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Brandenburger Alleenkonzeption „Strategie 21“ ist Alleenvernichtungskonzept

In der gut ausgestatteten und sehr empfehlenswerten Hochschulbibliothek der FH Eberswalde bin ich heute auf einen Leserbrief gestoßen, den ich im Januar bei der Zeitschrift Neue Landschaft / Pro Baum (Ausgabe Juni 2008) eingereicht hatte.

Dieser nimmt kritischen Bezug auf den zweiteiligen Artikel „Erhalt der grünen Tunnel – Ein nachhaltiges Alleenkonzept für Brandenburg“ der Autoren Reinhold Dellmann, amtierender Verkehrsminister von Brandenburg, und Landschaftsplaner Jochen Brehm.

Im Artikel werben die beiden Verfasser lang und breit für die neue Brandenburger Alleenkonzeption Strategie 21.
Meinen Leserbrief möchte ich hier im Barnimblog der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Nein zum neuen Brandenburger Alleenvernichtungskonzept!

Massiv umwerben Verkehrsminister Dellmann und Planer Brehm die Öffentlichkeit mit ihrer neuen Alleenkonzeption. Unterdessen laufen Fachleute Sturm gegen dieses „Alleenvernichtungskonzept“, das unter dem Deckmäntelchen eines nachhaltigen modernen Alleenschutzes agiert. Denn im Zuge einer konsequenten Umsetzung der Strategie 21 wird der Schutzstatus nicht mehr vollständig geschlossener Brandenburger Alleen, unabhängig von ihrer Vitalität, aufgehoben. Ein Freifahrtschein für Fällungen. Um dies zu erreichen, werden regressive Eingriffe ins Brandenburger Naturschutzgesetz nötig sein, so die Entwertung des § 31 BbgNatSchG und des Alleenrunderlasses.

Die negativen Folgen für Landschaftsbild und Naturhaushalt sind offensichtlich. Allerdings wird das den Zielen der EU-Konvention zum Schutz und der Gestaltung der Landschaft und dem länderübergreifenden Schutzgebietssystem Natura 2000 (Alleen als Teile von Biotopverbundsystemen) zuwider laufen.

Die Strategie 21 wurde konzipiert, um auf rigorose Weise den Kostenaufwand für Einzelbaumbetrachtungen und Pflegemaßnahmen zu minimieren. Zugleich will man sich Nachpflanzungen innerhalb von Alleen ersparen. Um dafür den Boden zu bereiten, operieren die Verfasser mit Halb- und Unwahrheiten. So wird das Zerrbild von überalterten Alleenbeständen gezeichnet. Ins Reich der Märchen gehört auch die These, dass Lückenpflanzungen verkümmern. Denn gerade durch zeitnahe Nachpflanzungen können Lücken aufgefüllt und nach Jahren eine optisch harmonische Alleenstruktur geschaffen werden.
Wunschdenken ist die in der Alleenkonzeption angestrebte homogene Altersstruktur, welche man mit Begründung neuer Alleen durch gleichaltrige Jungbäume dauerhaft erreichen möchte. De facto wird es aber im „Leben einer Allee“ stets Baumausfälle geben, die zeitnah ersetzt werden müssten.
Will das Land Brandenburg effektiven Alleenschutz glaubwürdig betreiben, so muss es dafür konsequenterweise ein größeres Budget bereit stellen. Alles andere sind reine Täuschungsmanöver.

Alte Alleen, das Markenzeichen Brandenburgs, sind als kulturelles Erbe zu pflegen und vor Umweltbelastungen weitgehend zu schützen. Ich fordere die Landesregierung auf, die Strategie 21 grundlegend zu überarbeiten!

Dr. Andreas Steiner (Grüne Liga Brandenburg, Barnimer Baumschutzstammtisch)

Brandenburger Alleenkonzeption
Brandenburger Alleenkonzeption
Brandenburger Alleenkonzeption

