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Wandlitz, Prenden, Bogensee – ein Ausländer auf der Suche nach der Geschichte

Vor eineinhalb Jahren bin ich aus der Schweiz nach Wandlitz zugezogen. Mein Wissen um die Vergangenheit dieses Ortes war zugegebenermassen eher spärlich. Angeregt durch einen TV- Bericht erfuhr ich von der Waldsiedlung und deren Bedeutung zu Zeiten der DDR. Meine Neugier war geweckt und ich wollte mehr erfahren über das Refugium der ehemaligen Führungselite. Zu meinem grossen Erstaunen fand ich vor Ort weder einen Informationspavillon, noch anderweitige Hinweise zur früheren Nutzung des Geländes, einfach nichts. Also machte ich mich im Internet auf die Suche nach zusätzlichen Informationen und klickte die offizielle Website der Gemeinde Wandlitz an. Auch da Fehlanzeige. Keine Führungen, kein Wort über die Waldsiedlung. Fündig wurde ich hingegen auf einigen privaten Seiten, sodass ich mir ein Bild machen konnte.

Im Zuge weiterer Recherchen zur jüngsten Geschichte der Region Wandlitz entdeckte ich unter dem Ortsteil Prenden einen knappen Hinweis auf die ehemalige unterirdische Kommandozentrale der Staats- und Parteiführung der DDR. Im vergangenen Herbst erhielt ich sodann Gelegenheit den ehemaligen Führungsbunker zu besichtigen. Dieses Bauwerk vermittelt einen Eindruck damaliger Spitzentechnologie und dürfte in Deutschland in seiner Art einzigartig sein. Ausserdem widerspiegelt das gigantische Bunkerwerk die Zeit des Kalten Krieges.

Ich war schockiert, als ich erfahren habe, dass dieser geschichtsträchtige Ort im gegenwärtigen Zustand versiegelt und der Öffentlichkeit entzogen werden soll. Ohne eine dringend notwendige Entfeuchtung wird in wenigen Jahren nur noch eine Bauruine übrig bleiben. Irgenwann wird sich somit eine Sanierung erübrigen. Ist dies tatsächlich die Absicht? Vom Guide erfuhr ich, dass an den Wochenenden des vergangenen Sommers bis zu 1000 Besucher (und dies zu einem Eintrittspreis von 20.- Euro pro Person!) durchgeschleust worden waren. Mit wirtschaftlichen Argumenten lässt sich eine Schliessung der Anlage deshalb wohl kaum begründen.

Als weiteres Beispiel möchte ich auf die Goebbelsvilla am Bogensee verweisen. Am leerstehenden Haus nagt ebenfalls sichtbar der Zahn der Zeit. Die bereits vorhandenen Bauschäden lassen erahnen, dass sich auch für dieses Objekt irgendwann eine Sanierung nicht mehr lohnen wird und sich das  Erinnerungstück deutscher Geschichte aus dem Bewusstsein verabschiedet. Dabei liesse sich die im Besitz des Berliner Senats stehende Villa mit überschaubarem Aufwand zu einer einzigartigen Informations- und Begegnungstätte einrichten.

Allein aufgrund dieser drei Beispiele (und deren gibt es vermutlich noch einige) stelle ich mir die Frage, weshalb sich das Land Brandenburg einerseits auf der ITB als Reiseland präsentiert und es sich gleichzeitig leistet, eine Region wie Wandlitz mit derart geschichtsträchtigen Tourismussmagneten wirtschaftlich ungenutzt zu lassen? Gerade die Konzentration auf 20 Jahre Mauerfall sollte doch auch zu einer für Besucher erkennbaren, ausgewogenen Betrachtung solcher zeithistorisch bedeutsamer Bauten führen.

Unzählige Beispiele im In- und Ausland zeigen übrigens, wie sich Geschichte zum Anfassen sinnvoll vermarkten lässt (siehe www.festung-vitznau.ch). Als Ausländer verkneife ich es mir darüber zu spekulieren, weshalb diese Chance verspielt wird. Nur eines ist klar, wenn der politische Wille zur aktiven und sachbezogenen Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit fehlt, sind auch private Initiativen zum Scheitern verurteilt.

