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57 Fällungen – 14 “Ersatz”pflanzungen: Der praktizierte Baumschutz in der Waldstadt Eberswalde ist reformbedürftig

Pilzkörperbefall am Eschenahorn

Im Eberswalder Stadtgebiet sollen derzeit 57 alte Bäume weichen. Die untere Naturschutzbehörde des Landkreises Barnim hat dafür die Genehmigung gegeben und als Auflage die „Ersatz“pflanzung von 14 Bäumen erteilt. Nicht nur zahlenmäßig stellt dies ein unausgewogenes Verhältnis dar. Weitaus bedenklicher ist es, weil die jungen Bäumchen aus stadtökologischer und -ästhetischer Sicht nicht annähernd Ersatz für die ausgewachsenen Bäume bieten können.

In diesem Zusammenhang möchte ich den Eberswalder Fachgutachter Sebastian Sieland von FAUNA – Büro für ökologische Gutachten zitieren, der ebenfalls zum MOZ-Artikel „Stadt fällt 57 Bäume“ auf der Homepage der Zeitung kommentiert hat.
Er schreibt:

[…] Neu gepflanzte Bäume können die ökologischen Funktionen alter Bäume nicht ersetzen. Dies ist wieder einmal ein Beispiel dafür, warum die EU-Biodiversitätsziele 2010 nicht erreicht werden konnten. Wieder fallen die letzten Relikte einer artenreichen Fauna – in Form von Lebensstätten (Brutplätzen, Quartieren) für z.B. Insekten, Fledermäuse und Vögel. Als Ausgleich wird dann strukturarmes Baumschulmaterial gepflanzt, das in keiner Weise die verlorenen ökologischen Funktionen des ursprünglichen Altbaumes ersetzt. Erst in Jahrzehnten werden sie wieder als Lebensstätten für die Fauna nutzbar sein. Ob sie dieses Alter je erreichen, steht bei aktuellem Verkehr, Schadstoffen, unsachgemäßer Pflege sowie dem Wegesicherungsaktionismus in den Sternen! Als ob das noch nicht genügen würde, werden die Bäume im Verhältnis 4:1 ausgeglichen. Nein nicht für jeden gefällten wertvollen Habitatbaum werden 4 neue gepflanzt – umgekehrt wird ein Schuh daraus. Für jeweils 4 gefällte Bäume pflanzen wir einen nach. Die Logik dahinter, gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeit, erschließt sich mir nicht und ich habe eine Weile darüber nachgedacht. […]

So traurig die Hiobsbotschaft über die hohe Anzahl der zu fällenden alten Bäumen im Stadtgebiet und nicht entsprechenden Ersatzpflanzungen mich auch macht, muss ich der Stadtverwaltung dennoch ein Lob erteilen: Erstmalig werden konkrete Zahlen veröffentlicht, wie viele und welche Bäume gefällt werden und wie viele „Ersatz“pflanzungen dafür vorgesehen sind. Diese Transparenz der Stadt Eberswalde gegenüber der Öffentlichkleit ist zu begrüßen. Sie zeigt den frischen Wind im Rathaus, der mit der neuen Baudezernentin Anne Fellner Einzug gehalten hat. Schön wäre es zudem, wenn zukünftig in den regionalen Medien nicht nur die geplanten Fällungen an den Straßen, sondern sämtliche im öffentlichen Raum (z.B. WHG-Grünanlagen, Schulhöfe) angezeigt werden; gleichsam, welche Baumarten an welcher Stelle als Ersatzpflanzungen geplant sind.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Alte Bäume an öffentlichen Verkehrswegen, die ihren Zenit überschritten haben, nachweislich durch korrekte Gutachten (nicht Gefälligkeitsgutachten!) morsch und brüchig sind und zur Gefahr für Leib, Leben und Sachgegenstände werden können, sind auf Grundlage der Verkehrssicherungspflicht so zu behandeln, dass sie keinen Schaden anrichten können. Als letzte Alternative bleibt die Fällung. Beispiel: Die beiden alten Linden auf einer kleinen Grünfläche Goethestraße/Ecke Schweizer Straße („5 Linden-Platz“) im Eberswalder Zentrum, die ich mir aus nächster Nähe angeschaut habe. Im Stammfussbereich hatten diese Fäulnis, waren hohl und wiesen möglicherweise eine zu geringe Restwandstärke auf. Die Stadt dürfte in diesem Fall jedenfalls korrekt gehandelt haben.

Nicht fachgerecht im Sinne des Baumschutzes hingegen war das Handeln der Stadt hinsichtlich der Kappung einer Reihe von Eschenahornen in der Georg-Friedrich-Hegel Straße (zwischen Parkplatz und Straße). Nach dem Radikalschitt im oberen Stammbereich trieben alle Bäume aus. Doch bei einigen wanderten schließlich holzzerstörende Baumpilze (s. Foto) in die offenen Schnittstellen ein. Diese Bäume müssen nun entfernt werden. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Jahren noch weitere dieser Eschenahorne treffen. Spätestens dann, wenn die regelmäßigen Pflegeschnitte zur Entfernung der starken Äste vorgenommen werden müssen, damit die gekappten Bäume nicht auseinanderbrechen. Das Lebensalter dieser Eschenahorne wurde durch eine falsche Behandlung erheblich herabgesetzt.