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Dr. Andreas Steiner, Diplom-Geograph und Waldökologe, lebt seit 1999 im Barnim. Als Fachgutachter ist er bei einem Projektträger des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in Berlin beschäftigt, der innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekte von klein- und mittelständischen Unternehmen im Bereich Technologie betreut. Seit mehr als 10 Jahren engagiert sich der Querdenker und -tuer ehrenamtlich in der Umwelt- und Sozialpolitik. Im Rahmen der Brandenburger Kommunalwahlen 2008 wurde er als Parteiloser für Bündnis 90/Die Grünen in die Eberswalder Stadtverordnetenversammlung gewählt. Ende 2011 musste er aufgrund eines Wohnsitzwechsels dieses Mandat niederlegen. Derzeit gehört er der Gemeindevertretung Schorfheide an und ist Vorsitzender der Fraktion Freie Wähler/Bürgergemeinschaft Kommunalabgaben (BKB). Steiner hat Mitgliedschaften der GRÜNEn LIGA Brandenburg und der NaturFreunde Oberbarnim-Oderland. Seine Hobbys sind Wandern, Radfahren, Schwimmen, Saunieren, Kochen – und natürlich der ehrenamtliche Journalismus, insbesondere wenn es um die Behandlung kritischer und brisanter Themen geht. Folgenden Leitspruch eines großen deutschen Gewerkschafters hat er sich zum Lebensmotto gemacht: „Nicht Ruhe, nicht Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit“ (Otto Brenner, 1968).

17 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Vor diesem Hintergrund ist auch der Artikel „Das große Sägen“ von Robin Wood-Aktivistin Christiane Weitzel lesenswert:

    Darin die Passage: […] Baum ab in Brandenburg mit der Strategie 21
    In Deutschland können mit gefällten Alleebäumen keine Geschäfte gemacht werden, so die zuständigen Straßenbehörden. Die Bäume würden hier immer erst gefällt, wenn das entbehrungsreiche Leben an der Straße sie morsch und kaputt gemacht hätte. In Brandenburg soll aber in Zukunft schneller zur Säge gegriffen werden. Das Brandenburger Verkehrsministerium plant, den Alleebaumbestand in den nächsten Jahren um mehr als 100.000 Bäume zu verringern. Dafür soll ein neues Konzept mit dem klangvollen Namen „Strategie 21 – Die Zukunft der Alleen an Bundes- und Landesstraßen in Brandenburg“ so schnell wie möglich umgesetzt werden. Es dient nach Auskunft der Behörde dazu, den Alleenbestand an märkischen Straßen langfristig zu sichern. Nach Ansicht der Schutzgemeinschaft Brandenburger Alleen soll mit dem Konzept allerdings nur das Fällen vereinfacht und Geld für dringend nötige Nachpflanzungen von Alleen gespart werden. […]

  2. Wie kann man eine so wunderschöne Alleenlandschaft zerstören?
    Was geht bloß in den Köpfen der für so ein Massaker an der Natur Verantwortlichen vor? Scheinbar nicht viel, sonst würden sie es
    verhindern. Man kann die Wut gar nicht in Worte fassen.

  3. Ich weiß gar nicht was Ihr alle habt.

    Wozu Bäume, Wälder, Wiesen etc., wozu überhaupt Fauna und Flora?
    Freie Fahrt für freie Bürger, überall! War das nicht so?!

    Am einfachsten macht sich Allerorts eine Beton- oder Asphaltdecke, natürlich unkrautdicht. Ist nämlich viel pflegeleichter und verhindert Unfälle. Und Brandenburg soll doch sowieso sukzessiv entsiedelt werden.
    Wenn dann noch nötig bauen wir Dämme, ziehen Lawinensperren (oder wie auch immer das heißt). Genügend Menschen-Futter gibt es nicht nur aus der Dose oder dem Glas und außerdem bekommen wir im freien Handel Sauerstoffflaschen und Insektesprays. Muss ich letztere eigendlich für jedes Insekt extra kaufen oder kommen die alle aus einer Dose?

    Godiva den Betonmischer anheizend

  4. @Godiva: Au weia, Deine Beiträge sind ironisch und zutiefst politikerverachtend. ich stimme Dir in allen Punkten zu!

  5. „Meine Freunde, die Bäume“,
    mein Lieblingsland ist inzwischen nicht zuletzt wegen seines traumhaften Baumbestandes Brandenburg geworden. Die Natur ist wunderschön, und ich bin glücklich,dass ich dieses alles bewandern und befahren kann. Gerade die alten Baumalleen sind ein Teil von der herrlichen Landschaft und sind einzigartig.
    Deswegen- Hände weg von diesen Baumalleen, die Bäume sind nicht Schuld an der Raserei der Menschen…

