web analytics

Baumschau in Alleen: Ein Würfelspiel?

Leisten die Mitarbeiter der Unteren Naturschutzbehörde Barnim bei Alleebaumschauen eine vernünftige Arbeit? Seit längerem hegen Vertreter der Naturschutzverbände diesbezüglich Zweifel.
Nun wurden die bislang fehlenden Beweise dafür geliefert. In der alten Lindenallee Britz-Golzow. Sie belasten die Behörden des Landkreises Barnim in ihrer Glaubwürdigkeit schwer.
Nach welchen Kriterien Bäume zur Fällung ausgewiesen werden oder nicht, gleicht demnach einem Würfelspiel.

Baumschauen in Alleen sind notwendig. Brüchige oder nicht mehr standfeste Bäume müssen gefällt werden. Sie gefährden die Verkehrssicherheit. Wenn eine solche Gefahr erkannt wird, muss konsequent und schnell gehandelt werden. Andererseits sind Alleen durch das Brandenburgisches Naturschutzgesetz § 31 geschützt. Sie dürfen „nicht beseitigt, zerstört, beschädigt oder sonst beeinträchtigt“ werden.

Der amtliche Baumgutachter übt eine verantwortungsvolle Tätigkeit aus und sollte deshalb einen guten fachlichen Hintergrund haben. Einerseits müssen Gefährdungen durch Bäume minimiert, andererseits muss mit Fingerspitzengefühl gehandelt werden, damit uns die alten märkischen Alleen als Kulturerbe noch lange erhalten bleiben. Sicherlich keine einfache Aufgabe, die Arbeitskraft, Zeit und damit Geld kosten. Wie eben jede ordentlich ausgeführte Arbeit nicht für „einen Appel und ein Ei“ zu haben sein sollte.

Die erneute Auseinandersetzung zwischen den Naturschutzverbänden und dem Landkreis Barnim entzündete sich letzte Woche vor dem Hintergrund der geplanten Fällung von 30 Linden in der Allee Britz-Golzow.
Auch Eberswalde.tv berichtete zweimal darüber, am 21.10.08 und am 27.10.08.

In der Märkischen Oderzeitung begründete Bauordnungsamtsleiter Jürgen Jankowiak die vorgesehenen Fällungen damit, dass die Bäume mit einem Holzpilz, dem Gemeinen Spaltblättling, befallen sind, der die Standsicherheit gefährdet.
Daraufhin haben der Dendroentomologe und Fachmann für holzzersetzende Pilze, Georg Möller, und meine Wenigkeit, die Allee Britz-Chorin am letzten Freitag unter die Lupe genommen.

Wir kamen zu folgenden Resultaten:

Bei einer geräteunabhängigen, rein visuellen Baumschau kann in der Lindenallee Britz-Golzow lediglich bei 3 der zur Fällung markierten Bäume eine gravierende Beeinträchtigung der Standsicherheit angenommen werden. Die nach Visual Tree Assessment (VTA) erkennbaren Verdachtsmomente auf eine gefährliche statische Beeinträchtigung besteht bei der Mehrzahl der Bäume im Vorhandensein größerer Astlöcher und in Form von Anfahrschäden mit ganz überwiegend noch stabilem, festem Holz. Nur ein sehr geringer Teil der zur Fällung vorgesehenen Bäume zeigt eine offenkundige Großhöhlenbildung. Der Außenaspekt dieser Strukturen, besonders der kleinen Höhlenöffnungen, der Aststümpfe, der Astlöcher und der vollholzigen Anfahrschäden jüngeren Datums, ist jedoch für eine Beurteilung des tatsächlichen Ausmaßes des Holzabbaus bzw. der Restwandstärken und damit für die realistische Bewertung der statischen Relevanz ohne fachmännische Probennahme bzw. Analyse mit Zuwachsbohrer und Resistografen nicht oder nur sehr eingeschränkt geeignet.

Sehr auffallend ist das fast vollständige Fehlen frischer und eingetrockneter Fruchtkörper von Holzpilzen aller Art. Das Fehlen von Pilzfruchtkörpern, dazu noch in der herbstlichen Hauptfruktifikationszeit statisch wichtiger Arten, beweist einen vergleichsweise günstigen Vitalitätszustand der Bäume. Der amtlicherseits als Verursacher von Baumschäden angeführte Spaltblättling (Schizophyllum commune) konnte an keinem einzigen der stehenden Bäume gefunden werden! Wohl aber an liegend im Straßengraben deponiertem Astholz, das aus der üblichen Totastentnahme bzw. aus Maßnahmen der Kronenpflege stammte. Der Spaltblättling ist ein wärme- und trockenheitsliebender Saprophyt, der nur definitiv totes Holz besiedelt in der Anfangsphase der pilzvermittelten Abbausukzession. Zudem ist der Pilz definitiv kein aggressiver Holzzersetzer. Daher kann er an den lebenden Linden nicht Ursache statischer Probleme sein.
In statischer Hinsicht erheblich bedeutsamere Arten wie z.B. der Goldfellschüppling (Pholiota aurivella), der Schuppige Porling (Polyporus squamosus</strong), der Brandkrustenpilz (Hypoxylon deustum) und Lackporlinge der Gattung Ganoderma waren am Freitag dem 24.10.2008 nicht aufzufinden, nicht einmal in Form eingetrockneter Fruchtkörper.

