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Schick?

Das kleine Altenhof (Gemeinde Schorfheide) gönnte sich kürzlich eine „neue Straße“ und alle freuen sich. Bürgermeister Uwe Schoknecht ist sogar begeistert:
„Mit dieser schicken neuen Ortsdurchfahrt hat Altenhof gleich ein schöneres Gesicht“.

Jetzt bin ich neugierig geworden und klicke in freudiger Erwartung auf das bestimmt schicke Foto der Online-Ausgabe „meiner MOZ“. Um nicht geblendet zu werden schließe ich die Augen, öffne sie sehr, sehr langsam und erblicke sechs würdige Herren die an einer kargen und eine eher tristen Betonpiste Aufstellung genommen haben. Jenseits der schmalen Gehwege sucht man Straßengrün und ähnlich schmückendes Beiwerk vergeblich. Es gäbe ohnehin keinen Platz mehr dafür.

Schick? Also ich weiß nicht.

Im heute üblichen Sprachgebrauch orientiert sich das Wort am französischen „chic“ (modisch). Bekanntestes Synonym ist Eleganz, was wiederum die Begriffe „Feinheit, Geschmack, Kultur, Pfiff und Takt“ auf den Plan ruft. Ich will ja nicht ungerecht sein, aber für mich hat die Joachimstaler Straße in ihrer jetzigen Form den Pfiff einer „unbehandelten“ Tütensuppe und den Takt einer massiven Herzrhythmusstörung

Ein tiefer Griff in die Mottenkiste der Sprachgeschichte rettet Schoknecht dann wieder ein wenig, denn der wohl meistmissbrauchte Begriff der Modebranche hat seinen Ursprung im Mittelniederdeutschen.
„Das (…) Hauptwort „Schick“ stand für Gestalt, Form und Brauch, das Eigenschaftswort „schicklich“ hatte (und hat noch immer) die Bedeutung „angemessen“, „geziemend“.
Und was beim Straßenbau so als angemessen gilt, daran scheiden sich die Geister auch oder insbesondere im Barnim.

Im Gesamtkontext des MOZ-Artikels bin ich aber ziemlich sicher, dass der Bürgermeister die Eleganz des neuen Verkehrsweges gepriesen hat.

Die Gemeinde Schorfheide im uniformen „Schoknecht-Schick“, eine eher beklemmende Zukunftsvision.

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4 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Im „Land der Bekloppten und Bescheuerten“ (Zitat Wischmeyer) muss es auch immer wieder Leute geben, die das Entfernen von Kopfsteinpflaster und Glattasphaltieren für Fortschritt halten. Was bei einer Kreisstraße wie der Bahnhofstraße in Biesenthal vielleicht gerade noch angeht, ist bei einer de-facto Sackgasse in einem Dorf wie Altenhof schon Kultur-Banauserei.

    Herr Schoknecht weiß vielleicht garnicht, dass er sich hier in der Tradition des Ganoven Schalck-Golodkowski bewegt, der unsere Kulturgüter massiv gegen Devisen in den Westen verscherbelt hat. So gibt es heute ganze Straßenzüge aus Eisenach oder Sonneberg, die die Innenstädte von Rothenburg ob der Tauber und Coburg als Kopfsteinpflaster zieren. Das Westgeld haben die Stasi-Bonzen irgendwie durchgebracht.

    Heute geht das Ganze mit Bauernschläue vonstatten. Das Pflaster der Rüdnitzer Bahnhofstrasse liegt seit ein paar Jahren hinterm Bahnhof am Waldrand. Die Eonwohner holen es nach und nach, um ihre Hofeinfahrten zu pflastern. Wer weiß, wozu Schoknecht das Pflaster braucht. Sich aber hinzustellen und eine asphaltierte Straße als Fortschritt zu preisen ist einfach „bekloppt und bescheuert“, womit ich wieder beim bekanntesten lebenden deutschen Dichter bin.

  2. Der Ganove hat dafür aber wenigstens Weihnachtsapfelsinen und Bananen kaufen lassen.

  3. Wenn dann die Straße nach einem Jahr wegen dem hier üblichen Pfusch gleich wieder ausgebessert werden und hierfür erneut für drei Monate gesperrt wird, ist natürlich von keinem dieser Herren auch nur ein Schatten zu erblicken.

  4. Habe gerade durch Zufall diese Seite gefunden und muss zu diesem Beitrag hier unbedingt ein paar Worte verlieren.

    Die Ortsdurchfahrt von Altenhof besteht schon seit knapp 30 Jahren nicht mehr aus Kopfsteinpflaster.
    Jeder der Altenhof für eine Sachgasse hält ist gerne eingeladen einmal im Sommer den Verkehr in der Sackgasse zu erleben, nicht zu vergessen wenn tausende Ostessereisende durch Altenhof rolen, wenn diese der offiziellen Autobahnumfahrung Richtung Stettin oder Berlin folgen.
    Wer hier dem Pflaster nachtrauert, war wohl sehr lange nicht in Altenhof (oder noch nie ;-) ).
    Ach ja, wo kein Straßenpflaster ist, kann auch keines verkauft werden.