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Aus dem Land der Sioux

Bild 1: American Bison - Einst Sinnbild des Indianerlandes

Bild 1: American Bison - Einst Sinnbild des Indianerlandes

Mitten in der Pine Ridge Indian Reservation im Süden des US-Bundesstaates South Dakota steht ein Denkmal, das nicht von den Touristenströmen berührt wird. Der kleine Friedhof auf einem Hügel beim gleichnamigen Dorf im Pine Ridge Sioux-Reservat erinnert an eine der Schattenseiten in der Geschichte der USA. „Amerikas schmutziges Geheimnis“ nennt es Rose Two Two1, die heute im nahebei gelegenen Informationszentrum des American Indian Movement (AIM) die Fragen der wenigen Besucher beantwortet, die den Weg hierher finden.

Bild 2: Eingangstor zum kleinen Sioux-Friedhof am Wounded Knee

Bild 2: Eingangstor zum kleinen Sioux-Friedhof am Wounded Knee

„Genozid“2 – mit diesem Wort tun sich viele Amerikaner schwer, wenn es um die eigene Geschichte geht. Beim Massaker am Wounded Knee verloren im Jahr 1890 ca. 300 unbewaffnete Sioux – Männer, Frauen und Kinder – ihr Leben, als sie von einer Übermacht von Soldaten im Morgengrauen eines kalten Dezembertages mit Schnellfeuerwaffen und Kanonen niedergemetzelt wurden.

Das Massaker am Wounded Knee war das letzte dramatische Ereignis in einer langen Kette von Gewalthandlungen gegen die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents, deren wenige Überlebenden nach und nach in die unwirtlichsten Regionen des Landes abgedrängt wurden. Vertrag um Vertrag wurde verletzt; Vernichtungsfeldzüge, „christliche“ Missionierung und die aus Europa nachdrängenden Siedler gaben den Indianern den Rest. Etwa zwei Millionen Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner leben in den Reservaten, denen die amerikanische Regierung großzügig den Betrieb von Spielcasinos und die Lagerung radioaktiver Abfälle als wirtschaftliche Perspektiven zugesteht. Zwei Millionen – das sind weniger als 1 Prozent der heute in den USA lebenden Amerikaner.

Eigentlich sind Begriffe wie „Indianer“ und „Sioux“ Unworte. Während die gängige Bezeichnung für die amerikanischen Ureinwohner auf einen Irrtum des Christoph Kolumbus zurückgeht, erinnern Worte wie „Sioux“3, „Büffel“4 und „Prairie“5 an die französischen Fallensteller und Pelzhändler, die lange vor den weißen Siedlern schon im 17. und 18. Jahrhundert friedlich Handel mit den Ureinwohnern trieben.

Oglala Lakota nennen sich diese Menschen, denen die amerikanische Regierung innerhalb ihrer Reservate eine gewisse Eigenständigkeit zugesprochen hat. Wegen der unwirtlichen Lebensbedingungen und der Abgeschiedenheit leiden die Nachfahren der ehemals stolzen und unabhängigen Herrscher des Landes heute unter Armut und Alkoholabhängigkeit. Die Entscheidungsfreiheit stößt dort an ihre Grenzen, wo sie die Interessen der anderen Amerikaner berührt.

„Unsere Stammesführer hatten festgestellt“, berichtet Rose, „dass der Boden auf unserem Reservat für den Anbau von Hanf geeignet ist und dass es eine Nachfrage nach dieser für die ökologische Textilproduktion wichtigen Pflanzenfaser gibt. Kaum hatten wir mit dem Anbau begonnen, kam das FBI und verwüstete unsere Felder“. Hanf kann tatsächlich auch zur Rauschmittelherstellung angebaut werden. Aber selbst in Deutschland ist der Anbau wirkstoffarmer Hanfarten erlaubt. „Die Beamten des FBI drohten, dass sie auch künftige alle unsere Versuche zum Anbau von Hanf rigoros unterdrücken würden“.

