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Der Hase und der Igel

Nein, richtig rechnen konnte der Igel eigentlich nicht. Er hatte aber dennoch eine gute Nase, so ein süßes Igelnäschen, fürs Geschäft. Seine Preise waren nicht knapp, sondern eher etwas  großzügiger kalkuliert, so dass die Gewinne immer stimmten. Seriöse Geschäftsleute, die auf die Ausgewogenheit von Preis und Leistung geeicht waren, die auf Nachhaltigkeit der Geschäfte und Geschäftsbeziehungen achteten, rümpften über den Zuzügler die Nase, mussten aber bald feststellen, dass der Schwede dank seiner vielen Töchter, die er in die Welt gesetzt oder schlicht zugekauft hatte, marktbeherrschend geworden war. Ihm gehörte alles, was mit Luft, Wasser, Boden und Feuer zu tun hatte, so dass er jedem seine Konditionen diktieren konnte. Da war guter Rat teuer, da wurde die Atemluft knapp.

Der geldschwere Igel war kein genialer Unternehmer, er beherrschte nur ein paar leicht durchschaubare schmutzige Tricks, mit denen er seine arglosen Kunden immer wieder übertölpelte. Man weiß nicht, ob er seiner Dreistigkeit oder der grenzenlosen Naivität seiner Geschäftspartner den großen Erfolg verdankte. Der Igel war nicht knauserig, ganz im Gegenteil. Um ein stockendes Genehmigungsverfahren wieder in Schwung zu bringen, füllte er seinem Gegenüber schon mal mit großer Geste die Taschen, klopfte er ihm leutselig auf die Schulter und schrie ihm ins Ohr:“Komm, schlag ein, es wird dein Schaden nicht sein!“  

Bei dieser Art Landschaftspflege und der großzügigen Kalkulation der Preise liefen die Geschäfte des Igels also bestens. Er war ein echte Renner. Überall, wo man hinkam, hörte man sein triumphierendes „Ich bin all hier!“ Überall hatte er schon seine braunkohlerußigen Duftmarken gesetzt und seine Masten errichtet, die sein Firmenlogo, den sternbesetzten Himmel über den blauen Wellen, trugen.

Das unverschämte  Auftreten, die elende Geldschneiderei, die Dreistigkeit und der Flurschaden, den der Igel und die Seinen anrichteten, das alles rief den Hasen auf den Plan, der ein klarer Denker war, der den Schaden, der da angerichtet wurde, präzis beschreiben konnte. Er warnte vor den bösen Folgen, wenn man dem Treiben des Igels nicht sofort Einhalt geböte.

Das war aber leichter gesagt als getan. Den Leuten imponierte der starke Auftritt des Igels. Sie spürten seine Macht und identifizierten sich mit ihr. Da fühlten sie sich gleich ein bißchen mächtiger, fast schon als echte Teilhaber. Manche fielen auch auf die dreisten Lügen herein, die der Igel in die Welt setzte. So behauptete er z.B. frech, er wäre der erste Klimaschützer, der den Klimawandel mit seiner neuen Technologie aufhalten werde, er hätte die saubersten Produkte.

Der Hase suchte also Leute, die ihn unterstützen könnten. Weil er seiner Sache sicher war, ging er zu den Wissenschaftlern. „Freunde der Wahrheit“, sprach er sie an, „ihr seht doch auch, was der Igel anrichtet, ihr wisst doch um die bösen Folgen, immer mehr neue Tagebaue, immer mehr Freileitungen, das grenzenlose Wachstum seiner Profitgier in einer Welt, die doch begrenzt ist, das geht auf Dauer nicht gut. Was sagt ihr dazu? Ihr seid doch klug! Sprecht ein offenes Wort, damit die anderen erkennen, in welcher Gefahr sie sind und sich retten können!“

Da legte der eine Wissenschaftler seine Stirn in sorgenreiche Falten, knabberte verlegen an seinem Bleistift mit dem dreifarbigen Firmenlogo herum und seufzte: „Genau wie du sagst, auf die Dauer – vielleicht – aber“,  nun straffte sich seine Gestalt und mit kräftiger Stimme fuhr er lautstark fort, „noch ist es nicht so weit, noch gibt es Spielräume, die Dinge sind nicht so ernst, wie du Hasenfuß sie siehst. Nach meinen Berechnungen und denen des Instituts, dem ich vorstehe, sind wir  – noch -, das gebe ich zu, auf der sicheren Seite. Was übermorgen sein wird, können wir, wenn wir den Boden unserer seriösen Wissenschaft nicht verlassen wollen, nicht sagen, das weiß kein Mensch.“

