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Die Barnimer Kunstübung – Des Kaisers neue Kleider – Premiere am 10.1.2010 im Barnimer Volkstheater

Auf den letzten Drücker gewinnt die Inszenierung des Volksstücks „Des Kaisers neue Kleider“ im Barnimer Volkstheater so richtig Schmiß.

Die Besetzungsliste ist jetzt endlich komplett. Ihrke spielt den Kaiser, das stand nie in Zweifel. Und weil er so groß und mächtig ist, hat er in diesem Stück nicht nur einen Gewandschneider in seinen Dienst genommen, sondern vier Großschneidereien, alle Moderichtungen eingebunden, also ein wahres Textilkartell. Da läßt sich so manches bemänteln. Alle politischen Farben schmücken seinen Hut mit der schwarz-gelb-grün-rosaroten Kokarde – nur das wirkliche Rot fehlt. Rot mag der Kaiser nicht, das steht ihm nicht, das ist ihm zu knallig, er liebt es lieber gedeckt.

Noch vor dem Beginn der Präsentation der neuen Kollektion, die den großen Kaiser immerhin bis zum Jahr 2018 luxuriös ausstaffieren sollte – so mancher suchte noch nach seinem Platz – ruft Dr. Valentin, der noch über eine intakte Nase verfügt: „Hier stinkt`s, bitte lüften!“ Die Luft im Saal ist wirklich sehr stickig, sie kommt direkt aus der Dampfbügelei und in des Kaisers Großschneidereien herrscht tagaus, tagein Hochbetrieb, denn da gibt es immer etwas glatt-, aus- oder unterzubügeln. Und das Haus ist voll. Es sind sehr viele gekommen: die Hofschranzen, die Gewandschneider und Bügelmeister, die Finanziers und so mancherUntertan.
Doch jetzt kommt Ihrkes großer Auftritt – zum erstenmal wird die neue Kollektion präsentiert und mit gemessenen Bewegungen posiert unser Star vor der Gesellschaft. „Ah, oooh“- „Wie großartig! Wie grün!“ „Welch erfrischendes Gelb!“ „Und welches Schwarz, so tiefschwarz, einfach elegant!“ „Und rosarot, wie das kleidet!“ So hallt es begeistert von allen Seiten. Mitten in den nicht endenwollenden Applaus ruft plöztlich Margitta Mächtig, die die Rolle des kleinen Mädchens übernommen hat, mit ihrer klaren Stimme: „Aber seht doch! Der Kaiser ist nackt!“

Atemlose Stille.

Anders als im Märchen endet das Stück nicht mit dieser erhellenden Stille, nein aus dem Kreis der Hofschranzen und begeisterten Gäste ertönt ein empörtes Geschrei: „So eine Unverschämtheit, was bildet die sich ein! Will sich hier einmischen! Unverschämt! Setzt sie an die frische Luft, das freche Gör!“ Dann fällt der Vorhang.

Allerdings wissen wir nicht, ob das Publikum bei diesem ausgeklügelten Schluß der Regie mitspielt und applaudiert. Es könnte durchaus sein, dass das Publikum seinen eigenen Augen traut und spontan Sprechchöre bildet:“Der Kaiser ist nackt! Der Kaiser ist nackt!“ Da fiele plötzlich die so sorgfältig geplante Inszenierung in sich zusammen. Das Publikum selbst hätte sie korrigiert. Der Traum des jungen Brecht, der mit seinem „Glotzt nicht so romantisch!“ einst das Publikum aktivieren und zum kritischen Denken mit praktischen Folgen anregen wollte, würde Wirklichkeit. Eine echte Kunstübung.

Wir wissen heute auch noch nicht, ob das Haus ausverkauft sein wird oder viele Plätze leer bleiben, weil die Zuschauer glauben, dass ja doch nur wieder das alte Stück gespielt wird, das sie schon kennen und das sie nur langweilt.

Mancher geht vielleicht lieber zum Eisangeln in diesen kalten Tagen.

Nein, Petri Heil, sagen wir nicht, sondern:
Nehmt teil an der Barnimer Kunstübung, erweist euch als engagiertes Publikum mit einem eigenen Kopf.

Premiere ist am 10.1.2010 im Barnimer Volkstheater und Sie entscheiden über die Fortsetzung des Stücks und damit auch über den künftigen Spielplan.

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Veröffentlicht von

Hartmut Lindner lebt als (Un)Ruheständler in Berlin und Senftenhütte. Bis 2006 arbeitete er als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politische Weltkunde in Berlin. 1993 kam er als Wochenendler nach Senftenhütte, einem idyllischen Ort auf dem Endmoränenbogen. Er engagiert sich in der Bürgerinitiative Biosphäre unter Strom – keine Freileitung durchs Reservat und lokalen Initiativen, vor allem dem Keramikhütte e.V. in Senftenhütte und ist seit Jahren begeisterter Leser der Barnimer Bürgerpost.

1 Kommentar » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Das Barnimer Volkstheater steht kurz vor dem Konkurs. Wenn sich zur nächsten Aufführung nicht mehr einfinden und sich einmischen, dann kommt alles unter den Hammer. Der stellvertretende Prinzipal C.B. wird die Schauspieler entlassen und im Auftrag des Textilkonsortiums die Krone und die maßgeschneiderten kostbaren Roben sowie andere Requisiten an den Meistbietenden versteigern.

    Aber noch hat die Regie nicht völlig resigniert, obwohl die Stimmung in der Kantine sehr gedrückt ist. Ein rühriger Mitarbeiter setzt bei zu erwartendem Tauwetter in 14 Tagen auf eine amtliche Warnung vor dem Betreten der Eisflächen. So sollen die Eisangler zum Besuch des Volkstheaters motiviert werden.

    In den Dampfbügeleien des Kaisers, wird berichtet, herrscht weiterhin Hochbetrieb – mit einer Verbesserung des Klimas im Hohen Haus ist folglich nicht zu rechnen.

    Nächste und definitiv letzte Vorstellung dieses Stücks am 24.1.2010 im Barnimer Volkstheater