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Neue Heimat DDR – Das Zentrale Aufnahmeheim Röntgental

Wenn man heute über das Ende der DDR diskutiert gibt es nicht Wenige die meinen, dass Schicksal des „1. sozialistischen Staates auf deutschem Boden“ sei „mit den Füßen“ abgestimmt worden. Damit sind sicher nicht nur die Füße gemeint die sich im Jahre 1989 in immer größer werdenden Demonstrationszügen durch die Städte bewegten, sondern auch die Schritte Jener, die dem Land gänzlich den Rücken kehrten. Insbesondere in den 80er-Jahren erfolgten mehre große „Ausreisewellen“ von Ost nach West.

Von der „Gegenbewegung“ ist eher selten die Rede. Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass es „Westflüchtlinge“ gegeben hat.

„Die Motive der Umsiedler waren verschieden: Oft gab es persönliche Gründe, die Familie war in der DDR, Erbschaften, Menschen die in die BRD ausgereist waren und zurückkommen wollten, da sich Hoffnungen nicht erfüllt hatten. Vereinzelt kamen auch vom Sozialismus überzeugte Menschen, um in der DDR zu leben. Die Einreisenden waren größtenteils Deutsche, nach 1989 kamen viele Juden und Palästinenser.“ (Textquelle: mybrandenburg.net) Die meisten von ihnen landeten im Zentralen Aufnahmeheim (ZAH) des Zepernicker Ortsteils Röntgental (heute Panketal).

Das Gebiet an der Schönerlinder Straße, heute Heimstatt des Zepernicker Seniorenheims, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Das einstige Reichsbahngelände diente zunächst der Ausbildung von Diensthunden und ich glaube gehört zu haben, dass von hier aus die erste Kompanie zum Bau der Berliner Mauer ausrückte. Das ZAH wurde im Jahre 1979 vom Ministerium des Inneren ins Leben gerufen.

Die Geschichtswerkstatt des bbz Bernau e.V. hat Hintergründe der „sagenumwobenen“ Einrichtung recherchiert und berichtet folgendes:

Der Weg des Umsiedlers:
Der Mensch wurde registriert und untergebracht, dabei wurde nach Religion, Kultur und politischen Ansichten sortiert. Längst nicht jeder sollte mit dem anderen in Kontakt kommen.

Untergebracht wurde hauptsächlich in Doppelzimmern.
Danach bestand das Leben im Heim im wesentlichen aus Langeweile und Warten. Das Gelände durfte nicht verlassen werden. Kultur konnte ausgelebt werden, Sport und Freizeitvergnügen wie Grillen waren möglich. Post durfte empfangen, aber nicht gesendet werden. Teilweise durfte aber telefoniert werden.

Die Menschen wurden unterschiedlich behandelt, je nach dem, welcher Hintergrund sie in die DDR geführt hatte. Oft gab es 2x pro Woche Dia-Vorträge über die DDR, um die Menschen auf ihre neue Heimat vorzubereiten. Fernsehen und Radio gab es natürlich nur als „Stimme der DDR“. Alle Einreisewilligen wurden während einer Eingangsuntersuchung medizinisch durchleuchtet. Angeblich machte die DDR zu dieser Zeit schon AIDS-Tests.
Mit allen Umsiedlern wurden „Gespräche“ geführt. Gesprächspartner waren dabei Kriminalpolizei (normale Umsiedler) oder die Stasi. Teilweise wurden die Menschen wieder und wieder zu den selben Sachverhalten befragt und mussten ihr gesamtes Vorleben darlegen.

Alle Betroffenen beschrieben diese Gespräche als sehr zermürbend und verunsichernd. Durch die Abschirmung und die Einschränkung entstand ein enormer psychischer Druck auf die Heimbewohner. Dazu kam bis zum letzten Tag die Unsicherheit, ob eine Einreise genehmigt werden würde.
Das Personal wurde von allen als höflich und korrekt beschrieben, fast schon gezwungen freundlich. Auch das Essen war reichlich.
In den Gesprächen mit der Kripo wurde die Identität der Personen überprüft, Rückfragen ins Ausland wurden gestellt. Bei strafrechtlichen Belangen wurde die Person zurückgeschickt. Auch „Asozialen“ oder „faulen“ Menschen wurde die Einreise verweigert.

Der MfS befasste sich mit politisch Verfolgten, die Zugehörigkeit zu Parteien wurde überprüft, politische Einstellungen erforscht. Intensiv wurde nach Spionen und Staatsfeinden gefahndet. Immer wieder mussten neue Fragebögen ausgefüllt werden. Allen Betroffenen wurde ein extremes Mißtrauen entgegen gebracht.
Aus Stasiakten ist zu ersehen, daß unter die „Einwanderer“ auch Stasispitzel geschleust wurden und das Mißtrauen gerechtfertigt war. Auch die Kripo wusste nicht, wer ein Spitzel der eigenen Stasi war.

