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Aus Unfällen lernen? – Offener Brief an Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski

Vor etwa einem Monat verstarb die 2-jährige Lilly aus Eberswalde an den Folgen eines tragischen Unfalls, den sie in Obhut einer städtischen Kindertagesstätte erlitt. Hunderte drückten den Angehörigen ihre Anteilnahme aus und gedachten dem Kind mit Kerzen und Blumen auf dem Marktplatz. Inzwischen hat es Gespräche zwischen Vertretern der Stadtverwaltung und Eltern der betroffenen Einrichtung gegeben.

Auch die Kinder von Antje und Torsten Regulin werden in der „Villa Kunterbunt“ betreut. Grundsätzlich sind sie mit der pädgogischen Arbeit des Teams sehr zufrieden. Die jüngsten Aussagen des Kita-Trägers im Rahmen einer Elternversammlung haben sie jedoch, hinsichtlich des Mangels an neuen konzeptioneller Ansätzen und Ideen, offenkundig schwer enttäuscht. In einem offenen Brief an Bürgermeister Friedhelm Boginski erklären sie ihre Einschätzung und stellen Fragen. Wir haben den Gesamttext nachfolgend eingestellt.

Offener Brief
Aus Unfällen lernen – oder ist es am Wichtigsten, dass man keine Schuld hat?

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

zunächst möchten wir uns recht herzlich bei Ihnen für das Gespräch bedanken, dass die Stadt Eberswalde den Eltern der Kinder der Kita Villa Kunterbunt ermöglichte. So standen Herr Landmann 1. Beigeordneter und Frau Ladewig Leiterin des Amtes für Bildung Jugend und Sport im Rahmen einer Elternversammlung am 11.01.2011 zur Klärung von offenen Fragen zur Verfügung. Mit großem Interesse wurde dieses Gesprächsangebot von zahlreichen Eltern angenommen. Hoch war der Erwartungsdruck nach vielen Wochen der Fassungslosigkeit und Trauer nach dem Kita-Unfall. Um so größer war die Enttäuschung, dass die Vertreter der Stadt sowohl mit leeren Händen als auch völlig ohne neue konzeptionelle Ansätze oder neue Ideen zu dieser Gesprächsrunde antraten.

Drei Punkte wurden jedoch deutlich herausgestellt:
•    Der städtische Träger hat keine Schuld – die Schuld der beiden Erzieherinnen klärt natürlich die Staatsanwaltschaft. Fest steht, diese Erzieherinnen kommen nicht in unsere Kita zurück.
•    Man ist froh über den großen Zuspruch der Bürger unserer Stadt und den Erfolg des praktizierten Krisenmanagements.
•    Und weil alles so richtig war, gibt es nur noch einige behördliche Auflagen und dann kann man zuversichtlich nach vorne schauen und weiter machen wie bisher, im völligen Konsens mit der Landespolitik.

Die Stadt hat also alles richtig gemacht. Gefahrenpotenzialanalysen lagen vor, gültige Betreuerschlüssel wurden eingehalten. Auflagen, Betriebserlaubnis, Qualifikation alles vom Besten.

Das Team um Frau Gesche hat einen guten Ruf nicht nur bei den Eltern.
Nicht nur wegen einer liebevollen Betreuung, sondern wegen einer qualifizierten pädagogischen Arbeit. Unsere Kinder (3) und (4) Jahre lieben ihre Kita und die „Tanten“. Dennoch die schrecklichen Erlebnisse der letzten Wochen haben sich eingebrannt. Lässt sich wirklich nichts verbessern?

Mit dem neuen Kita Gesetz, sind erste kleine Schritte eingeleitet. Kleine Schritte mit erheblichem finanziellen Aufwand, die das Land Brandenburg im Länderspiegel nun immerhin von dem letzten auf den drittletzten Platz im Betreuerschlüssel „katapultierten“. Brandenburgs Bildungsminister Holger Rupprecht zieht Bilanz und lobt die verbesserte Personalausstattung in den Kitas als Erfolg der Landespolitik. Die Ziele der Bundes-SPD hält Herr Rupprecht in Brandenburg jedoch für unrealistisch.

Der Bundesdurchschnitt liegt in der Krippe rechnerisch bei 1:5,8 und im Kindergarten bei 1:10,5. Die Bundes-SPD fordert ein Verhältnis von 1:4 für die Krippenkinder. Wissen sollte man, das es sich bei den jetzigen Änderungen vor allem auch um erste Erfolge von Elterninitiativen wie „Kitainitiative Brandenburg“ aus Oranienburg handelt. Bleibt nicht dennoch die moralische Verpflichtung mehr zu tun?

Ungenügend beantwortet blieb die Frage in der Elternversammlung, warum 13 Krippenkinder von einer Erzieherin betreut werden, wenn der Schlüssel 6 (bisher 7) sagt. Grundlage hierfür ist „ein kompliziertes mathematisches Berechnungsmodell in Abhängigkeit von Betreuungszeiten“. Diese Antwort war nicht sehr hilfreich. Was nutzt auch ein Personalrechner mit dem ermittelt wird, wie viele Stellen (VbE) für pädagogische Fachkräfte einer Kindertagesstätte bei einer bestimmten Kinderzahl auf Grundlage § 10 Abs. 1 KitaG und § 5 Abs. 2 KitaPersV mindestens zur Verfügung gestellt werden müssen?

