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Es war einmal ein Mann (Teil 5) … oder „Karneval im Barnim“

Bisher erschienen: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4

Herr Eva saß in seinem Büro und schaute aus dem Fenster. Einige Mitarbeiter waren mit dem Bau einer Lärmschutzwand beschäftigt. Ihn ärgerte, dass die jetzt doch gebaut wurde. Aber etwas geschah dabei doch in seinem und im Interesse der Chefs. Sie war noch niedrig genug, so dass der Wind die Metallstäube und einen großen Teil des auch für Ihn unerträglichen Betriebslärms davontragen konnte. Obwohl er ja mit einer sibirischen Gesundheit ausgestattet war, was man ihm auch ansah, bekam er von dem extremen Lärm jedes Mal Kopfschmerzen. Immer wenn er das ansprach, horchten Betriebsarzt und Betriebspfarrer auf, denn schließlich war er schon relativ lange im Unternehmen und die durchschnittliche Halbwertzeit eines Mitarbeiters bei „Adam’s Family“ war ja wesentlich geringer. So erhofften sich beide einen neuen „Kunden“.
Gott sei Dank hatte das Unternehmen „Adam’s Family“ so viele Mitarbeiter aus anderen Ländern. Die wenigsten Länder davon kannte er. In Erdkunde war er, genauso wie die Chefs, auch nicht so gut gewesen. Musste er auch nicht, denn als Leistungskurse hatte er seinerzeit die Nadelarbeit und die Stammtischphilosophie belegt. Bei seinen Mitarbeitern und Chefs hatte er jedoch Sport und Heimwerken angegeben. Dass er nicht aus einem jahrhundertealten Geschlecht von Schmieden sondern aus einer Familie von Hundefrisören kam, davon durfte aber niemand etwas erfahren.
Eines Tages kam es dazu, dass Ihn ein Mitarbeiter zu sich einlud.
Da es nicht oft vorkam, dass ihn jemand überhaupt nur ansprach, nahm er die Einladung sofort an. Erst bei seiner dortigen Ankunft wurde ihm klar, dass Bukarest nicht im Spreewald liegt. Er hatte den Seher also wieder falsch verstanden.

Derweil feierten die Barnimer Narren ohne Unterlass ihren 365 Tage im Jahr dauernden Karneval. Der Elferrat hatte gerade die üblichen Zuwendungen auf seinem Konto gefunden und gleich noch die entsprechende Anweisung erhalten.
Nun da die Presse und die Bevölkerung nicht mehr sehr häufig über die Sondermüllverbrennungsanlage berichteten, musste man endlich etwas für die Faschingsfreunde aus der Adam’s Family tun. Und den Barnimer Narren nahm doch sowieso niemand etwas übel. Der Eine baute wieder Holzscheibenräder an die Elektrobusse, förderte die Wirtschaft im Landkreis Bargeld auf „Teufel komm raus“ und verlieh den Barnimer Logistikpreis an eine Beuteltierfarm, der nächste verbrachte den ganzen Tag damit, sich selbst zu widerlegen und immer neue Ideen zur Schaffung von immer weniger Arbeitsplätzen zu gebären, eine andere bekam ständig Weinkrämpfe, wenn jemand sie nicht anlächelte und der Rest der Karnevalsgesellschaft wollte in der Versammlung zur Lieblingsmusik Herrn Evas eine Polonaise rückwärts machen.
Allerdings trübte eine Sache die Feierlichkeiten. Der Herr Eva war nach eigener Aussage mit einem Mitarbeiter in den Spreewald geflogen. Jetzt hatte man keinen Redner und er war schließlich ein Büttenredner wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Im letzten Jahr hatte er alle mit selbst geschriebenen Reimen erfreut und besonders das weibliche Personal hatte sich so auf Herrn Eva gefreut. Was war das nur für ein lustiger Haufen.

