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Nazismus und Sprache (Teil 2)

Anmerkung: Teil 1 erschien im August 2008 auf Vallisblog und wurde als Laudatio bei der diesjährigen Verleihung des „Preises des beleidigten Fernsehzuschauers“ in Erfurt verlesen.

Sprache beeinflusst uns stärker, als wir manchmal annehmen. Sprache kann uns positiv stimmen, sie kann uns ärgern, sie kann hetzen und sie kann vergiften. Die Sprache der Nazis beeinflusst uns heute immer noch, wie nicht nur die diesjährigen Nominierungen für den Preis des beleidigten Fernsehzuschauers so eindringlich zeigten. Vieles aus dieser Zeit geistert noch immer durch die Gehirne, darunter auch eher harmloses, das trotzdem einmal die Ideologie der Nazis weiter tragen sollte. Wer weiß zum Beispiel, dass man als Falschparker oder Raser bis 1935 vom Polizeipräsidium seiner Heimatstadt Post bekam. Ab 1935 wurde in Verwirklichung des straffen Führerprinzips der NSDAP in Deutschland generell der „Polizeipräsident“ (wie heute noch üblich) als Absender angegeben. Harmlos? Wohl eher nicht, aber leider immer noch im Sprachgebrauch.

Über viele Dinge ähnlicher Art machen wir uns heute leider überhaupt keine Gedanken mehr. So lädt die heutige Lokalpresse für den morgigen Sonntag zu einer Eintopf-Matinee, zu einem Sonntagsessen für einen guten Zweck, in das Landhaus Ladeburg ein. Gastgeber sind neben der örtlichen Chefin der Linken auch die stellvertretende Ortbürgermeisterin von Ladeburg, der Vorstandsvorsitzende des Niederbarnimer Tierschutzvereins und der Vorsitzende des SV Blau-Weiß Ladeburg. Alle vier sicher honorable Persönlichkeiten, denen man eigentlich Geschichtskenntnisse und Sensibilität im Umgang mit geschichtlichen Fakten zutrauen sollte. „Eintopfmatinee“, Sonntagessen für einen guten Zweck – wieder ein auf den ersten Blick eher harmloses Wort. Leider aber im historischen Zusammenhang völlig unmöglich, wie ein Blick in die Geschichte zeigt:

Der Eintopfsonntag wurde in Deutschland am 1. Oktober 1933 durch das NS-Regime ins Leben gerufen. An jedem folgenden ersten Sonntag im Monat in der Zeit von Oktober bis März sollte in deutschen Haushalten nur Eintopf gegessen werden. Die Kosten, die diese Mahlzeit verursachte, durften pro Person 50 Pfennig nicht überschreiten. Das für das sonst übliche Sonntagsessen ausgegebene und damit gesparte Geld musste dem kurz zuvor gegründeten Winterhilfswerk und somit Bedürftigen gespendet werden. Die Spende wurde von Mitarbeitern der NS-Volkswohlfahrt entgegengenommen. Man sprach vom deutschen Sozialismus der Tat.

„Der Eintopfsonntag soll nicht nur materiell (durch die Spende), sondern auch ideell dem Gedanken der Volksgemeinschaft dienen. Es genügt nicht, dass jemand zwar eine Eintopfspende gibt, aber seine gewohnte Sonntagsmahlzeit verzehrt. Das ganze deutsche Volk soll bei diesem Eintopfsonntag bewusst opfern (…) um bedürftigen Volksgenossen zu helfen.“ (aus Meyers Lexikon 1937, S. 528, zitiert nach Wikipedia)

Selbst Diplomhistoriker und Bundestagsabgeordnete aus dem Barnim, deren Partei während des vergangenen Kommunalwahlkampfes nicht müde wurde, andere Bewerber um die Gunst des Wählers Mächtig als Rechtsradikale anzuprangern, tappen also in die Falle der Nazi-Sprache. Obwohl sie es eigentlich wissen müssten. Die “Eintopfmatinee“ – wie passend auch noch im Oktober kreiert – in einem Barnim mit der DVU in den Parlamenten? Wenn man wenigstens noch Pizza anbieten würde… So sehr ich dem Tierheim Ladeburg die eingenommenen Eintrittsgelder als Spende gönne: Enkelmann und Co. müssen sich eindringlich fragen lassen, ob man eigentlich noch instinktloser sein kann.

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Veröffentlicht von

Dr. Valentin ist ursprünglich Schönower, lebte aber 31 Jahre in Berlin, bevor er 1996 wieder in sein Heimatdorf zog und sich seitdem über die Kommunalpolitik wundert. Er ist promovierter Diplom-Ingenieur und betreibt eine kleine Firma mit dem Schwerpunkt Im- und Export von Medizintechnik für den operierenden Augen- und HNO-Arzt. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Sein allergrößtes Hobby ist zur Zeit sein privater Blog, über den er sich in fast jeder freien Minute Gedanken zur Themenauswahl macht. Im Urlaub und an den Wochenenden im Sommer findet man ihn meist mit dem Canadier auf den Brandenburger und Mecklenburger Gewässern. Wenn er in seiner restlichen Freizeit nicht mit seiner Frau und dem Hund lange Spaziergänge unternimmt, liest er sehr gern und hört fast alle Arten von Musik – von heavy metal bis Bach.

5 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Lieber Dr. Valentin,

    es gibt, da ja noch weitere Begriffe und Redewendungen, die auf wenig geschichtliche Reflektion schließen lassen. Wie zum Beispiel in Gesprächen über den Nationalsozialismus die vertrauliche Floskel “ bei Adolf damals…“ es scheint doch recht viele gegeben zu haben, die sehr vertraulich mit Herrn Hitler waren, eben bis zur Vergasung und bei Nacht und Nebelaktionen…
    Ich frage mich da nur, ist das wirklich nur unreflektiert??

    Mit Grausem im Nacken
    Godiva

  2. Sehr geehrter Herr Dr. Valentin,

    braune und dunkelrote Sozialisten! Was soll man da noch sagen? Die totalitären Ränder der Gesellschaft werden immer stärker. Pfui!

    Frank

  3. Heute großer lobhudelner Bericht in der „MOZ“, was auch sonst. Von Journalisten kann man sowieso kein Feingefühl erwarten – obwohl die „MOZ“ von mir über die Hintergründe des Eintopfsonntags aufgeklärt worden war. Aber vorsichtshalber legt man sich mit den Wahlgewinnern im Barnim lieber nicht an, oder was steckt hinter der Einäugigkeit der Medien ?

  4. Vielleicht ist dies nichts Anderes als eine Vorübung auf das was da kommen soll?

  5. @Godiva: Meinst Du „Kanonen statt Butter“ oder eine noch schlimmere Gleichschaltung der Medien ? Mir sind jedenfalls die Suppen der Frau E. so richtig im Halse stecken geblieben.