Vieles, was man in unseren Breiten über Indianer zu wissen glaubt, stammt aus der Feder des schillernden Schriftstellers Karl May. Winnetou und Old Shatterhand – alles, was er über die Indianer Nordamerikas schrieb, entsprang mehr seiner Phantasie als den Tatsachen. Immerhin erweckte Karl May in vielen von uns ein Gefühl von Sympathie für die unterdrückten Urvölker Nordamerikas, die noch heute in den schrecklich verquasten Indianerspielen mancher Hobbyromantiker ihren Ausdruck findet.

Ich frage Rose, ob sie denn noch die Sprache ihres Volkes, Lakota, spreche. Sie bedauert und erklärt: „Meine Großmutter wurde als Kind – wie alle indianischen Kinder ihrer Zeit – den Familien weggenommen und per Zwang in Internatsschulen gesteckt, die von „Christen“ geführt wurden. In diesen Internatsschulen war es bei Strafe verboten, andere Sprachen als Englisch zu sprechen. Jegliche Ausübung unserer eigenen religiösen Praktiken war strikt untersagt. Die Kinder sollten mit harten Strafen und Unterdrückung ihrer Persönlichkeit zu einem Leben im christlichen Sinne angehalten werden. Ihnen sollte ihre eigene Kultur als minderwertig vermittelt werden; die indianischen Kulturen sollten im ganzen Land ausgerottet werden“.

Rose erzählt, dass viele Mädchen den einzigen Ausweg darin sahen, schwanger zu werden. „Viele Mädchen realisierten, dass diese „christlichen“ Erzieher nur eines nicht akzeptieren konnten. Wenn eine von ihnen also schwanger wurde – unehelich, natürlich – dann wurde sie aus dem Internat verwiesen und nach Hause geschickt. Diesen Weg wählte auch meine Großmutter. Und so wurde sie mit 14 schwanger.“

Neben der Sprache gingen auch andere Praktiken verloren, derer man sich erst seit ca. 1970 wieder besinnt. Roses 17jähriger Sohn und ihr Mann befinden sich soeben auf einem viertägigen Überlandritt, zusammen mit weiteren 150 indianischen Männern. Man campt und jagt und lebt im Rhythmus, den die Natur vorgibt. Auch dürfen Oglala-Kinder heute Lakota lernen, und die Sprache hat wieder einen festen Platz im Leben dieses Volkes.

Überall in den USA (und Kanada) finden indianische Pow Wows statt, bei denen zeremonielle Tänze getanzt werden und die Trommeln auf dem zentralen Tanzplatz währen vier Tagen nicht verstummen. Weiße Besucher sind willkommen, solange sie den religiösen Charakter dieser Veranstaltungen respektieren. Wer einmal  Gelegenheit hatte, ein Pow Wow zu besuchen, dem läuft es mitunter eiskalt den Rücken herunter, wenn ein alter Chief in vollem Federschmuck (und mit cooler Sonnenbrille) seinem Volk eine Ansprache darüber hält, dass Alkohol schädlich und somit im ganzen Reservat verboten sei und dass man sich der alten Werte seines Volkes erinnern solle. Auch die Namen der auf dem kleinen Friedhof am Wounded Knee bestatteten Dorfeinwohner sprechen die Sprache einer einst stolzen und eigenständigen Kultur. Die Grabsteine lauten auf Emily Her Many Horses, Richard Running Bear oder Agnes White Buffalo Chief.