  6. Bäume sind doch nur im Weg, und jedes Jahr das ganze Laub, wer soll das bloss immer wegräumen. Straßen werden davon glitschig. Autos müssen schneller fahren, denn Zeit ist Geld, damit wir die letzten Erdölreserven noch schneller verprassen können. Eine Allee ist zu schmal, da kann der Raser den Trecker nicht schwungvoll genug überholen. Die Sauerstofflunge eines solchen Baumes müsste durch 5000 kleine Bäume ersetzt werden, doch werden die gepflanzt? Aber wozu auch, Sauerstoff gibts auch aus Gasflaschen, hab ich gehört. Macht nur weiter so, jaaaa, ich will die Sahara in Brandenburg!
    In Niedersachsen ists auch nicht besser ;)

  7. Bei diesen Kommentaren, kann ich mich nicht zurückhalten, besonders wenn jetzt schon ein Niedersachse in unserer Region die Sahara will. Dieses Ansinnen kann ich ja gut verstehen, denn dann ist der Weg nicht mehr so weit. Spart Kerosin!

    Abermal im Ernst: ich verstehe wirklich nicht warum für ein oder zwei marode Bäume gleich eine ganze Alle gefällt werden muss.
    Vielleicht reicht mein kunstkritischer Horizont nicht aus!?

    Stellen sich nur die Fragen:
    Was jenseits Ironie und Gejammer funktioniert noch?
    Welche Ansinnen stecken wirklich hinter so viel, meiner Meinung nach, Schwachsinn?
    Ich rode und grabe doch auch nicht gleich meinen Garten komplett um, blos weil ein Johannisbeerbusch keine Früchte mehr trägt!
    Ich bin keine Sachverständige, doch in meinem Garten sind schon immer junge neben alten Bäumen oder anderen Pflanzen unbeschadet gewachsen.

    Vielleicht hat der Mann aus Braunschweig ja Recht und die Straßen sind hier zum rasenden Überholen einfach zu schmal. Könnte da nicht das zuständige Ministerium Klarheit schaffen.

    Eins meiner schönsten Alleenerlebnis begegnete mir auf der Fahrt nach Börnicke. Zwei Grünspechte tanzten einen Baumstamm herauf und herunter. Während meiner Zeit in Niedersachsen habe ich soetwas nicht gesehen.
    Brandenburg ohne üppige Alleen kann ich mir nicht vorstellen.

    @Godiva: Du weißt, auch ich stimme dir in allen Punkten zu.

  8. @Sophia
    Das ist ja gerade das Schizophrene:
    Die Protagonisten dieser neuen Brandenburger Alleenkonzeption definieren den Begriff Allee so, dass es sich um gleichaltrige Bäume handeln muss, denn nur auf diese Weise würde sich sinngemäß ein „harmonisches und typisches Alleebild“ ergeben. Militärisch uniform also. Dies entbehrt aber jeglicher Grundlage. Ich glaube nicht, dass Dellmann und Brehm den Anspruch für die Neudefinition des Begriffes Allee erheben sollten.

    Auch ein Wald besteht aus verschiedenaltrigen Bäumen. Ist er deshalb unharmonisch? Haben die jungen Bäume deshalb keinen Platz zwischen den alten Kumpanen ordentlich heranzuwachsen?
    Dieses Beispiel zeigt: Auch eine Allee aus verschiedenaltrigen Bäumen und Bäumen unterschiedlicher Arten kann harmonisch sein. Deshalb würde es auch eine Sünde sein, eine Allee gänzlich zu opfern, nur weil sie etwas lückig geworden ist.
    Damit spreche ich mich keinesfalls gegen komplette Neupflanzungen aus. An Straßenzügen, wo eine Allee neu etabliert werden könnte, sollte dies auch realisiert werden.

  9. @Dr. Andreas Steiner
    eine abgeholzte oder nur aus gleichaltrigen Bäumen bestehende Allee als harmonisch zu bezeichnen…
    Da sollten die Verfasser der Alleenkonzeption ganz ernsthaft mit sich ins Gericht gehen. Nicht das diese Art von Harmonieanspruch demnächst dann auch für Tiere und Menschen gültig ist? Ich mag solche Ansinnen nicht konsequent zu Ende denken.

    Allerdings frage ich mich welche Gründe das Brandenburger Verkehrsministerium tatsächlich hat. Mit Harmonie hat das Ganze sicherlich GAR NICHTS zu tun!

  10. @Sophia
    Wenn in der Welt etwas Unsinniges passiert, sollte man immer fragen, wer davon profitiert und meistens findet man die Lösung, warum.
    Klar geht es immer um eines: GELD.
    In diesem Fall die Kostenersparnis der Pflege alter Alleen.

