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„Einmal Kudamm und zurück“ – Was Zepernick damit zu tun hat

Am 31.12.1974 verschlief ich das erste Silvesterfest im neuen Haus meiner Eltern. Nichtahnend, dass einen Steinwurf weit entfernt, nachträglich betrachtet, eine Begegnung stattfand die das Leben eines Liebespaares auf dramatische Weise verändern sollte.
Der Film „Einmal Kudamm und zurück“ kam 1985 in die Kinos und brachte Hauptdarstellerin Ursela Monn den „Ernst Lubitsch Preis“ und das „Filmband in Gold“.
Die Story: Schweizer Botschaftskoch (Thomas) verliebt sich in DDR-Bürgerin (Ulla) und verhilft der Geliebten zu mehreren Ausflügen auf DIE Konsummeile West-Berlins. Nach einem Verkehrsunfall fliegt das Ganze auf und Ulla wird in der Osten zurückgebracht. Mit einem letzten Blick am Grenzübergang Bornholmer Straße endet die Romanze.

Zumindest der erste Teil entspricht der Geschichte von Peter und Christa Gross  (geborene Feurig). Der junge Schweizer lernt die Pharmazie-Ingenieurin aus dem Klinikum Buch im „berühmt-berüchtigten“ Cafe-Nord kennen und lieben. Der Kontakt wird enger und Peter besucht seine Freundin so oft wie möglich.

Im Juli 1974 reißt der Keilriemen seines Austin-Mini, er „strandet“ in der Bernauer Autowerkstatt „Roter Oktober und zahlt die Reparatur mit „Naturalien“. Was dann geschah beschrieb Martin-Jehle in der August-Ausgabe des „Panke-Spiegels“ (2008).

„Werkstattmeister Peter Zemke aus Zepernick freut sich über die nicht alltäglichen West-Produkte. Die beiden freunden sich an. Es folgen Besuche bei Zemke zu Hause, und den Jahreswechsel 1974/1975 feiern Peter und Christa mit Peter Zemke und dessen Freund Dieter Brosowski (in der Züricher Straße/Gemeinde Zepernick, heute Panketal/Anmerkung des Autoren) sowie deren Ehefrauen . Zu diesem Zeitpunkt sind Gross und seine Freundin schon im Visier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Wie sich später herausstellen sollte, durch Denunziation seiner neuen „Freunde“ (…) In seinem Freundes- und Bekanntenkreis in der DDR wird Peter Gross häufig auf das Thema „Flucht“ angesprochen, hat sein Wagen doch ein rot-weißes Kennzeichen, was ihn von lästigen Grenzkontrollen befreit. Unter diplomatischem Schutz steht er als einfacher Angestellter der Botschaft jedoch nicht. Auch mit Christa nehmen die Gespräche über den Westen und eine mögliche Flucht zu. Im Herbst desselben Jahres unternehmen die beiden dann einen gewagten Ausflug.“

Die Berliner Zeitung erinnerte im August 1999 an das weitere Geschehen.:

Öffnen Sie bitte den Kofferraum!“ Peter Gross wusste, dass es aus war. Er stand (…)am Berliner Sektorenübergang Bornholmer Straße. Im Kofferraum lag seine Verlobte Christa Feurich(…) Es war der 1. Februar 1975“
Im Vorfeld hatten die Beiden den bereits erwähnten und verfilmten Ausflug zum Ku`damm unternommen:
“Der Staatssicherheitsdienst der DDR bekam Wind von diesen Aktionen. Am 28. November 1974 legte die Diensteinheit II/9 einen „Operativ-Vorgang Schleuse“ an. Zur Begründung hieß es: „Einige Mitarbeiter der schweizerischen Botschaft in der DDR stehen im Verdacht, an der Ausschleusung von DDR-Bürgern beteiligt zu sein oder diese selbst durchzuführen.“ Als die beiden Informellen Stasi-Mitarbeiter Dieter und Peter ihrer Behörde Näheres über Gross berichteten, legte diese als „Maßnahme“ fest: „Die Zielstellung der Bearbeitung des Gross bleibt ein Nachweis seiner Schleusertätigkeit auf frischer Tat.“ Peter Gross merkte nichts davon, dass der Staatssicherheitsdienst der DDR ein Auge auf ihn geworfen hatte.(..)Aber die Falle war gestellt, als Christa Feurich am 1. Februar 1975 wieder in den Kofferraum stieg, um mit Peter Gross nach West-Berlin zu fahren. Diesmal sollte es für immer sein.“

Es folgten mehr als 3 Jahre im berüchtigten Stasi-Knast „Bautzen II“. Am 16. Mai 1978 wurde Groß und Feurig gegen 2 in der Schweiz inhaftierte DDR-Agenten ausgetauscht.
6 Monate später haben sie geheiratet.

Die Zepernicker „Stasi-Helfer“ wurden übrigens nicht belangt.
Vor Gericht hieß es (ich zitiere wiederum die „Berliner Zeitung“):

„Schließlich hätten sie sich im Rahmen der Gesetze der DDR bewegt, und die seien zur Tatzeit maßgeblich gewesen. Daran ändere auch nichts, dass die Höhe des Strafmaßes wohl ein „schwerer, offensichtlicher Verstoß gegen die Menschenrechte“ gewesen sei. Die Verräter hätten ja auf das Strafmaß keinen Einfluss gehabt und hätten mit einem solchen exzessiven Vorgehen der DDR-Justizorgane nicht rechnen müssen.“


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