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11 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. In Deutschland besteht bei Objekten ehemaliger Nazigrößen jeweils die Gefahr, das diese zu Wallfahrtsorten von „Ewiggestrigen“ werden. So findet man in sog. nationalen Netztagebüchern auch diverse Berichte über „nationale“ Familienausflüge die bei Kaffee und Kuchen ganz „zufällig und ungezwungen“ zum Bogenseeareal führten.
    Deshalb sind diese Hinterlassenschaften praktisch unverkäuflich. Da das gesamte Objekt am Bogensee jährlich einen Milionenbetrag verschlingt, erwog der Berliner Senat im vorletzten Jahr sogar einem Abriß der denkmalgeschützten Goebbelsvilla. Das ist jetzt zwar erstmal vom Tisch aber niemand weiß wie es weiter gehen soll. Werde demnächst einen detailierten Artikel dazu veröffentlichen…

  2. Hallo René,

    die Waldsiedlung gehört nicht zur Gemeinde Wandlitz, sondern zur Stadt Bernau b. Berlin.

    Vielleicht fehlt deshalb der Hinweis auf der Website der Gemeinde wandlitz. Schon mal daran gedacht?

  3. Sebstverständlich besteht bei derartigen Objekten stets die Gefahr von unerwünschten Polittouristen. Andererseits sind solch geschichtsträchtige Bauten von bedeutend breiterem Interesse. Im derzeit leerstehenden und frei zugänglichen Zustand lädt die Goebbelsvilla Insider (sprich die Ewiggestrigen)zu Wallfahrten geradezu ein. Wenn es darum geht unerwünschte Gäste fernzuhalten, machen wir den Soldatenfriedhof von Halbe, das Olypiastadion und eventuell sogar der Bundestag (ehemals Reichstag)doch gleich platt. Mit Bauwerken der DDR scheint man da etwas konsequenter umgegangen zu sein. Geradezu reflexartig entledigte man sich des Palastes der Republik und der Mauer. Eine bewährte Methode sich nicht mit einer unbequemen Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen, doch wenig verwunderlich, wird die Geschichte doch stets von den Herrschenden geschrieben…

  4. (an Mike) Besten Dank für die Information. Du bringst mit deinem Hinweis die Problematik auf den Punkt. Jeder auswärtige Besucher verbindet die Waldsiedlung mit Wandlitz und nicht mit Bernau. Auf dem Stadtplan von Wandlitz ist die Waldsiedlung (mit dem Vermerk Brandenburgklinik) denn auch eigetragen, obwohl sie ausserhalb der Gemeindegrenzen liegt (!). Mir kommt es so vor, als hat man eine Waldsiedlung (wegen der Klinik) oder man hat keine (wegen der Vergangenheit)und wenn einer ganz dumm nachfragt, gehört sie halt zu Bernau.

  5. @Rene: Was ich beschrieben habe ist die Sicht des Eigentümers: Dessen Vertreter Thilo Sarrazin, macht sich lieber Gedanken über den Speiseplan von Harz IV Empfängern als irgenwo in Brandenburg „hinten im Wald“ irgenwas zu investieren….schlimm genug daß der Weltstadt da was gehört…und dann noch mit politischen Altlasten verschandelt . Am besten also still und heimlich platt machen daß ganze….

    Wie Du richtig bemerkt hast(Palast) ist diese Praxis hierzulande ziehmlich weit verbreitet.

    Trotzdem ist die Gefahr einer Übernahme von rechts wohl auch nicht ganz von der Hand zu weisen. Die braunen Truppen suchen schließlich seit geraumer Zeit nach Immobilien für Ihre Schulungszentren…und wären auch in Biesenthal fast fündig geworden. Das sich dafür das Olympiastadion oder eine demokratischer Ort wie der Reichstag eignen könnten glaube ich eher weniger…:)

  6. @mathias: Wenn ich dich richtig interpretiere gäbe es nur eine Möglichkeit Bewegung in die Angelegenheit zu bringen. Es müssten sich einige Interessierte (politisch unverdächtige) zu einer Initiativgruppe zusammenschliessen, ein Nutzungskonzept auf die Beine zu stellen und dann der zuständigen Stelle des Senats zu unterbreiten.
    Dringend erforderlich wäre allerdings, das Haus vor einem weiteren Zerfall zu schützen. Bereits seit Wochen stelle ich (anlässlich des Hundespazierganges) fest, dass im Firstbereich des Flügels Ziegel fehlen, durch die das Wasser ungehindert eindringen kann. Dass die Ablaufrinnen das Dachwasser teilweise direkt an die Mauer leiten, kann da kaum noch erstaunen. Die Schäden am Sockel auf der Seeseite der Villa sind jedenfalls unübersehbar.
    Irgendwas habe ich offenbar nicht geschnallt. Bis anhin war ich der Meinung, dass ein Gebäude das unter Denkmalschutz steht, ein Denkmal darstellt das geschützt werden soll. Na ja man lernt nie aus.
    Irgendwem sollte man wohl auf die Füsse treten, nur wem? Vielleicht hast du die entsprechenden Kontakte?

