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Baumschutz? Fehlanzeige! Amtsdirektor Dirk Protzmann und Bürgermeisterin Gerlinde Schneider aus Joachimsthal

MOZ-Artikel “Alte Linden weichem neuen Gehweg”Veröffentlichungen im Internet haben gegenüber jenen aus Printmedien sowohl den Vor- als auch den Nachteil, dass sie über längere Zeiträume weltweit jederzeit abrufbar sind. Denn wie heißt es, vielleicht etwas übertrieben formuliert, so schön: „Das Netz vergisst nie.“ So auch bei groben Vergehen gegen den Naturschutz. Durch Veröffentlichungen im Barnim-Blog bekommen sie vielleicht eine andere Qualität und bleiben den „Menschen der Nachwelt“ erhalten, die solche Schildbürgerstreiche dann hoffentlich aus einer kritischeren und wachsameren Sicht beurteilen werden.

Diesmal handelt es sich um die Fällung von sechzehn vitalen und stattlichen alten Linden in Joachimsthal für die Neugestaltung eines Gehweges im Dorf (für unsere internationalen Blog-Gäste: Die Gemeinde Joachimsthal liegt in Deutschland im Bundesland Brandenburg, Landkreis Barnim). Die Verantwortlichen für den Naturfrevel waren Amtsdirektor Dirk Protzmann (nomen est omen?) und Bürgermeisterin Gerlinde Schneider. Von der Unteren Naturschutzbehörde Barnim wurden diese Baumbeseitigungen wieder einmal „ordnungsgemäß amtlich“ abgesegnet.

An dieser Stelle möchte ich den Fall Joachimsthal exemplarisch dokumentieren.
Als Einführung in das Thema liegt der Artikel „Alte Linden weichen neuem Gehweg“ der Märkischen Oderzeitung (27.02.08, S. 16) als Bild vor. Daraufhin schrieb ich am 28.02.08 an die MOZ diesen Leserbrief (bislang unveröffentlicht, doch in der Sonderausgabe der Barnimer Bürgerpost März 2008 abgedruckt):

Vernichtung von Werten
Die Schreckensmeldungen über Baumfällungen und -verstümmelungen im Landkreis Barnim reißen nicht ab. Nun ließ die Stadt Joachimsthal 16 alte Linden fällen, um einen neuen Gehweg zu bauen. Dies ohne Not, weil es bauliche Alternativen zum Erhalt der Bäume gab. Doch die waren Amtsdirektor Dirk Protzmann und Bürgermeisterin Gerlinde Schneider zu teuer. Ich bin fassungslos über solch eine ganz und gar nicht mehr zeitgemäße Geisteshaltung. Es ist eine Schande, wie leichtfertig mit Werten umgegangen wird, die Jahrzehnte brauchen, um heranzuwachsen. Tief enttäuscht bin ich über die durchsetzungsschwache Untere Naturschutzbehörde. Sie hat sich wieder mal zum Steigbügelhalter der Gemeindeverwaltungen gemacht und sich mit dem Erhalt der restlichen vier Linden das Deckmäntelchen des Naturschutzes umgehängt. Zudem wurden mit den Baumfällungen so schnell Tatsachen geschaffen, dass die Anwohner keine Chance hatten, darauf effektiv zu reagieren. Wieder mal ein Beispiel von bürokratischer Kurzsichtigkeit, Ignoranz und Bürgerferne. Bereits in der Vergangenheit hat sich die Stadt Joachimsthal bei Fällungen besonders hervorgetan. Eigentlich müsste der kleine Ort Joachimsthal seinen gesamten Straßenbaumbestand mittlerweile vernichtet haben, oder zumindest in Bälde, wenn die Akteure das Tempo der letzten Jahre so durchhalten sollten.

