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Afghanischer Palimpsest

(Anläßlich der Entscheidung des Deutschen Bundestags, weitere militärische Verbände nach Afghanistan zu schicken, stelle ich einen kurzen Rückblick in den Barnim-Blog.) 

Afghanischer Palimpsest*

Afghanistan I
Fluchtpunkt
bewusstseinserweiternder Träume
Abgrund unbedarfter Weltenbummler
zwischen Hanf und Mohn
auf der vergeblichen Suche nach Selbstverwirklichung
Tempel fernöstlicher Spiritualität und neuer Klänge der Popmusik
Forschungsfeld regulierter Anarchie
und stolzer Freiheit paschtunischer Clans
von der Christian Siegrist einst sang
Projektionsfläche
unbewusster, ungelebter Träume
unerreichbares
Wolkenkuckucksheim der Blumenkinder

Afghanistan II
Im Windschatten der Weltpolitik
ein monarchischer Hinterhof der Sowjetunion
pittoresker Schauplatz von Kabalen und Palastrevolten
schriller Rhetorik sozialistischer Revolution
und religiöser Erlösung
Plötzliches Schlachtfeld der Supermächte
brennender Angelpunkt der Weltpolitik
Richtstätte der Sowjetunion, ermordeter Mörder,
Schädelstätte
Synonym schier endloser Bürgerkriege
mit wechselnden Fronten, gemäß dem Tageskurs der Loyalität lokaler Warlords
Ort totaler Zerstörung und Vergewaltigung
Tummelplatz von Geheimdiensten, Waffenschiebern und Drogenbaronen
boomender Absatzmarkt für Kalaschnikows und Stinger-Raketen
Bombengeschäft der Warlords
in deren Auftrag religiöse Fanaktiker
mit der Einführung der Scharia
im Namen des himmlischen Glücks
ein blutiges Regiment verhängen

Afghanistan III
Ruinen und Minenfelder, entvölkerte Täler
Relikte sowjetischer Intervention
eines Bombenkriegs im Namen des Fortschritts
aus archaischen Verhältnissen der Clangewalt
zerschossene Panzer, gesprengte Straßen
der ganze Stolz der Mujahedin
islamischer Glaubenskämpfer im amerikanischen Auftrag
über den Massengräbern Bombenteppiche und Minenfallen
zwischen abgeworfenen Lebensmittelpaketen
die US-Air Force im unermüdlichen Einsatz
eine neue Schicht von Terror und Zerstörung
überlagert ältere Schichten
und ihr Gedächtnis
eine Flüchtlingswelle jagt die nächste
gewaltsam löst ein mörderisches Regime
seinen blutigen Vorgänger ab
überliefert alles dem Vergessen
immer neue Proklamationen künden
von Freiheit und Fortschritt
von göttlichem Recht und Erlösung
von Wohlfahrt und Emanzipation
in einem Tempo
dass die Prothesenmacher nicht Schritt halten können
ganz außer Atem
mit ihren Klienten auf unvernarbten Beinstümpfen
ins neue Jahrtausend stolpern
blind von erlittener und vergoltener Gewalt
taub vom Geschützdonner vergangener Jahrzehnte
und der Gegenwart
getragen von Terror und Gegenterror
beflügelt von Rache und Vergeltung
von selbstgerechter Mordlust
und den Lügen der eigenen Propaganda
die das Elend nicht kennt
noch die Trauer
in diesen Zeiten des Heiligen Kriegs
aber gepanzert mit Gerechtigkeit
im Namen der Humanität und der geschundenen Opfer von Auschwitz
die moralische Pflicht zum Krieg proklamiert
der triumphierend auferstanden ist
ausgehungert, gierig
technologisch verjüngt,
auf neuestem Stand
höchstem Niveau
computergestützt und lasergesteuert
mit feurig-giftigem Atem
alles verschlingt
was sich ihm in den Weg stellt
der sein Zeichen
unauslöschlich einbrennt
in unsere und fremde Städte
von denen nichts bleiben wird
auch nicht der Wind
der durch sie hindurchging
* Palimpsest: abgewaschenes und neu beschriebenes Pergament

Aus: Hartmut Lindner, Heilloser Optimismus und blindes Vertrauen in schnelllebiger Zeit – Texte für alle Besitzer der Goldenen Kundenkarte.

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Veröffentlicht von

Hartmut Lindner lebt als (Un)Ruheständler in Berlin und Senftenhütte. Bis 2006 arbeitete er als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politische Weltkunde in Berlin. 1993 kam er als Wochenendler nach Senftenhütte, einem idyllischen Ort auf dem Endmoränenbogen. Er engagiert sich in der Bürgerinitiative Biosphäre unter Strom - keine Freileitung durchs Reservat und lokalen Initiativen, vor allem dem Keramikhütte e.V. in Senftenhütte und ist seit Jahren begeisterter Leser der Barnimer Bürgerpost.