  11. @Dr. Andreas Steiner
    gehe ich dann richtig in der Annahme, dass gefällte Alleenbäume nicht ersetzt werden sollen? Zumindest hinter vorgehaltener Hand?? Und der langfristige Plan schon der ist, sie sukzessive abzuschaffen?!

  12. @Sophia V. Eriss
    Nach der neuen Brandenburger Alleenkonzeption ist vorgesehen, dass die im Rahmen der Verkehrssicherungspflicht bislang vorgenommenen zeit- und kostenaufwändigen Einzelbaumbetrachtungen gänzlich wegfallen sollen.
    Stattdessen sollen Alleen abschnittsweise betrachtet werden, ob sie erhaltenswert sind oder zur Fällung freigegeben werden. Daraus ergibt sich natürlich, dass Lückenpflanzungen nicht mehr vorgenommen werden brauchen.

  13. @Dr. Andreas Steiner
    so etwas habe ich mir gedacht.

    Nachtrag zu meinem Kommentar vom 20.August:
    Am Sonntag habe ich erzählt bekommen, das in Mexico-City Bäume gefällt und ganze Flächen betoniert werden, um Pollen und Staub zu verhindern. Über die Nebenwirkungen verliere ich lieber keine Worte…
    Vielleicht ist diese Maßnahme ja vorbildhaft für Brandenburg!

  14. @Godiva von Freienthal
    Wenn diese Meldung stimmen sollte, so wäre es Hirnriss hoch drei.
    Besonders in einem solchen “Bevölkerungsmoloch“ wie Mexico-City, der wohl einwohnerreichsten Metropole der Welt, wo Slumviertel Dimensionen annehmen.
    Bäume kühlen die Luft ab, führen Frischluft zu und binden Staub. Sie sind gerade in Großstädten der Subtropen für die Schaffung eines einigermaßen günstigen Kleinklimas unersetzlich.

    Aber in der Historie war so manch menschliche Handlung unverständlich. Dazu fällt mir folgendes ein:
    Nach Überlieferung hatte man dem Sonnenkönig Ludwig XIV. schon als Kind alle gesunden Zähne gezogen, weil die damaligen Mediziner annahmen, dass von Zähnen nur Krankheiten ausgehen würden. Folglich hatte er sein ganzes Leben eitrige Wunden im Mund, einen gebrochenen Kiefer und sein Atem war zum Weglaufen. Hinzu kam, dass er stets Abführmittel einnehmen musste, da seine unzerkaute Nahrung schlecht verdaubar war. Überliefert ist auch, dass er dann des öfteren „mit vollen Hosen“ aus dem Park von Versailles kam. ;-).

  15. @Dr.Andreas Steiner:
    die Geschichte mit dem Sonnenkönig stimmt. Sein Leibarzt war dafür verantwortlich. Der Kiefer des Königs hatte sogar ein Loch im Gaumen, durch das die unzerkaute Nahrung bei jeder Malzeit in seine Nase gelangte. Der Mann muss sich entsetzlich gequält haben. Die Zähne wurden damals ja nicht herausgeschnitten, nein es war die Regel sie heraus zureißen, natürlich ohne Betäubung.

    Mit solchen und noch ähnlich schrecklichen Dingen habe ich mich während meiner Ausbildung zur Schneiderin in der Maßanfertigung im Rahmen der Kostümkunde beschäftigt. Ich könnte da noch mit anderen Besonderheiten aufwarten.
    So wurden im 17.Jhrt, jungen Mädchen und Frauen Bleiplatten in die Mieder eingeschnürt, um das Brustwachstum zu unterbinden, denn Flach war modern.

    Männern, besonders Landknechten und hochstehenden Adligen wurden die Pumphosen mit Sägemehl ausgestopft und ein deutliches Braguett vor den Schritt genäht. Kunstpenis trug Mann damals außen vor und die Hosen waren unglaublich schwer. Ich weiß allerdings nicht, wie sie die bei Regenwetter festgehalten haben… ;-O

    Über den Betonierwahn in Mexico hat mir eine der Frauen erzählt, die in meiner Performance mitgegangen ist und längere Zeit dort gelebt hat. Ich frage gerne nochmals genauer nach.

  16. @Godiva von Freienthal
    Ich wollte das mit dem Sonnenkönig nicht zu sehr ausmalen, ist aber eine höchst interessante Geschichte.:-p
    Die Auswüchse der Mode in der Historie finde ich aber auch sehr spannend.;-)