Nur ein geringer Teil der Bäume zeigt auffälligere Totastanteile in den Kronen. Selbst schon stärker zurückgeschnittene Bäume (es sind nur wenige) zeigen im Kronenraum neue Triebe bzw. neue Knospen. Auch aufgrund dieses Beleges für einen guten Vitalitätszustand ist ein sorgfältiger, der guten fachlichen Praxis entsprechender, auf Baumerhalt und zügigen Lückenschluss ausgerichtete Pflegeplanung für die Lindenallee Britz-Golzow zu erstellen und umzusetzen. Unter anderem durch sorgfältige, sachgerecht durchgeführte Kronenpflegearbeiten kann die Mehrzahl der Linden noch lange erhalten werden.

Bei der Begehung fielen jedoch mindestens zwei Bäume auf, die durch tiefe Ausfaulungen im Stammfuß einer nennenswerten bis erheblichen statischen Schwächung unterliegen (s. Foto links). Diese Bäume wurden von den amtlichen Gutachtern der Unteren Naturschutzbehörde Barnim jedoch weder zur Fällung, noch zur Beobachtung (roter Punkt) markiert. Das Übersehen wirklich verkehrsgefährdender Bäume in Verbindung mit den anderen Kritikpunkten belegt die Willkürlichkeit und die tiefgreifenden fachlichen Defizite der amtlichen Baumschau.

Die Allee Britz-Golzow stellt eine noch relativ geschlossene alte Lindenallee und damit ein besonders erhaltungswürdiges Kulturerbe dar. Der Wert dieser Allee wird dadurch bekräftigt, dass hier die Mehrzahl der Linden eine auffallend untersetzte, relativ niedrige Wuchsform mit einem aus statischer Sicht sehr günstigen H/D-Verhältnis (relativ niedrige Gesamthöhe mit auffallend geringem Kronenhebel) zeigt. Es handelt sich offensichtlich um eine spezielle Art/Sorte, die sich als Alleebaum besonders gut eignet. Die Art-, Sorten- und Provenienzfragen sollten durch Fachgutachten (z.B. dem Institut für Forstgenetik und Forstpflanzenzüchtung Waldsieversdorf) geklärt werden. Für Nachpflanzungen vor Ort (und darüber hinaus) sollte die dort vorhandene Lindenspezies in Kultur genommen bzw. vermehrt werden.

In der Allee Britz-Golzow ist bis auf maximal 5 Bäume (3 zur Fällung ausgezeichnete und 2 noch nicht markierte) zur Zeit keine Gefahr in Verzug. Daher kann die vorgesehene Fällung von 30 Bäumen gefahrlos ausgesetzt und mit der Beauftragung seriöser Fachgutachten begonnen werden (Baumkataster, einzelbaumorientierte sorgfältig und nachvollziehbare Planung von Pflege, usw.). In Anbetracht des überdurchschnittlich guten Zustandes der Allee besteht ein Präzedenzfall bzw. eine Erhaltungspflicht, der unter anderem von der Verwaltung des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin aus ordnungspolitischen Gründen, aus Gründen der Kulturdenkmalpflege und aus Gründen des Landschaftsschutzes sorgfältig nachgekommen werden muss. Zukünftig sollte mit Fingerspitzengefühl an die Pflege und die Entwicklung solcher Alleen herangegangen werden.
Eine Reihe der zur Fällung vorgesehenen Bäume weisen Dauerniststätten besonders und streng geschützter Arten auf (Fledermäuse, Vögel, Käfer, Bienen und Wespen, unter anderem). Im Falle von Fällmaßnahmen sind diese Bäume möglichst am Stück unzersägt an geeignete Lagerplätze zu verbringen, wo sie aufrecht gelagert bis zum vollständigen Zerfall ungestört verbleiben können. Näheres sollten detaillierte Fachgutachten regeln.

Wir fordern:
– Auf Basis dieses neuen Sachverhaltes dürfen keine Fällungen in der Allee Britz-Golzow erfolgen, bis nicht ein zeitnaher Ortstermin anberaumt wird, bei dem über die weitere Verfahrensweise diskutiert und entschieden wird.
– Im Rahmen eines solchen Ortstermins schlagen wir die Zusammenkunft relevanter Vertreterinnen und Vertreter des Landkreises Barnim, des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin, der regional tätigen Naturschutzverbände sowie anderer interessierter Fachexperten vor, die ihr fachliches Input einbringen möchten. Wir, die Verfasser dieses Artikels, stellen uns für einen Vororttermin zur Verfügung.
– Über die weitere Vorgehensweise der Baumschauen in den Alleen im Landkreis Barnim – und darüber hinaus – muss nach diesen neuen, erschreckenden Erkenntnissen neu diskutiert und verhandelt werden.