Die Kita Erzieherinnen kämpfen sich im Interesse ihre Schützlinge immer wieder durch. Im Krankheits- oder Urlaubsfall auch weiterhin mit aufgestockten Gruppen, alltägliche Hochleistung in mehrfacher Hinsicht immer viel zu oft auf eigene Kosten. Die Kita-Erzieherinnen schaffen es ja, machen es irgendwie möglich. Doch kann man sich pauschal hinter den zu erwartenden Kosten verstecken, wenn man über Verbesserungen nachdenkt? Bitte haben Sie Verständnis…mehr können wir uns nicht leisten.

Wir fragen Sie Herr Boginski:  Ist das nicht zu einfach?

Zunehmend mehr Bundesländer – gegenwärtig sind es sieben – gewähren Eltern sogar eine Beitragsfreiheit für das letzte Kindergartenjahr vor der Einschulung, zwei Bundesländer davon gewähren diese Beitragsfreiheit für die letzten beiden Kindergartenjahre. Unlängst hat Berlin die Beitragsfreiheit für die letzten drei Jahre beschlossen und zusätzlich die Betreuungsschlüssel verbessert. Und was kann das Land Brandenburg und was können die Kommunen des Landes? Gerade jetzt, vor der angestrebten Länderfusion?

Beitragsfreiheit für Brandenburg – gegenwärtig wohl Illusion. Eine Verbesserung der Betreuungsschlüssel aus kommunalen Töpfen verbunden mit weiteren Erhöhungen der Elternbeiträge? Politisch wohl eine Gratwanderung! In der Festlegung höherer Gebührensätze und Steuererhöhungen ist Eberswalde ja recht offensiv um jetzt schon vorhandene Haushaltslöcher zu stopfen. Aber die Belastbarkeit von Bürgern und Gewerbe ist grenzwertig. Steht das in einem gesunden Verhältnis zu einer zukunftsorientierten Ausrichtung der kommunalen Entwicklung? Die Stadt attraktiver machen und in die Zukunft investieren!

Sind nicht unsere Kinder unser wertvollstes Gut – unsere Zukunft?
Stellt sich dann nicht vielmehr die Frage, welche Rahmenbedingungen der Träger mit den verfügbaren Ressourcen modifizieren kann. Investitionen wirkungsvoll einsetzen und Bildung fördern – Qualität sichern.

Wirkungsvolle moderne Arbeitszeitmodelle um Kernzeiten besser auszufüllen. Einige zusätzliche hoch qualifizierte Erzieher, die als gruppenübergreifende Fachkraft vorrangig die Krippengruppen unterstützen und temporäre Spitzen durch Urlaub und Krankheit abfedern könnten. Zumindest das sollte doch möglich sein!

Die städtischen Vertreter sahen am 11.01. leider keinerlei Gestaltungsfreiheit, die über Landesgesetzgebung hinaus etwas mehr möglich macht. Sie gaben jedoch die Zusage, die aufgeworfene Problematik in die Gremien zu tragen und nach weiteren Lösungen zu suchen. Wir hoffen, dass auch Sie als Bürgermeister sich diesem Handlungsbedarf spürbar annehmen werden und das Bemühen nach besseren Lösungen zumindest auf kommunaler Ebene Erfolg hat.

Mit freundlichen Grüßen

Antje und Torsten Regulin

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2 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Nach diesem Drama und dem daran anschließenden fassungslosen Erstarren sollte auf jeden Fall nun die Zeit gekommen sein, über neue konzeptionelle Ansätze und Ideen nachzudenken. Hierzu sind Stadtverwaltung und Stadtverordnete gemeinsam aufgerufen. Ein einfaches „Weiter so“ kann es nicht geben.
    Es ist also unabdingbar, dass dieses Thema in einer der nächsten Sitzungen des Ausschusses für Bildung, Jugend und Sport auf die Tagesordnung kommt. Empfehlen würde ich es für die Sitzung am 09.03.2011. Diesen Vorschlag werde ich dem Vorsitzenden des Auasschusses, Herrn Martin Hoeck, unterbreiten.

  2. Auch ich bin angesichts des Dramas um die Lütte einigermassen sprachlos und jeder, der Kinder hat, die in Kitas betreut werden, macht sich so seine Gedanken. Gedanken, ob das wieder passieren kann.
    So manches mal hab ich bei den hiesigen Kitas gedacht, ein Wunder, dass nicht mehr passiert. Gerade morgens, wenn nur eine Person mit einer Unmenge (die Anzahl sprengt da gern den Personalschlüssel) an Kindern im gemischten Alter allein ist oder auch zwischendurch, wenn ein Kind mal gewickelt wird oder aufs Klo muss, trifft man gern auf verwaiste Räume, in denen keine Aufsicht, aber viele Kinder sind. In Krankheitsfällen gibt es sowas wie einen Personalschlüssel gar nicht. Das muss auch irgendwie funktionieren. Ich habe jede Menge Respekt vor den Leistungen der Erzieher, ganz ehrlich, die Arbeit möchte ich nicht machen. So viel Verantwortung, so viel wichtige Arbeit.

    Ich frage mich auch, was noch alles passieren muss. Ein totes Kind ist ZUVIEL. Man muss einfach was ändern. Das ist man schon der Kleinen schuldig, aber anscheinend soll da lieber ein Haufen Gras drüber wachsen… dann hoffe ich, dass genügend Kamele kommen… LG Kaddi