Bild 3: Ann T. Respects Nothing - Grab auf dem Friedhof am Wounded Knee

Bild 3: Ann T. Respects Nothing - Grab auf dem Friedhof am Wounded Knee

Das Bild des kriegerischen Indianers, wie es uns in den Medien und durch Hollywood vermittelt wurde, ist falsch. Pferde kamen erst mit den spanischen Besatzern ins Land. Kämpfe unter den Indianer entstanden als Konsequenz des zunehmenden Bevölkerungsdrucks im Osten des Kontinents, durch den die dort ansässigen Ureinwohner immer weiter gen Westen vertrieben wurden. Wenn man sich heute über Ökologie und Klimawandel Gedanken macht, sollte man sich in Erinnerung rufen, dass unter vielen Indianervölkern jede Entscheidung von Belang auf ihre Auswirkungen für die nächsten sieben Generationen untersucht und diskutiert wurde. Für das in unserer Gesellschaft verbreitete egoistische Denken und Handeln mit dem Ziel des größtmöglichen Profits – häufig zu Lasten Anderer – gab es keinen Platz im indianischen Wertesystem. Nachhaltigkeit und Gemeinsinn gehörten zu den ehernen Prinzipien aller indianischen Kulturen. Vieles könnten wir selbst und die angeblich zu unserm Nutzen handelnden Politiker von Sitting Bull lernen:

„Aber meine Brüder und Schwestern, ich sage euch, wir müssen unsere Besessenheit mit dem Besitz überflüssiger Güter aufgeben. Und dies erst recht, da wir schon den Himmel über unserer Mutter Erde beschmutzen und die Wasser verseuchen, die sie bedecken. Seht ihr nicht, wie sie uns schon warnt? Behaltet die materiellen Güter, die ihr für eure Existenz benötigt, aber lernt zu teilen und seid großzügiger. Ihr werdet sehen, dass ihr mit Weniger auskommt. Ersetzt euer leeres Dasein, worin ihr die Oberflächlichen unter den Mitmenschen mit leeren Gesten zu beeindrucken versucht, damit, dass ihr euch aktiv für unsere Mutter Erde einsetzt. Ihr werdet sehen, dass ihr, sobald ihr in die Welt der Ahnen eingeht, mit Stolz auf ein erfülltes Leben zurück blicken könnt.“

Sitting Bull lebte von 1831 bis 1890. Auch sein Tod war ein Akt staatlich sanktionierter Gewalt.

Mitakuye Oyasin – Wir sind alle miteinander verbunden.

Bild 4: Von den anderswo üblichen Wohnmobilen der amerikanischen Touristen ist am Wounded Knee niemand anzutreffen.

Bild 4: Von den anderswo üblichen Wohnmobilen der amerikanischen Touristen ist am Wounded Knee niemand anzutreffen.

Bild 5: Diese findet man eher im - zugegebenermaßen wunderschönen und riesigen - Freiluftzoo nahebei, dem Custer State Park (einst auch Indianerland)...

Bild 5: Diese findet man eher im - zugegebenermaßen wunderschönen und riesigen - Freiluftzoo nahebei, dem Custer State Park (einst auch Indianerland)...

Bild 6: ...oder beim Kauf von Indianerkitsch im Touristenladen des Custer State Park

Bild 6: ...oder beim Kauf von Indianerkitsch im Touristenladen des Custer State Park

Anmerkungen:
*1 Name geändert
*2 Genozid – Völkermord
*3 französische Verballhornung des indianischen Namens Nadoüessioüak
*4 Büffel (Buffalo) von franz. boef (Rind). Die richtige Bezeichnung ist (American) Bison
*5 Prairie: franz. Grasland

Der Autor lebte und arbeitete von 1983 bis ’93 in Minneapolis und befasste sich im Rahmen seiner Arbeit dort intensiv mit den Belangen der nordamerikanischen Indianer. Die Reisenotizen „Aus dem Land der Sioux“ entstanden im Verlauf eines Besuchs in der Pine Ridge Reservation im Juni 2009.

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1 Kommentar » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Man möchte vielleicht noch hinzufügen, dass das Wort „Sioux“ im Amerikanischen nicht „Sie-Ucks“ ausgesprochen wird sondern eher wie „ßuh“ (französische Aussprache).