Die Verfasser:
Dipl.-Biol. Georg Möller
Dr. Andreas Steiner (GRÜNE LIGA Brandenburg)

Heute erreichte mich die E-Mail von Herrn Christian Ziegener, Mitarbeiters der Unteren Naturschutzbehörde Barnim, der mich darüber informierte, dass beabsichtigt wird, demnächst eine gemeinsame Beratung zur Allee Britz-Golzow durchzuführen. Und dass damit gewartet wird, bis alle maßgeblichen Beteiligten aus dem Urlaub zurückgekehrt sind. Des weiteren gab er bekannt, dass wir über den genauen Termin rechtzeitig informiert werden und Entscheidungen zur Allee bis dahin nicht getroffen werden.

Baumschau in Alleen: Ein Würfelspiel? auf Facebook teilen
Baumschau in Alleen: Ein Würfelspiel? auf Twitter teilen
Baumschau in Alleen: Ein Würfelspiel? auf Google Plus teilen

Ähnliche Artikel:

Veröffentlicht von

Dr. Andreas Steiner, Diplom-Geograph und Waldökologe, lebt seit 1999 im Barnim. Als Fachgutachter ist er bei einem Projektträger des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in Berlin beschäftigt, der innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekte von klein- und mittelständischen Unternehmen im Bereich Technologie betreut. Seit mehr als 10 Jahren engagiert sich der Querdenker und -tuer ehrenamtlich in der Umwelt- und Sozialpolitik. Im Rahmen der Brandenburger Kommunalwahlen 2008 wurde er als Parteiloser für Bündnis 90/Die Grünen in die Eberswalder Stadtverordnetenversammlung gewählt. Ende 2011 musste er aufgrund eines Wohnsitzwechsels dieses Mandat niederlegen. Derzeit gehört er der Gemeindevertretung Schorfheide an und ist Vorsitzender der Fraktion Freie Wähler/Bürgergemeinschaft Kommunalabgaben (BKB). Steiner hat Mitgliedschaften der GRÜNEn LIGA Brandenburg und der NaturFreunde Oberbarnim-Oderland. Seine Hobbys sind Wandern, Radfahren, Schwimmen, Saunieren, Kochen – und natürlich der ehrenamtliche Journalismus, insbesondere wenn es um die Behandlung kritischer und brisanter Themen geht. Folgenden Leitspruch eines großen deutschen Gewerkschafters hat er sich zum Lebensmotto gemacht: „Nicht Ruhe, nicht Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit“ (Otto Brenner, 1968).

4 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Pingback: Baumschau in Alleen: Ein Würfelspiel? | SL Blogs

  2. Es wäre recht bedenklich, wenn die falschen Bäume gefällt würden. Aber da an allen Ecken und Enden gespart wird, kann dass schon sein……

  3. Pingback: Salamitaktik der Alleenzerstörung im Landkreis Barnim

  4. Die MOZ berichtet heute darüber:
    Vorgestern hatten wir eine Begehung in der Allee mit Vertretern der UNB Barnim, der Biosphäre, der Landesbetriebes Straßenwesen und der Naturschutzverbände. Baumgutachter Nicolas A. Klöhn war erfreulicherweise auch mit von der Partie.

    In diesem Rahmen musste ich mich eines Besseren belehren lassen, dass die Bäume tatsächlich vom Gemeinen Spaltblättling befallen sind. Georg Möller und ich hatten natürlich keinen Hubsteiger und konnten demzufolge nicht die Kronen nach Fruchtkörpern des relativ kleinen Pilzes untersuchen.

    Der Gemeine Spaltblättling ist ein Schwächeparasit, der eine schlechte Vitalität von Bäumen anzeigt. Nicht der Spaltblättling ist der Verursacher, sondern es geht in erster Linie um die eingeschränkte Vitalität der Linden in dieser Allee.

    Nun werden wir am nächsten Dienstag ein weiteres Zusammentreffen haben. Hier entscheidet sich, an wie vielen der 30 zur Fällung gekennzeichneten Bäume ein radikaler Kronenschnitt vorgenommen werden könnte. Dieser soll dazu anregen, dass die Bäume erneut aus der Krone austreiben und sich ggf. erholen. Sicherlich ein Experiment. Es wird demnach zur Verhandlungssache, wie vielen der Bäume wir diese Chance einräumen wollen. Biosphäre und Naturschutzverbände wollen mehr erhalten, UNB und Landesbetrieb Straßenwesen glauben nicht daran, dass dies zum gewünschten Erfolg führt. Ist natürlich nicht nur eine Sache des guten Willens, sondern auch eine Kostenfrage.