromkosten klage, müsse dort ansetzen.
Von der Bundesregierung werde erwartet, dass der Entwurf des angekündigten „Bundesnetzplans“ zügig vorgelegt aber über ihn erst nach einer öffentlichen Diskussion entschieden werde.

Die Naturschutzverbände: Nabu und DNR
Der Nabu bezweifelt die Seriosität der dena-Studie. So erklärt der Nabu zu der Forderung nach 3500 km neuen Freileitungen:
„Diese Zahl beruht auf fragwürdigen und unklaren Annahmen der Energiekonzerne und Netzbetreiber, die an der Studie mitgeschrieben habe.“ „Wir müssen den Netzausbau auf das absolut Notwendige begrenzen “ und dabei seien auch innovative Technologien einzusetzen, die in der dena-Studie als zu teuer abgelehnt würden.
Der Generalsekretär des DNR, Röscheisen, plädiert für  Erdkabel, sie „zerstören… nicht das Landschaftsbild, gefährden keine Vögel und werden von der Bevölkerung akzeptiert“.

Prof. Jarass, Hochschule RheinMain Wiesbaden
Jarass, ein industrieunabhängiger Experte der Trassenkritik, faßt seine vernichtende  Stellungnahme bündig in dem Satz zusammen: „Die Annahmen dieser dena-Netzstudie II sind redchtswidrig, ihre Ergebnisse sachwidrig.“
Jarass erinnert daran, dass die gesetzliche Verpflichtung zur Einspeisung von erneuerbarer Energie an die Wirtschaftlichkeit dieser Einspeisung gebunden ist. Die Netzstudie II gehe nun davon aus, 90% aller installierten Windleistung gleichzeitig einzuspeisen, was etwa nur einmal im Jahr vorkomme. Ein Netzausbau zur Integration weniger Windspitzen widerspreche der gesetzlich gebotenen Wirtschaftlichkeit des Netzausbaus. Das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) nennt zwei Kriterien zur Beurteilung der wirtschaftlichen Zumutbarkeit:
1. Die Vergütungssummen für den eingespeisten Strom müssen deutlich höher sein als die Netzanbindungskosten der Winkraftanlage.
2. Die Netzanbindungskosten dürfen 25% der Investitionskosten der Winkraftanlage nicht überschreiten.

Sachwidrig sind die Ausführungen der dena-Netzsstudie II zum Einsatz von Leitungsmonitoring und Hochtemperaturseilen, denn Leitungsmonitoring müsse nicht flächendeckend eingesetzt werden, sondern nur an windgeschützten Stellen der Trasse mit hoher Sonneneinstrahlung. Die Installation von Hochtemperaturseilen erfordere auch nicht „teure Provisorien“, wie in der Netzstudie behauptet, sondern können in lastschwachen  Zeiten erfolgen. Auch sei eine Erhöhung der Masten, wie in der Netzstudie II gefordert, beim Einsatz von Hochtemperaturseilen nicht erforderlich.
 
Jarass bestreitet damit gut begründet die Zuverlässigkeit der Kostenberechnung des Einsatzes von technischen Alternativen.
Er verweist auf das Projekt eines nordwesteuropäischen Overlaynetzes (ein leistungsstarkes HGÜ-Netz) einer Planungsgruppe der Europäischen Kommission, das viele der aktuellen deutschenPlanungen für das 380-kV-Netz überflüssig machen werde.  
Abschließend warnt er vor den Folgen eines auf der dena-Netzstudie II basierenden Netzausbaus:
Fehlinvestitionen (in Milliardenhöhe), überhöhte Netzentgelte und unnötige Strompreiserhöhungen.

Harte Zeiten für die Bürgerinitiativen gegen den Freileitungsbau, aber auch neuer Zulauf

Die Bürgerinitiativen, die sich kritisch mit dem Trassenbau auseinandersetzen und den Aspekt der Umweltverträglichkeit bei der Trassengestaltung  zur Geltung bringen, müssen sich auf harte Zeiten eistellen. Man wird ihnen die dena-Netzstudie II um die Ohren hauen, wenn das Klima für den aggressiven Trassenausbau bereitet werden soll, wenn die Akzeptanzoffensive für den Netzausbau anrollt. Netzausbau heißt, da läßt die dena-Studie keinen Zweifel immer Freileitungsbau.
Darauf sollten sie vorbereitet sein.
Andererseits gilt aber auch, jedes neue Freileitungsprojekt ruft sogleich eine neue Bürgerinitiative, die sich dagegen wehrt, auf den Plan.
Der Freileitungsprotest wird wachsen.

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Veröffentlicht von

Hartmut Lindner lebt als (Un)Ruheständler in Berlin und Senftenhütte. Bis 2006 arbeitete er als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politische Weltkunde in Berlin. 1993 kam er als Wochenendler nach Senftenhütte, einem idyllischen Ort auf dem Endmoränenbogen. Er engagiert sich in der Bürgerinitiative Biosphäre unter Strom – keine Freileitung durchs Reservat und lokalen Initiativen, vor allem dem Keramikhütte e.V. in Senftenhütte und ist seit Jahren begeisterter Leser der Barnimer Bürgerpost.

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