Anschließend verfasste Yvonne Schnabel aus Panketal einen Leserbrief (MOZ, 12.03.08):

Tourismusregion mit der Baumsäge. Besucher schätzen naturnahe Umgebung und ländliche Atmosphäre
Ich bin entsetzt über das beispiellose und unverantwortliche Handeln hinsichtlich der Fällung der 16 Linden in der Stadt Joachimsthal. Woher wird sich immer wieder das Recht genommen, Mitmenschen ihrer Lebens- und Wohnqualität derart zu berauben? Glaubt man, breitere Gehwege und Straßen machen einen Ort gegenüber einer dichten Allee oder Baumreihe gleichbedeutend attraktiver und laden noch länger zum Verweilen ein? Der Schatten einer alten Linde gehört ja nunmehr der Vergangenheit an. Breite Straßen und Bürgersteige sind keine gemeinwohlschaffenden Parameter, auch wenn das gegenwärtig leider sehr oft das Nonplusultra vieler so genannter Amtsträger für ihre Gemeinden zu sein scheint. Es ist schwer zu glauben, dass darin der Reiz einer Landschaft vermutet wird. Es ist Zeit, endlich umzudenken! Gegen erneuerte Gehwege ist soweit nichts einzuwenden. Kritikpunkt ist jedoch, dass wieder einmal mehr, sich bietende Alternativen, den Baumbestand bei gleichzeitiger Neugestaltung eines Gehweges zu erhalten, unberücksichtigt blieben. In wessen Vorstellung ist es, eine Betonwüste sein Zuhause zu nennen? Die Gemeinde Joachimsthal wird als Tourismusregion hoch gepriesen. Dann sollte endlich auch etwas getan werden, dass das auch für die Zukunft so bleibt. Daran sollte doch auch Herrn Protzmann und Frau Schneider gelegen sein. Dieses Ziel lässt sich allerdings nicht mit der Baumsäge verfolgen! Ich besuche diese Region nicht aufgrund ihrer schönen Straßen und Bürgersteige. Ich, und da spreche ich sicherlich auch im Namen vieler anderer Besucher, komme aufgrund der naturnahen Umgebung, der für Brandenburg so typischen Alleen, der Ruhe und ländlichen Atmosphäre. Das ist es, was gerade Besucher wertschätzen. Wenn Abholzungen in dieser Region weiter so unterstützt werden wie bisher, werde ich mir in jedem Fall ein anderes Urlaubsziel suchen müssen.

Als Reaktion darauf schrieb dann MR Dr. Bernhard Fehse aus Joachimsthal (MOZ, 18.03.08) diesen Leserbrief, der passagenweise für mich ein Beispiel für die Verkörperung alter verkrusteter Denkmuster ist:

Gefahrenträchtiger Stolperweg. Arzt musste zu Fall Gekommene behandeln
Mit großem Befremden habe ich die Meinung von Yvonne Schnabel gelesen. Ein solches weltfremdes Urteil über unsere Stadt und seine Straßen kann nur jemand abgeben, der den hier betreffenden Weg nicht kennt und täglich belaufen oder befahren muss. Als Arzt musste ich bereits mehrfach Bürger behandeln, die auf diesem „Bürgersteig“ zu Fall gekommen sind. Es geht hier überhaupt nicht um die Herstellung „breiterer Gehwege“, sondern um die Schaffung eines überhaupt begehbaren Weges. Vermutlich weiß die Schreiberin nicht, dass jedes Leben endlich ist. Menschen, Tiere und Pflanzen werden geboren, wachsen und müssen die Welt wieder verlassen. Selbst eine DDR-Band wusste das schon wenn sie sangen: „Ein jegliches hat seine Zeit, Bäume pflanzen und Bäume abhauen.“ Frau Bürgermeisterin Schneider kann ich nur gratulieren, dass es ihr endlich, nach langem Für und Wider, gelungen ist, die Schaffung eines Gehweges in der Schönebeckerstraße durchzusetzen. Wir Einwohner, die wir täglich diesen gefahrenträchtigen Stolperweg gehen müssen, verabschieden uns gern von den alten Bäumen und danken ihnen für die vielen Jahre Blütenpracht und freuen uns auf die neuen Bäume, denn laut verbindlichen Beschluss der Stadtverwaltung werden für jeden gefällten Baum zwei neue gepflanzt.