6 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. @Hartmut: Ganz hervorragend. Übrigens, danke für Dein Literaturpaket. Ich erfreue mich gerade am Schwejk. Wir müssen e-mail-Adressen tauschen!

  2. Theodor Fontane

    Das Trauerspiel von Afghanistan (1859)

    Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
    Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
    „Wer da!“ – „Ein britischer Reitersmann,
    Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

    Afghanistan! Er sprach es so matt;
    Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
    Sir Robert Sale, der Kommandant,
    Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

    Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
    Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
    Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
    Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

    „Wir waren dreizehntausend Mann,
    Von Kabul unser Zug begann,
    Soldaten, Führer, Weib und Kind,
    Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

    Zersprengt ist unser ganzes Heer,
    Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
    Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
    Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

    Sir Robert stieg auf den Festungswall,
    Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,
    Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,
    Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

    Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
    So lasst sie’s hören, dass wir da,
    Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
    Trompeter blast in die Nacht hinaus!“

    Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,
    Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
    Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
    Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

    Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
    Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
    Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
    Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

    „Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
    Vernichtet ist das ganze Heer,
    Mit dreizehntausend der Zug begann,
    Einer kam heim aus Afghanistan.“

    Diese Ballade umschreibt in lyrisch ansprechender Form exakt den damaligen Ablauf. Es ist keine überdramatisierte Darstellung. Tatsächlich ist nur einer, und zwar der Truppenarzt, zurückgekehrt…

  3. Peter Vida!

    Der Fontanetext ist ein Klassiker. Als die TAZ ihn 2002 veröffentlichte habe ich
    dem damaligen Verteidigungsminister Scharping vorgeschlagen, ihn in den „Informationen für die Truppe“ zu veröffentlichen, aber er hat den Lektürevorschlag nicht sehr geschätzt.

  4. Gewiss ist die Ballade nicht sehr neu ;-)

    Aber sie ist in zynischer Weise aktuell und bringt die faktischen Möglichkeiten in jenem zentralasiatischen Land heute viel mehr auf den Punkt als noch etwa 2002.

  5. Das Problem des Fontanetextes besteht allerdings darin, dass er nur das Leid der britischen Armee beklagt. Die Afghanen (als Opfer) spielen hier keine Rolle. Es ist der Blick des Kolonialisten, den heute auch noch viele teilen.
    Deshalb ist der Verstoß der Linksfraktion gegen die Geschäftsordnung bei der Afghanistandebatte in Bundestag eben kein „Klamauk“ wie der Außenminister in typischer Blindheit meint, sondern eine angemessene Regelverletzung. Die Linke nennt die Namen der afghanischen Opfer – nicht aller, aber der Opfer, deren Tod uns noch im Gedächtnis und Bewußtsein ist, da es ja ein deutscher Offizier (Oberst Klein) war, der den Befehl zu ihrer Tötung gegeben hat. (Der Mann war in mehrfacher Weise überfordet, aber das kann man bei vielen Massakern sagen, wenn man die Details untersucht. Er hat heute noch nicht begriffen, was er angerichtet hat.) Die Bundeswehrführung hat inzwischen den Soldaten untersagt, T-Shirts mit dem englischsprachigen Aufdruck „Du sollst nicht stehlen“ unter der Abbildung der ausgebrannten Tanklaster zu tragen.
    Selbst der Bundeswehrführung graust es vor der Verrohung der Truppe im Kampfeinsatz – das haben sie nicht gewollt – aber sie fordern weitere Kräfte an. Das ist meiner Meinung nach unverantwortlich. Es ist Zeit, zu gehen, bevor noch schlimmere Exzesse geschehen. Die Spirale der Gewalt dreht sich – nicht nach unten.

    Die Afghanen werden durch die Entscheidung des Bundestags, noch mehr Soldaten inden Kampfeinsatz zu schicken zu Objekten der imperialen Politik, der sich die Bundesrepublik unterordnet.

  6. Der Hinweis auf den Umstand, dass nur die britischen, mithin nach Kolonialisierung trachtenden Opfer genannt werden, ist berechtigt.

    Ich denke vielmehr, dass man aus dieser Ballade Erkenntnisse ziehen sollte, was dort „zu holen ist“.

    Die dynamische Auslegung der Geschäftsordnung unterstütze ich immer; ich wünschte mir nur, dass Die Linke dieses Recht auch dort verteidigt, wo sie selbst in der Mehrheit ist und jemand anders von diesem Recht auf „angemessene Regelverletzung“ Gebrauch macht…