web analytics

Soll es jetzt Kolkraben an den Kragen gehen?

Diese Meldung aus der Märkischen Oderzeitung hat mich schockiert und zugleich verwundert: In Groß Schönebeck (Landkreis Barnim) sollen Kolkraben sechs Kälber getötet haben.

Das hört sich in der Tat ziemlich abenteuerlich an. Zumal die beiden Experten Prof. Dr. Dieter Wallschläger und Dr. Angelika Brehme vom Institut für Ökologie der Universität Potsdam dies durch wissenschaftliche Studien widerlegt haben. Nachzulesen im Artikel „Freispruch für die Galgenvögel“.

Auch der Ornithologe Bernd Heinrich relativiert in seinem Buch „Die Weisheit der Raben“ derartige Vorwürfe gegen „Killerraben“. Demnach beseitigen Kolkraben als „Kadaver-Recycler“ nur kranke oder tote Lämmer und Kälber, sind aber nicht in der Lage, sie zu töten.

Was steckt also hinter dieser Sache?
Mir kommt es so vor, als wenn die Brandenburger Bauern- und Jägerlobby nach den Kormoranen, Nebelkrähen und Elstern jetzt zum nächsten großen Schlag gegen den Tier-, Umwelt- und Naturschutz ausholen möchte. Schon 1995 wurde hierzu ein Vorstoß gewagt, der aber ins Leere lief.
Scheinbar ist man jetzt dabei, wieder einiges einzufädeln, um Druck auf die Politik auszuüben. Den lästigen Kolkraben soll es wohl endlich an den Kragen gehen, weil sie Landwirten die Feldfrüchte wegfressen und in großen Schwärmen zur Plage werden können. Eine derartige Konkurrenz für den Menschen kann natürlich nicht geduldet werden!

Werden die Lobbyisten also ihre Ziele umsetzen können, eine partielle Abschussgenehmigung oder vielleicht sogar die Aufhebung des Schutzstatus für den Kolkraben in Brandenburg zu erreichen?

Vor diesem Hintergrund bin ich mal gespannt, wie sich der zuständige Minister Woidke zu dieser Problematik äußern und positionieren wird. Auch die Rolle des Umweltausschusses im Brandenburger Landtag wird interessant sein.

Und dann stellt sich noch die Frage: Werden diesmal – anders als beim Thema Nebelkrähen und Elstern – Ornithologen zu Rate gezogen werden, um die Problematik auf eine fachliche und sachliche Grundlage zu stellen?

Soll es jetzt Kolkraben an den Kragen gehen? auf Facebook teilen
Soll es jetzt Kolkraben an den Kragen gehen? auf Twitter teilen
Soll es jetzt Kolkraben an den Kragen gehen? auf Google Plus teilen

Ähnliche Artikel:

Veröffentlicht von

Dr. Andreas Steiner, Diplom-Geograph und Waldökologe, lebt seit 1999 im Barnim. Als Fachgutachter ist er bei einem Projektträger des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in Berlin beschäftigt, der innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekte von klein- und mittelständischen Unternehmen im Bereich Technologie betreut. Seit mehr als 10 Jahren engagiert sich der Querdenker und -tuer ehrenamtlich in der Umwelt- und Sozialpolitik. Im Rahmen der Brandenburger Kommunalwahlen 2008 wurde er als Parteiloser für Bündnis 90/Die Grünen in die Eberswalder Stadtverordnetenversammlung gewählt. Ende 2011 musste er aufgrund eines Wohnsitzwechsels dieses Mandat niederlegen. Derzeit gehört er der Gemeindevertretung Schorfheide an und ist Vorsitzender der Fraktion Freie Wähler/Bürgergemeinschaft Kommunalabgaben (BKB). Steiner hat Mitgliedschaften der GRÜNEn LIGA Brandenburg und der NaturFreunde Oberbarnim-Oderland. Seine Hobbys sind Wandern, Radfahren, Schwimmen, Saunieren, Kochen – und natürlich der ehrenamtliche Journalismus, insbesondere wenn es um die Behandlung kritischer und brisanter Themen geht. Folgenden Leitspruch eines großen deutschen Gewerkschafters hat er sich zum Lebensmotto gemacht: „Nicht Ruhe, nicht Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit“ (Otto Brenner, 1968).