Der Aufenthalt dauerte normalerweise zwischen 4-6 Wochen, konnte aber bis zu einem halben Jahr andauern.
Wenn die Aufnahme positiv entschieden wurde, wurden die Menschen in Bezirksheime weitergeleitet, von da aus dann in eigene Wohnungen und an Arbeitsplätze. Mitspracherecht hatten die Einreisenden nicht, Wünsche nach Städten oder Arbeit konnten geäußert werden, waren aber eben nur Wünsche, denen meist nicht entsprochen wurde. Noch lange nach ihrer Ankunft in der DDR wurden die Menschen stark überwacht.

Die Anlage stand ganz im Zeichen des DDR- Sicherheitswahns:
(Aber westdeutsche Aufnahmelager zeigten ähnliche Sicherheitsmaßnahmen.)
Wellblechzaun, Stacheldraht, Überwachungsanlagen, Kameras, kein Ausgang kein Kontakt zu den Angestellten aus Küche und Büro.
Allen wurden Ausweise und Papiere abgenommen. Es kam zu nachweislich zwei Selbstmorden und mehreren Selbstmordversuchen.
Die Anlage unterstand dem Ministerium des Innern, die Rolle der Stasi ist nicht ganz klar.
Klar ist aber: Hier waren keine Terroristen untergebracht, es wurden keine Waffentests durchgeführt. Die vorhandenen Anlagen waren ganz „normale“ Übungsschießtände.
Von 1984 -89 wurden in Röngental 3637 Personen aufgenommen. Davon waren 1386 Rückkehrer, 1619 BRD-Bürger und 632 Personen aus anderen nichtsozialistischen Staaten.
432 Personen abgewiesen: 12 Rückkehrer, 402 Zuzieher und 18 Personen aus nichtsozialistischen Staaten.

Verhöre, „Lagerkoller“ und Suizide hat es , ohne relativieren zu wollen, auch in „westlichen“ Aufnahmelagern gegeben wie ich , 1984 mit meiner Familie aus der DDR ausgereist, hautnah erleben konnte.

1988 habe ich in West-Berlin Dirk kennen gelernt. Der Vorarbeiter einer Kafferösterei hatte sich, nach eigener Aussage, 2 Jahre zuvor im Vollrausch an die Grenzbeamten gewandt und um Aufnahme in die DDR gebeten. Auch er fand sich in Röntgental wieder. Nach erfolgter Ausnüchterung und einigen Verhören waren sich aber beide Seiten schnell einig , dass es mit der Ernsthaftigkeit des “Einbürgerungswunsches“ nicht weit her war. Ich gehe davon aus, dass die Motive der meisten „Neubürger“ wesentlich fundierter waren.

Vor ca. 2 Jahren hat es das „ZAH“ sogar auf die Theaterbühnen geschafft. Autor des Schauspiels „Röntgental“ ist der Musiker Reinhardt Repke.

Im Katalogtext des „Verbandes Deutscher Bühnen Und Medienverlage“ heißt es:

Unweit Berlins – und dennoch mitten im Nichts. So zumindest kommt es den Neuankömmlingen im Zentralen Aufnahme Heim (ZAH) Röntgental vor. Denn die DDR hat da noch ein paar Fragen, bevor sie die Übersiedler zu Genossen macht. Eine Abschiebung käme für die meisten einer Katastrophe gleich.

Da ist zum Beispiel Leila, eine Palästinenserin. Sie hat genug vom Krieg in ihrer Heimat. Sie möchte Medizin studieren – und ist jetzt auch noch schwanger. (…) Hans hingegen verlässt die Heimat im Westen weil er bankrott und hochverschuldet ist. Einer wie er kommt gleich mit der Putzfrau über angemessene Tauschkurse ins Gespräch. (…) Reinhardt Robert Repke stellt mit der Momentaufnahme dieses Mikrokosmos DDR und Bundesrepublik ebenso kontrast- und wie nuancenreich gegenüber. Bitter ist für seine Protagonisten bloß, dass der Moment schon vorbei ist…im Fernsehen zeigt man gerade: die Mauer ist gefallen.

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15 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Ich bereite einen Film für 2008 über das ZAH vor und habe schon zahlreiche „Insassen“ getroffen. Mich würde ein Kontakt zu Dirk interessieren, auch zu Leuten aus der Gegend, die damals die Vorgänge rund um das Heim vor 89 mitbekommen haben. Ulrich Stoll

  2. Hallo Leute ,

    ich las eueren Beitrag über das Aufnahmelager Röntgental . Darin heisst es unter anderem , dass Asoziale , Faule , oder Krimminelle zurück geschickt wurden ! Mir ist natürlich auch bekannt , dass unliebsame Bürger der DDR kurzerhand ausgebürgert wurden , und dies betraf sicherlich nicht nur Herrn Wolf Biermann .
    Kurz um , ich hatte eine Verwandte aus Magdeburg welche wegen angeblichen Verstosses gegen das Seuchengesetz zu zwei Jahren in Frankfurt/Oder verdonnert wurde . Nach Verbüßung der zweifelhaften Strafe war sie zusammen mit ihrem damaligen Ehemann aus der DDR geflüchtet .

