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Aus einem anderen Land

Im September 1978 beschließen mein Arbeitskollege und ich, die Leipziger Messe zu besuchen. Wir leben und arbeiten in Ulm, sind jung – Anfang dreißig – und sehen in unserer Kurzreise „nach drüben“ eine Gelegenheit, uns einen kleinen Einblick in die Lebensverhältnisse in der DDR zu verschaffen.

Da das Wetter noch verhältnismäßig warm ist und ich meinen VW-Bus ungern einer Durchsuchung an der deutsch-deutschen Grenze aussetze, entscheiden wir uns für Hansjörgs fahrbaren Untersatz, einen Alfa Romeo Spider.

Bei Rudolphstein, in der Nähe von Hof, überqueren wir die innerdeutsche Grenze, nicht ohne den DDR-Grenzbeamten zu fragen, ob wir denn nach Leipzig unbedingt die Autobahn benutzen müssen. Da dieser sich nicht eindeutig äußert, interpretieren wir dies als Einladung und verlassen bald hinter der Grenze die Autobahn.

Da es schon um die Mittagszeit ist, suchen wir ein Restaurant und werden in einer Kleinstadt fündig. Auf dem großen, leeren Platz in der Mitte der Stadt stehen in einer kleinen Gruppe drei oder vier Trabis, neben die sich unser Alfa gesellt. Gleich am Rande des Platzes befindet sich ein Restaurant mit etwa acht Tischen. Einer davon hat offenbar auf uns gewartet.

Während wir das gutbürgerlich leckere und für unsere Verhältnisse preiswerte Essen in der Runde schweigsam speisender Einheimischer genießen, spricht uns vom Nachbartisch ein Mann an: „Tschuldigung, darf ich Sie wohl mal was fragen?“ – „Klar“. „Ist das euer Auto da draußen“ – „Ja“. „Wenn ihr mit dem Essen fertig seid, darf ich mir euer Auto mal angucken?“ – „Ja, natürlich.“

Nun beginnt der Mann laut zu sprechen: „Wisst ihr, jeden Morgen, wenn ich in meinen W50 steige, kotzt mich das so was von an.“ Das Schweigen in der kleinen Gaststätte wird fühlbar. Kein Besteckklappern ist mehr zu hören. Die Frau des Mannes macht stumme, beschwichtigende Gesten in dessen Richtung, die dieser jedoch ignoriert. „Die Hälfte meiner Kollegen hat schon rübergemacht“, sagt der Mann, noch etwas lauter. „Dieser ganze Schrott hängt einem so zum Hals raus.“ Nun spricht die Frau leise zu dem Mann und schaut nervös um sich. Der Mann redet noch lauter: „Ob ich in diesem Land frei rumlaufe oder im Knast sitz‘, wo ist da der Unterschied?“

Wir sind bald mit dem Essen fertig, und der Mann folgt uns auf den Markplatz. Er geht langsam um den Alfa herum. Schaut sich jedes Detail an und fragt schließlich, ob wir für ihn mal die Motorhaube öffnen. Auch dies tun wir gern; wir sind selbst von dieser unerwarteten Begebenheit etwas überrascht.

Ruhig und wortlos betrachtet der Mann nun den Motorraum des Alfa, während wir anhand unserer Straßenkarte den weiteren Wegverlauf planen. Als wir wieder aufschauen, steht da dieser große, kräftige Mann neben dem Motorraum – und weint.

Wir verabschieden uns nach einigen stummen Augenblicken voneinander, der Mann wünscht uns gute Fahrt, und wir sind bald in Leipzig und auf der Messe.

Bis heute haben mein Kollege und ich diesen Moment nicht vergessen und wundern uns, was in diesem Menschen wohl vorgegangen sein mag. Wenn noch heute, wieder und wieder – zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung – in der prächtig renovierten, mit feinsten Autobahnen und schicken Einfamilienhäusern, mit fetten BMW’s und prallen Supermärkten strotzenden ehemaligen DDR einer dieser Menschen davon spricht, wie viel besser alles in der DDR gewesen sei, dann fällt uns spontan nur dieser starke Mann ein, der beim Anblick eines Alfa Romeo auf einem leeren, grauen DDR-Marktplatz steht und weint.

Fast unerheblich ist dagegen unser Besuch der Leipziger Messe, unser Eindruck der trüben Gaslaternen alle 200 Meter entlang der Straße in Leipzig, in der wir bei einer Witwe untergebracht sind. Unerheblich, dass man schon Sekunden nach dem Parken des Alfa an den Radkappen schraubt, unerheblich die Eindrücke einer menschenleeren Straße am Sonntag, in der das einzige sichtbare Wesen ein etwa Sechzehnjähriger ist, der in FDJ-Uniform den Gehsteig fegt. Unerheblich, dass die einzigen Autos, die wir am Sonntag auf der Landstraße sehen, drei Trabis sind, die jedoch nach kurzer Zeit zu einem Kraftwerk abbiegen. Unerheblich auch, dass man uns in der Leipziger Diskothek am Samstagabend den Einlass verwehrt, weil wir unsere Krawatten nicht dabei haben. Unerheblich das Bild der grauen Stadt, in der ein Polizist das junge Paar ermahnt, dass man sich nicht in der Öffentlichkeit küsst, und wo er gleich darauf gebückt rennend ein knatterndes Moped verfolgt, um sich das Nummernschild zu notieren.