„Und“, unterstütze ihn sein Kollege, dessen treuherzige Augen unter der mit dem Firmenlogo geschmückten Schirmmütze hervorlugten, „du solltest nicht vergessen, dass wir seit Jahren erfolgreich an der Minimierung der Probleme arbeiten. Im Auftrag des Igels. Wenn weniger gemeckert und mehr unterstützt würde, also auch finanziell von Staats wegen, wären wir einen noch größeren Schritt weiter. Mach dir keine Sorgen, wir haben schon ein Auge auf den Igel und seine Geschäfte. Hier ist übrigens das Gutachten, auf das sich seine letzte Unbedenklichkeitsbescheinigung stützt. Das ist alles genau geprüft, das ist alles in Ordnung!“ Und gemeinsam riefen sie dem Hasen zu:“Komm, schlag ein, es wird dein Schaden nicht sein!“

Da schlug der Hase einen Haken und suchte das Weite.

Er kam zu einem Künstler. „Du bist doch ein Mann mit Phantasie und großer Vorstellungskraft. Bitte stell dir vor, was geschehen wird, wenn der Igel so weiterwirtschaftet! Ist das nicht schrecklich? Du hast doch Phantasie, du kannst dir doch eine Welt vorstellen, in der es keine Tagebaue und keine Freileitungen gibt! Das musst du den Leuten zeigen, du musst sie aufrütteln, du musst ihnen, die keine Phantasie mehr haben, die Augen öffnen. Sie wissen gar nicht, was sie bereits verloren haben und was sie noch verlieren werden. Sie sind blind. Da kann nur noch die Kunst helfen!“

„Ich hasse den Imperativ – und du sprichst nur in Imperativen mit mir“, sagte der Künstler, der in seinem Schaukelstuhl saß, indigniert. Mit einem leichten Tippen seiner Zehenspitze versetzte er den Stuhl in sachte Schwingungen. „Ich bin mehr für Kontemplation, für Ruhe und für Zwischentöne. Ich bin nicht der, für den du mich hältst. Ich bin kein Agitator. Schau dir meine Bilder an, die  Farben und  Formen, dann wirst du mich verstehen. Hier ist der Katalog meiner letzten Ausstellung – ja, die Sponsorenliste ist lang, auch die Igelfirma hat sich an den Druckkosten beteiligt – nun ja, ich schlug ein, es sollte mein Schaden nicht sein. Geh mit deiner Botschaft zu einem Werbefuzzy, die Kunst kann dir nicht helfen!“

Da lief der Hase nach Potsdam, direkt zum Fachminister. Man wollte ihn nicht vorlassen. „Da könnte ja jeder kommen“, hieß es empört, aber der Hase schlug zwei elegante Haken und schon war er im Vorzimmer des Ministers.

Weil er etwas abgehetzt und ganz außer Atem war, bot ihm die Vorzimmerdame einen bequemen Stuhl und eine Tasse Kaffe an. Sie sah auf einen Blick, dass der Besuch des Hasen nicht im Termínkalender stand, das war sonnenklar, denn heute war ja Igeltag. Als sie noch überlegte, wie sie das dem etwas verwegen aussehenden Gast beibringen könnte, hörte man plötzlich aus der Amtsstube des Ministers einige Sektkorken knallen, das Anstoßen von Gläsern und den Ruf des Igels:“Ich sponser euer Sommerfest! Schlagt ein, es soll euer Schaden nicht sein!“

Da suchte der Hase das Weite…

Wie die Geschichte wirklich ausgeht, ob der Hase noch richtige Freunde findet, mit denen er den Machenschaften des Igels einen Riegel vorschieben kann, liegt an uns, denn jetzt verlassen wir die Märchenwelt und wenden uns wieder den Problemen der Realität  zu:

Nicht über unsere Köpfe! Erdkabel statt Freileitung!

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Veröffentlicht von

Hartmut Lindner lebt als (Un)Ruheständler in Berlin und Senftenhütte. Bis 2006 arbeitete er als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politische Weltkunde in Berlin. 1993 kam er als Wochenendler nach Senftenhütte, einem idyllischen Ort auf dem Endmoränenbogen. Er engagiert sich in der Bürgerinitiative Biosphäre unter Strom - keine Freileitung durchs Reservat und lokalen Initiativen, vor allem dem Keramikhütte e.V. in Senftenhütte und ist seit Jahren begeisterter Leser der Barnimer Bürgerpost.

1 Kommentar » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. …und die Moral von der Geschicht?
    Geld regiert eben doch die Welt, so plump es auch klingen mag.
    Als Gegengewicht hilft nur die Einigkeit und Solidarität selbstbewusster und mutiger Bürgerinnen und Bürger, die sich vom Geldadel nichts gefallen lassen.