    Was mich nun aber wundert , weshalb wurde meine Verwandte denn nicht kurzerhand ausgebürgert , wenn sie doch krimminell war ? Darauf hätte ich gerne von jemanden eine Antwort bzw. Erklärung .Ich habe seit langem den Verdacht , dass an der ganzen Geschichte etwas faul ist . Ich hatte mich schon zig mal an die damalige Gauckbehörde gewandt , außer besagtem Strafbefehl vom Kreisgericht Magdeburg nichts erhalten . Auf Antwort bin ich gespannt .

    P.Bieber

  3. Pingback: Ein Denkmal für Achim Mentzel ? – Die Geschichte der Mauer hat viele Gesichter

  4. Pingback: Vor einem Jahr im Barnim – Burchard Führer zum neuen Betreiber des „Seniorenheims Zepernick“ bestimmt

  5. Vor einiger Zeit fragte ich im Barnim-Blog nach Zeugen aus der Zeit des ZAH in Röntgental. Jetzt ist unser Film über das „Zentrale Aufnahmeheim der DDR“ fertig. DDR-Rückkehrer wie der frühere brandenburgische Innenminister Alwin Ziel sprechen erstmals über die Wochen und Monate, die sie in Röntgental verbringen mussten. Die einstündige Dokumentation wird am 1. April 2009 um 22 Uhr auf ARTE gezeigt. Vielleicht melden sich noch weitere Zeugen. Wir planen ein Buch über das Rückkehrerlager.
    Gruß Ulrich Stoll

  6. F.C.Delius, Reise vonRostock nach Syrakus
    eine an der Wirklichkeit (also einem reaken Fall) orientierte
    Erzählung beschreibt die illegale Bildungsreise eines Rostockers nach Syrakus und dessen Rückkehr in die DDR 1988 –
    da kommt er auch nach Röntgental und erkennt als gelerner Ossi sofort, das ist ja eine „kleine DDR in der DDR“ .
    Ich kann das Buch allen die an der Geschichte der DDR interessiert sind, nur empfehlen. Keine Bange, hier erklärt nicht, wie so oft, ein Wessie den Ossis, wie sie gelebt haben, sondern Delius als seriöser Chronist hat sich die Geschichte erstmal von dem Protagonisten selbst erzählen und erklären lassen.
    Deshalb ist die Sache auch nicht ohne Komik und Humor.

    Natürlich wirft die Story auch ein bezeichnendes Licht auf
    die Verhältnisse in der BRD. Der Kellner der Weißen Flotte
    mußte die Ausbeutungsverhältnisse im NSW hautnah erleben und war entsetzt, zu erfahren, dass die Macht der Kellner hier
    (wie die Macht der Arbeiterklasse insgesamt) gebrochen war.

    Nimm und lies!
    F.C. Delus, Reise von Rostosck nach Syrakus. Suhrkamp TB

  7. Hallo Herr Stoll, ich war in der Zeit vom 17.03. – 30.04. 1981 mit meiner Mutter in diesem Aufnahmelager. Da war ich 12 Jahre alt. Meine Erinnerungen an diese Wochen meiner Kindheit haben mich nie ganz verlassen und einige Bilder sind dazu noch immer da, selbst an die Gesichter mancher Leute kann ich mich noch gut erinnern. Leider weiß ich bis heute nicht, was aus den meisten geworden ist. Einen habe ich ganz zufällig nach ein paar Jahren getroffen, in einem Vergnügungspark. Ich bin auf diese Seite gestoßen, weil ich nach Fotos gesucht habe um die Bilder wieder klarer zu machen. Um so mehr freue ich mich auf den 01.04.. Wird bestimmt sehr interessant. Danke LG S.B.

  8. Ich würde gerne Frau Bannenberg über ihre Eindrücke im ZAH befragen. Es wäre swchön, wenn Sie sich unter stoll.u@zdf.de melden.
    Ulrich Stoll

  9. Der Film über das ZAH Röntgental „Einmal Freiheit und zurück“ läuft jetzt am 20.5.2009 auf Arte um 22 Uhr.

  10. Ich bin freier Journalist und plane ebenfalls einen Beitrag über das „zentrale Aufnahmeheim“ zu schreiben. Dafür suche ich noch Zeitzeugen, die das Lager selbst durchschritten haben. Für jedwede Hinweise diesbezüglich bin ich also dankbar. Erreichen tun Sie mich auch unter: Andreas.Voigt@berlintext.com

  11. @Andreas Voigt
    Hallo Herr Voigt, seien Sie gegrüßt und herzlich willkommen auf dem Barnimblog! Wir haben uns seinerzeit im Zuge der Berichterstattung um die Allee Rüdnitz-Danewitz-L29 kennen gelernt.

  12. Neuer Sendetermin für den Film „Einmal Freiheit und zurück“ über das ZAH Röntgental: Mittwoch, 20.5.2009, 21 Uhr, ARTE.

  13. Pingback: TV-Tip: „Einmal Freiheit und zurück“ – Dokumentation zum ZAH Röntgental am 20. Mai 2009 auf arte - Von Stefan Stahlbaum