  7. @Rene: Jeder halbwegs seriöse und solvente Interessent für die Goebbelsvilla würde von der Berliner Finanzverwaltung wohl mit Kusshand empfangen.

    Was den Schutz angeht heißt es im BbgDSchG :

    § 8
    Maßnahmen der Denkmalschutzbehörden

    (1) Die Denkmalschutzbehörde hat nach pflichtgemäßem Ermessen diejenigen Maßnahmen zu ergreifen, die zum Schutz der Denkmale erforderlich sind.

    (2) Kommen Verfügungsberechtigte oder Veranlasser ihren Pflichten nach § 7 nicht nach und tritt hierdurch eine Gefährdung des Denkmals ein, können sie im Rahmen des Zumutbaren von der Denkmalschutzbehörde verpflichtet werden, die zum Schutz des Denkmals erforderlichen Maßnahmen durchzuführen.

    (3) Erfordert der Zustand eines Denkmals Maßnahmen zu seinem Schutz, ohne deren unverzügliche Durchführung es gefährdet würde, kann die Denkmalschutzbehörde diese Maßnahmen im Rahmen des Zumutbaren auf Kosten der Verfügungsberechtigten oder Veranlasser selbst durchführen oder durchführen lassen.

    Für Das Objekt zuständig ist die untere Denkmalschutzbehörde des Landkreises Barnim. Diese besteht aus der Amtsleiterin Frau Opfermann und einer eigentlichen fachlichen Sachbearbeiterstelle die aber längere Zeit unbesetzt war…

    Wo kein Kläger da kein Richter!!!

    Wissenschaftlich für das Objekt zuständig ist Frau Rohowski, Dezernentin für Inventarisation beim Landesamt für Dankmalpflege in Wünsdorf. Diese bat uns schon vor eineinhalb Jahren uns für dieses Objektes einzusetzen bzw die Gefahrenlage bekannter zu machen. Wenn Du Ideen hast, die dem Erhalt der Villa dienlich sind kannst du ganz sicher mit Ihrer Unterstützung rechnen.

  8. Ich hatte über das Osterwochende die Gelegenheit das Areal am Bogensee zu besichtigen.(Ich komme aus NRW und war zu Besuch in Berlin) Es ist ein „imposantes“ Areal! Leider fehlt jeglicher Hinweis auf historische Ereignisse oder Personen. Ich finde es sehr bedauerlich, wenn wir mit unserer Geschichte so umgehen. Denn ur wer die Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten.

    Außerdem ist es eine Schande, dass die Gebäude verfallen! Hier wurde und wird m. E. auch eine Chance für die Region vertan!

  9. Hallo

    Danke für eure netten Beiträge in dieser Angelegenheit

    Ich persönlich bin in Bogensee aufgewachsen und freue mich immer darüber wenn Menschen an diesen Ort erinnern

  10. Lieber Herr Berger, vielen Dank für Ihren Beitrag zu der Geschichte der Region Wandlitz. Ich hätte Sie gerne schon etwas privater angeschrieben aber ich konnte Ihre E-Mail-Adresse nicht ausfindig machen, also muss ich diesen Umweg wählen. Ich finde Ihre Anischen besonders interessant weil es sich dabei um die Meinung und Betrachtungsweise eines Schweizers handelt der weder von der Ost- noch von der Westseite kommend, sein unvoreingenommenes Auge auf die Geschichte der ehemaligen DDR wirft. Ich selbst suche immer wieder eben solche Autoren um diese Meinungen zu sammeln und um sie regelmäßig in einer, nicht regionalen Internetseite zu veröffentlichen.

    Sollten Sie interesse an einem Austausch haben bitte senden Sie mir eine kurze Mail weiss.autorengemeinschaft@web.de. Bitte entschuldigen Sie nochmals den Missbrauch Ihres Blogs für meine privaten Interessen.

    Mit freundlichen Grüßen Ihr Konrad