Unerheblich ist ferner, dass es auch den Menschen in der BRD vor der Wiedervereinigung wirtschaftlich besser ging, dass Familien mit dem Gehalt eines Alleinverdienenden auskamen, dass man seine 6 Wochen bezahlten Urlaubs dank dreizehntem (und oft gar vierzehntem) Monatsgehalt in Ruhe genießen konnte, da die meisten Jobs lebenslänglich waren. In dieser Zeit galten schon zweihunderttausend Arbeitslose als Skandal, und Schlaglöcher wurden einzeln in der ADAC-Zeitschrift abgebildet.

Was zählt, ist für mich die Tatsache, dass beide Teile Deutschlands ohne militärische Katastrophe friedlich den Weg zueinander gefunden haben. Alles andere ist dagegen, bitteschön, Kleinkram.

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3 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Vielen Dank, dass du diese Geschichte mit uns geteilt hast.

    Dies verdeutlicht anschaulich die Verzweiflung, welche so mancher Bürger der ehemaligen DDR empfunden haben muss. Ich selbst kann das alles nicht so recht nachempfinden, denn als die Mauer fiel, war ich 6 Jahre alt. Ich konnte aber die Aufregung meiner Angehörigen spüren und ihre Euphorie. Heute, wenn sie manchmal in Erinnerungen schwelgen, dann kommt manchmal das Thema des großen Zusammenhalts der Bürger der ehemaligen DDR untereinander zu Sprache. Das läuft dann aber auf nichts anderes hinaus, dass Jäger und Sammler waren und so Waren und Dienstleistungen tauschten. Dann folgt kurz eine Minute Stille um die Situation nochmal mit heutigen Maßstäben zu messen, gefolgt von dem Ausruf: „Man, war das ein Mist!“. Mit der Zeit ändert sich einfach die Sicht auf die Dinge.

    Wenn ich nun als Bürger der alten Bundesländer darüber philosophiere, was ich durch die Wiedervereinigung verloren habe, so darf ich nicht vergessen, was ich zurückgewonnen habe. Selbstlose Taten unter Geschwistern sind etwas Normales. Man kann sie nicht mit Geld aufwiegen, sondern nur mit einem reinen Gewissen. Die Wiedervereinigung brachte zusammen, was dem Gefühl nach zusammen gehörte. Emotionen kennen keine wirtschaftlichen Folgen. Wenn wir uns jetzt Fragen ob es ein Fehler war oder, oder, oder… dann sollten wir uns einfach die Fernsehaufnahmen jener Nacht ansehen, als sich die Mauer öffnete und sich die Menschen aus Ost und West in die Arme fielen und zusammen weinten und lachten. Irgendwo in dieser Menge saß ich selbst in einem Auto und fuhr nach Westberlin und retrospektiv rühren mich jene Bilder zu Tränen.

    Alles was ich hier geschrieben habe, wirkt jetzt etwas wirr, ich hoffe ihr versteht worauf ich hinaus will.

    R.

  2. Auch ich weine der ehemaligen DDR keine Träne nach. Der Staat in dem Menschen gnadenlos eingesperrt oder erschossen wurden wenn sie die Absicht hatten das Land zu verlassen, hat viel zu lange existiert…

  3. Danke für diesen Beitrag.

    Viele Bürger/innnen der ehemaligen „DDR“ lehnen es innerlich ab, sich kritisch und umfassend mit dem System „DDR“ auseinander zu setzen. Das positive Wohnungsbauprogramm wird nicht mit dem wirtschaftlichen Bankrott der „DDR“ verbunden, das als gut empfundene „Rund-um-Sorglos-Betreuungspaket“ vom Kleinkind bis zum Renter, nicht mit Überwachungswahn und Kontrolle aller Lebensbereiche zur Sicherung einer Parteimacht verstanden. Aber so funktionieren nun mal Diktaturen (in diesen Beispielen ähneln sich „DDR“ und Nazi-Deutschland)

    Viele der Generation 45 (nach 45 geborene) und zur Wiedervereinigung so um die 40 bis 50, versucht seit Jahren, das Deutschland der Sozialen Marktwirtschaft mit dem Wissen aus dem „DDR“ Staatsbürgerkundeunterricht zu erklären. Die Wirkungsweisen in einer Demokratie und die persönliche Freiheit sich einzubringen, den Wert von freien Gewerkschaften etc. wird nicht erkannt. Es fehlt an politischer Bildung in einer Demokratie.

    Aus meiner eigenen Geschichte: Ich war am Tag des Mauerfalls meinen Wehrdienst leisten, in der „DDR“. Ich bin im Mai 1989 eingezogen worden und im April 1990 entlassen worden. Ich bin dort aufgewachsen…. und fühlte mich nach meinem Wehrdienst um 19 Jahre meine Lebens betrogen und verraten. Es ist eine lange Geschichte.

    Wir werden noch 2 Generationen brauchen um ohne „rosarote“ Brille auf unsere Geschichte zu schauen. Die Aufarbeitung in der Gesellschaft über die Nazidiktatur hat mit den 68’ern richtig begonnen, mit Wut und mit Macht.

    Die Nazis hatten die 68’er, aber wen bekommen die Stasis?

    Danke nochmals an Herrn Hartmut Ginnow-Merkert für diesen sehr persönlichen Bericht.