7 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Hallo Andreas,

    „leider“ hat die MOZ die Kolkrabenanklage wieder aus dem Online-Programm genommen (nur noch die Überschrift ist vorhanden).
    Natürlich sind solche Meldungen dennoch dafür geeeignet um Stimmung zu machen.
    Deinen Verweis auf die Beobachtungen von Wallschläger/Brehme (u.a. auch hier nachzulesen: http://www.wicca.ch/Kolkraben.htm ) kann ich daher nur begrüßen.

    Was die Reaktionen von Minister Woidke angeht bin ich allerdings nicht mehr wirklich gespannt.Schade nur , dass ausgerechnet die Belange des Natur- bzw. Tierschutzes offenbar nicht auf seiner „Lobbyliste“ stehen.

    Gruß

    Stefan

  2. Das ist ja schon merkwürdig, dass vom Artikel der Märkischen Oderzeitung nur noch die Überschrift geblieben ist….
    Ich muss mir mal die Printausgabe vornehmen, ob darin der Beitrag enthalten ist.

  3. Anfang der 70iger Jahre gab es ornithologische Exkurssionen nach Mecklenburg. Berliner und Brandenburger Naturfreunde pilgerten in Schaaren ins nördliche Nachbarland. In der Nähe der Ivenacker Eichen gab es eine besondere Attraktion – ein Kolkrabenbrutpaar. Der Vogel war in der DDR nahezu ausgestorben. Der Weitsicht vieler Förster und Naturschutzhelfer ist es zu verdanken, dass sich der Vogel wieder vermehren konnte. Sie schützten die Brutplätze der Raben. Kolkraben sind sehr intelligente Vögel, in der germanischen Mythologie sind sie heilige Vögel.
    In den 90iger Jahren gab es die ersten Gerüchte – Jungraben sollen über Mutterkühe und Schafe hergefallen sein. Tagelang beobachtete ich Mutterkuhherden in der Uckermark. Tatsächlich fanden sich hier viele Raben ein. Überfälle auf Tiere habe ich nicht beobachtet, mehrfach jedoch schlechte Weidehygiene. Nachgeburten wurden natürlich von den Raben entsorgt. Verendete Kälber auch. Zwischen dem eingetrtenen Tod eines Kalbes und dem ersten Kontakt des Raben mit dem Aas lag oftmals mehr als eine Stunde. Raben haben eine wichtige Rolle als Gesundheitspolizei. Die Freigabe der Vögel für den Abschuss wäre fachlich unsinnig und würde gegen europäisches Artenrecht verstoßen. Der Vorstoß der Landesregierung ist die Antwort, aber was war die Frage?

  4. Danke für Deinen interessanten Beitrag, Norbert!

    Fragen habe ich zunächst nicht gestellt. Wenn man welche aufwerfen würde, müssten sie vielleicht heißen:

    – Wie kann man mehr Sachlichkeit in diese Thematik bringen und einem solchen unsinnigen Vorhaben den Riegel vorschieben?
    – Oder ganz allgemein: Leben wir in einer Lobbydemokratie, in der nur noch einflussreiche Gruppen (meist Einfluß durch Geld) das Sagen haben, wo`s langgehen soll?
    – Oder eben als rhetorische Frage: Wird die demokratische Durchsetzungsfähigkeit des Einzelnen nicht immer mehr auf ein Minimum eingedampft?

  5. Ist es wahr, was passiert sein soll, oder wurde einfach nur was in die Welt gestreut, wie so Glaubenssätze, daß Raben Kälber töten sollen? Oder ist es nicht einfach eigene „Mißstände“ auf Tiere abzuleiten, die gar nichts dafür können? Wie viele dummdreiste Glaubenssätze noch vorhanden sind, ist wirklich erschütternd.
    Wo ist der wissenschaftliche Beweis dafür, daß Raben Kälber töten sollen? Nur weil es ein Landwirt meint, gesagt hat oder eventl. Raben in den Bäumen gesehen hat? Auf so schwammige Äußerung soll sich der Abschuß beziehen.
    „Die Jägerei ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit.“
    Theodor Heuss