web analytics

Stärker, höher, engmaschiger – dena-Netzstudie II fordert 3600km zusätzliche 380-kV-Freileitungen bis 2020/25

Am 23. November 2010 wurde die 2. Netzstudie der Deutschen Energie-Agentur (dena) für einen gigantischen Trassenausbau im Höchstspannungsnetz ( 220-380 kV) vorgelegt. Um die energiepolitischen Ziele der Bundesregierung (Wachstum des Anteils der erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2020/25 auf 39% der Stromerzeugung) zu erreichen, den europäischen Stromhandel zu ermöglichen und bei „optimaler Nutzung der konventionellen Kraftwerke“ (und der Atomreaktoren, H.L.) die Netzstabilität zu garantieren,

– ist der Bau von ca. 3600 km neuer 380-kV-Freileitungen erforderlich .

– Die Kosten werden ca. 9.7 Mrd. Euro betragen.


Dies ist, laut dena, die technisch sicherste und konstengünstigste Variante. Durch den Zubau von ca. 3600 km neuer 380-kV-Freileitungen soll das bestehende deutsche Netz in 18 Regionen enger vermascht und mit 18 Knotenpunkten in das europäische Netz eingebunden werden. Gigantomanie pur.

Der Einsatz von Freileitungsmonitoring und Hochtemperaturseilen, der angeblich geprüft wurde, würde einen Zubau von 1700 km neuen 380-kV-Freileitungen erforderun und mit 17. Mrd. Euro wesentlich teurer ausfallen als die erste Variante. Der Einsatz neuerer Technologien (Hochspannungsgleichstromübertragung, HGÜ, im Erdkabel ) würde den notwendigen Netzausbau nur geringfügig auf 3400 km 380-kV-Freileitungen reduzieren, käme aber mit 22 – 29 Mrd. Euro wesentlich teurer.

Dabei geht die Studie unrealistischerweise davon aus, dass die in der Netzstudie I geforderten 850 km 380-kV-Freileitungen bis zum Jahr 2015 errichtet werden und die Laufzeitverlängerung der AKW auf den Netzbedarf keinen Einfluß habe. (Erst als die Arbeit an der Netzsstudie II fast abgeschlossen war, fiel im Bundeskabinett der Beschluß zur Verlängerung der Laufzeiten der Atommeiler.)

Die weiteren Empfehlungen der Netzstudie II sind nicht besonders originell: Da wird eine „gründliche Prüfung und Planung konkreter bzw. trassenscharfer Netzausbaumaßnahmen“ angemahnt, eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Ferner befürwortet man eine „Beschleunigung der Genehmigungsverfahren und Verbesserung des rechtlichen Rahmens“, was nur einen weiteren Abbau der Beteiligungs- und Einspruchsrechte der Betroffenen meinen kann. Stuttgart 21 läßt grüßen.

Die empfohlenen „Maßnahmen zur Erhöhung der Akzeptanz für den erforderlichen Netzausbau“ lassen eine Propagandaoffensive gegen die Trassenkritik erwarten.

Angemahnte Pilotprojekte für den Einsatz ausgewählter Technologien mögen zwar gut gemeint sein, werden aber mangels näherer Konkretisierung und verbindlicher Festlegungen wenig bewirken. Mit dem Verweis auf die erst auszuwertenden Erfahrungen einzelner Pilotprojekte wird der technologische Wandel eher behindert statt gefördert werden. Das zeigen die Erfahrungen mit den vier Pilotprojekten zur Erdverkabelung im Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG), denn keines der dort ermöglichten Pilotprojekte ist bisher realisiert worden.

Wer ist die Deutsche Energie-Agentur?

Die Deutsche Energie-Agentur (dena) ist ein gemeinsames Unternehmen der Bundesministerien für Wirtschaft und für Umwelt, der großen Netzbetreiber, der großen Windenergieunternehmen, der Elektroindustrie und des Maschinenbaus. Man sollte die dena nicht mit der Bundesnetzagentur, der Genehmigungsbehörde für Netzentgelte und für die Anerkennung der notwendigen Investitionen in die Netzinfrastruktur, verwechseln. Der Einfluß der dena auf die öffentliche Diskussion der Energiepolitik ist aber nicht zu unterschätzen. Die Formulierung und Verabschiedung des EnLAG geht auf die Ergebnisse der dena-Netzstudie I aus dem Jahr 2005 zurück, in der der beschleunigte Ausbau von zusätzlichen 850 km 380-kV-Freileitungen bis zum Jahr 2015 gefordert wurde.

Die dena-Netzstudie II, vom Energiewirtschaftlichen Institut der Universität Köln in Zusammenarbeit mit den Übertragungsnetzbetreibern und dem Frauenhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik erstellt, wurde von zwei externen Gutachtern, Prof. Dr. Ing. Wagner, TU München und Prof. Dr. Ing. Schnettler, RWTH-Aachen, geprüft und als „sehr gute Grundlage für die weitere Netzplanung“ beurteilt. Damit wurden ihr die akademischen Weihen von Objektivität uind Interesselosigkeit zuteil.

Breites Echo der Studie

Die Veröffentlichung der Netzstudie II fand ein breites Echo. Alle großen Tageszeitungen berichteten unkritisch darüber. Kritik wurde allenfalls an den Netzbetreibern geäußert, die es in der Vergangenheit versäumt hätten, das Netz zukunftsfähig auszubauen.

Kritische Stellungnahmen zu der Netzstudie II gab es vor allem aus den Naturschutz- und Umweltschutzverbänden, die die gigantischen Freileitungspläne ablehnen und einen umweltverträglichen Netzausbau anmahnen. Prof. Jarass, ausgewiesener Trassenkritiker, charakterisierte die Studie folgendermaßen: „Annahmen rechtswidrig, Ergebnisse sachwidrig“ und auch die Deutsche Umwelthilfe ging auf Distanz zur dena-Netzstudie II.

Diese kritischen Stellungnahmen werden in einem eigenen Beitrag demnächst näher dargestellt.

Stärker, höher, engmaschiger – dena-Netzstudie II fordert 3600km zusätzliche 380-kV-Freileitungen bis 2020/25 auf Facebook teilen
Stärker, höher, engmaschiger – dena-Netzstudie II fordert 3600km zusätzliche 380-kV-Freileitungen bis 2020/25 auf Twitter teilen
Stärker, höher, engmaschiger – dena-Netzstudie II fordert 3600km zusätzliche 380-kV-Freileitungen bis 2020/25 auf Google Plus teilen

Ähnliche Artikel:

Veröffentlicht von

Hartmut Lindner lebt als (Un)Ruheständler in Berlin und Senftenhütte. Bis 2006 arbeitete er als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politische Weltkunde in Berlin. 1993 kam er als Wochenendler nach Senftenhütte, einem idyllischen Ort auf dem Endmoränenbogen. Er engagiert sich in der Bürgerinitiative Biosphäre unter Strom – keine Freileitung durchs Reservat und lokalen Initiativen, vor allem dem Keramikhütte e.V. in Senftenhütte und ist seit Jahren begeisterter Leser der Barnimer Bürgerpost.

1 Kommentar » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Da kann man nur sagen: Willkommen Elektrosmog und Leukämie!
    Wenn dies so realisiert wird, werden weite Teile des Bundesgebietes betroffen sein und „verseucht“ werden.
    Eine Alternative wäre die regionale Erzeugung von Energie, die einen weiten Transport nicht nötig macht. In erster Linie jedoch ein effizienterer Umgang mit erzeugter Energie.