Ähnliche Fälle gab es vor wenigen Jahren in der Finower Kastanienallee (und Nebenstraßen), die Dr. Günter Riedel, Albrecht Triller und ich an die Öffentlichkeit gebracht haben. Hier wurde bei den Kastanien und Linden im Zuge der Entfernung von Kronenholz so tief ins Stammholz geschnitten, dass holzzerstörende Baumpilze (u.a. der Gemeine Spaltblättling) einwandern konnten. Auch diese Bäume starben nach der Verstümmelung ab.

In der letzten Stadtverordnetenversammlung nahm das Thema Baumschutz erneut einen gewissen Raum ein. Man merkt, dass die Bürgerinnen und Bürger langsam sensibel werden, weil die Fällquoten in den letzten Jahren doch ziemlich angestiegen sind. Otto Baaz kritisierte in der Einwohnerfragestunde den derzeit praktizierten Baumschutz in Eberswalde und schlug vor, die Stämme der zu fällenden zwei Platanen in der Freienwalder Straße aufgrund ihres hochwertigen Holzes wenigstens einem werthaltigen Zweck zuzuführen. Sitzbänke könnten gebaut und im Bereich des Finowkanals aufgestellt werden. Eine Option zur alternativlosen Verbrennung im Holzkraftwerk Eberswalde (HOKAWE). Nach der mehr oder minder verhaltenen Reaktion des Verwaltungsdezernenten Bellay Gatzlaff ist jedoch fraglich, ob diese gute Idee von der Verwaltung tatsächlich aufgegriffen und umgesetzt wird.

Für die Pflege der o.g. „Ersatz“pflanzungen sucht das Bauamt nun händerringend Baumpaten, die diese Jungbäumchen gießen. Ehrenamtliches Engagement hierzu rechne ich hoch an, doch bin ich gleichsam der Auffassung, dass sich die Stadt Eberswalde bei der Bewässerung nicht aus der Verantwortung ziehen kann. Bei einigen Neupflanzungen vermisse ich bislang das regelmäßige Wässern, insbesondere in der trockenen Jahreszeit. Schüttere Belaubungen im Hochsommer sind Idizien dafür.

Traditionell hat Eberswalde ein grünes Image. Obzwar die forstwissenschaftlicher Forschung nach der Wende bedauerlicherweise kontinuierlich abgebaut wurde, erfuhr die Waldstadt erfreulicherweise eine Aufwertung durch die Ernennung der Fachhochschule zur Hochschule für nachhaltige Entwicklung. Der Stadt würde es gut zu Gesicht stehen, ihr grünes Image zu pflegen und weiter aufzubauen. Dazu gehört ein Grünflächenkonzept, welches umfassend den Baumschutz (Bedarf, Baumartenauswahl, Standorte, Pflege etc.) und die nachhaltige – ökonomisch und ökologisch ausgeglichene – Bewirtschaftung der Waldflächen des Stadtforstes einschließt.
Dies würde eine gute Ergänzung zu den kürzlich verabschiedeten konzeptionellen Richtlinien zu Kultur und Barrierefreiheit darstellen und Eberswalde auf den richtigen Weg in die Zukunft begleiten. Weiterhin sollte in den Fraktionen dafür geworben werden, einen unabhängigen städtischen Umweltbeirat ins Leben zu rufen. Gerade in der Naturwissenschaftsstadt Eberswalde sollte es an Fachleuten nicht mangeln, die bereit wären, diesbezüglich ehrenamtliche Aufgaben gern zu übernehmen.

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Dr. Andreas Steiner, Diplom-Geograph und Waldökologe, lebt seit 1999 im Barnim. Als Fachgutachter ist er bei einem Projektträger des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in Berlin beschäftigt, der innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekte von klein- und mittelständischen Unternehmen im Bereich Technologie betreut. Seit mehr als 10 Jahren engagiert sich der Querdenker und -tuer ehrenamtlich in der Umwelt- und Sozialpolitik. Im Rahmen der Brandenburger Kommunalwahlen 2008 wurde er als Parteiloser für Bündnis 90/Die Grünen in die Eberswalder Stadtverordnetenversammlung gewählt. Ende 2011 musste er aufgrund eines Wohnsitzwechsels dieses Mandat niederlegen. Derzeit gehört er der Gemeindevertretung Schorfheide an und ist Vorsitzender der Fraktion Freie Wähler/Bürgergemeinschaft Kommunalabgaben (BKB). Steiner hat Mitgliedschaften der GRÜNEn LIGA Brandenburg und der NaturFreunde Oberbarnim-Oderland. Seine Hobbys sind Wandern, Radfahren, Schwimmen, Saunieren, Kochen – und natürlich der ehrenamtliche Journalismus, insbesondere wenn es um die Behandlung kritischer und brisanter Themen geht. Folgenden Leitspruch eines großen deutschen Gewerkschafters hat er sich zum Lebensmotto gemacht: „Nicht Ruhe, nicht Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit“ (Otto Brenner, 1968).

5 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Ganz herzlichen Dank an die Kolleginnen und Kollegen des E-Blogs, die meinen Artikel ins Französische, Italienische und Spanische übersetzt und veröffentlicht haben!

  2. Entschuldigung an den E-Blogs Autor Michael Hardy und besten Dank für die Übersetzung ins Englische!

    Oh, sorry, I `ve forgotten to thank blogger Michael Hardy also for the translation into English!