Und schließlich reichte am 18.03.08 Dr. Elvira Kirschstein aus Eberswalde bei der MOZ diesen Artikel ein:

Alte Bäume sind gewachsene Werte
In der Schönebecker Straße in Joachimsthal erschien der Bau eines neuen Gehweges dringend notwendig, damit die Fußgänger diesen zukünftig unfallfrei begehen können. Doch darum allein geht es nicht. Sondern auch um sechzehn stattliche alte Linden, die für den Bau des Gehweges umgehauen wurden, nur weil eine baumerhaltende Ausbauvariante der Gemeinde zu teuer gekommen wäre. Der Standpunkt „Bau oder Bäume“ einer von Amtsdirektors Dirk Protzmann und Bürgermeisterin Gerlinde Schneider in die Tat umgesetzte Alternativlosigkeit ist zu verurteilen. Dass es besser geht, zeigt das Beispiel Hohenfinow. Hier vertrat die Gemeindevertretung gegen die Auffassung einer ökonomisch ausgerichteten, externen Wirtschaftsprüferin standhaft ihre Positionen, weiterhin ausreichend finanzielle Mittel für den Erhalt der alten Linden im wunderschönen Dorfanger bereit zu stellen. Von meiner Seite ein großes Lob! In diesem Zusammenhang stellt sich für mich die Frage: Wie viel ist den Joachimsthalern ein malerisches Ortsbild wert? Wären die Anwohner bereit, dafür mehr auszugeben? Vor diesem Hintergrund zeugen die provokanten Ausführungen von Dr. Bernhard Fehse, der es in Ordnung findet, dass vitale Dorfbäume bei Bauvorhaben keine Berücksichtigung finden brauchen, nicht nur von wenig Respekt vor alten Werten, sie klingen wie Spott und Häme. Da die Gemeinde Joachimsthal Teil des Biosphärenreservates Schorfheide-Chorin ist, müssten naturschutzfachliche Belange nach dem Gesetz höher gewichtet werden. Nun sollten die Joachimsthaler wachsam sein, dass Ersatzpflanzungen im Verhältnis 1:2 an Ort und Stelle auch tatsächlich und zeitnah erfolgen.

Vielleicht besteht Interesse daran, diese Diskussion hier im Barnim-Blog und damit auf einer anderen Ebene fortzuführen? Hier geht es zwar um eine örtliche Problematik, jedoch ist in Sachen Baumfrevel die Gemeinde Joachimsthal überall!

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Dr. Andreas Steiner, Diplom-Geograph und Waldökologe, lebt seit 1999 im Barnim. Als Fachgutachter ist er bei einem Projektträger des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie in Berlin beschäftigt, der innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekte von klein- und mittelständischen Unternehmen im Bereich Technologie betreut. Seit mehr als 10 Jahren engagiert sich der Querdenker und -tuer ehrenamtlich in der Umwelt- und Sozialpolitik. Im Rahmen der Brandenburger Kommunalwahlen 2008 wurde er als Parteiloser für Bündnis 90/Die Grünen in die Eberswalder Stadtverordnetenversammlung gewählt. Ende 2011 musste er aufgrund eines Wohnsitzwechsels dieses Mandat niederlegen. Derzeit gehört er der Gemeindevertretung Schorfheide an und ist Vorsitzender der Fraktion Freie Wähler/Bürgergemeinschaft Kommunalabgaben (BKB). Steiner hat Mitgliedschaften der GRÜNEn LIGA Brandenburg und der NaturFreunde Oberbarnim-Oderland. Seine Hobbys sind Wandern, Radfahren, Schwimmen, Saunieren, Kochen – und natürlich der ehrenamtliche Journalismus, insbesondere wenn es um die Behandlung kritischer und brisanter Themen geht. Folgenden Leitspruch eines großen deutschen Gewerkschafters hat er sich zum Lebensmotto gemacht: „Nicht Ruhe, nicht Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit“ (Otto Brenner, 1968).

1 Kommentar » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Behördenirrsinn und -willkür in Sachen Baumhass ist natürlich nicht auf den Barnim beschränkt.
    Hier eine Geschichte vom letzten Jahr aus dem Dithmarschener Land, welches mir die Haare zu Berge stehen lässt:

    Lesenswert!