Herr Eva hatte geglaubt, da Schweinebaum einen tollen Restflughafen hatte, müsste es mitten im Spreewald auch einen geben, und so war bei Ihm kein Verdacht aufgekommen, als der Billigflieger abhob. In einem ausgedienten Oberleitungsbus waren ihm am Rande der Rollbahn belegte Mettwurst-Brötchen gereicht worden. Da er in der Betriebskantine immer Hinweise des Kochs, mehr eisenhaltige Nahrung zu sich zunehmen, ertragen musste, war er darüber glücklich, mal in Ruhe eine Mahlzeit genießen zu können.
Mit dem Restflughafen war es schon so eine Sache. Der war vor Jahren vom Elferrat „entwickelt“ worden. Diese Formulierung sorgte noch heute bei jeder Sitzung für sehr viel Heiterkeit beim Faschingsverein. Besonders die Tatsache, dass Millionen Euro in eine Gulaschkanone und einen alten Oberleitungsbus (Ticketverkauf) investiert werden konnten war schon sehr lustig. Die beiden vom Arbeitsamt geförderten Halbtagsstellen und die 3 Rentner, die sich bei ihrer niedrigen Rente etwas dazuverdienen konnten kosteten fast gar nichts.
Somit war es wieder einmal eine gelungene Investition in bewährter Tradition.
Herr Eva kannte allerdings den Flugplan nicht. Deshalb wusste er auch nicht, dass der Flieger nur einmal am Tag nach Bukarest und zurück flog und dazu noch zweimal im Monat nach Tirana. Genau aus diesen Ländern, die Herr Eva nur von den kräftigen Eintöpfen der Betriebskantine her kannte, kamen die meisten Mitarbeiter des Unternehmens.
Als er im Flugzeug erwähnt hatte, dass er einen Bärenhunger habe, lächelte der „Seher“ nur verschmitzt. Am Flughafen in Bukarest wurden sie dann von der Familie des Sehers und deren Haustier, einem recht großen Tanzbären, empfangen. In den folgenden Tagen lernte Herr Eva die gesamte wahrsagende, aus Kaffeegrund und umherwirbelnden Hühnerknochen die Zukunft vorhersagende Familie kennen. Er wurde zu 100% bestätigt, denn der Seher war für das Unternehmen „Adam’s Family“ genau der Richtige. Er würde schon die Gifte, Schwermetalle, die biologischen Schadstoffe und alle anderen gefährlichen Verbindungen am Eingang des Unternehmens sehen. Und sein Lieblingsumweltamt, wie er es scherzhaft nannte, hatte gegen diese Art der Sichtprüfung auch nichts einzuwenden. Zufrieden lehnte er sich zurück und hörte den Geigenklängen und dem Brummen des Tanzbären zu.
Die Familie des Sehers hatte eine lange Tradition. Vom Kartenlegen, über die bärtige Frau bis hin zur Seherei mittels Glaskugel hatten die Familienmitglieder ihre Kompetenzen. Einen Tiefpunkt hatte die Familie allerdings als vor einigen Jahrhunderten einige Mitglieder durch Kirchenvertreter thermisch verwertet wurden.
Sicher würde auch diese Erfahrung ein Pluspunkt im Lebenslauf des Sehers sein, denn schließlich arbeitete er in einem Unternehmen, das äußerst giftige Abfälle ebenfalls „thermisch verwerten“ wollte.
Mit dieser tollen Erfahrung im Gepäck kehrte Herr Eva von Bukarest über Zagreb und Tirana nach Schweinebaum zurück.

In Schweinebaum angekommen, erfuhr er gleich einige tolle Dinge. So hatte sein Karnevalsfreund Herr Weichzibbe einen tollen Coup gelandet. Er hatte als Partner für die regionalen Unternehmen einen Animateur der regionalen Presse „angeworben“. Zwar hatte man für die Stelle eine Ausschreibung gemacht, allerdings vorher schon gewusst, dass die wichtigsten Voraussetzungen nur einer haben kann, nämlich der „Bewerber“ Aalfrau. Denn schließlich war er ja auch der Schriftführer im Karnevalsverein.
Er hatte schon einige Erfahrungen gesammelt die ihm die Tätigkeit in der örtlichen Wirtschaftsförderung erleichtern würden, denn die Arbeit bei der örtlichen Presse war hier eine gute Voraussetzung. In der Tätigkeitsbeschreibung hatte er bei der Bewerbung angegeben, dass er gut Artikel über Dorffeste, eine Vielzahl von Kleingartenaktivitäten, die regionale Sportwelt und sehr persönliche Meinungen zu regionalen (Vize-)politgrößen schreiben könne. Mit der Angabe „… eine Presse bedienen zu können“ untermauerte er auch sein technisches Know How. Herr Eva sah rosigen Zeiten entgegen.
Endlich konnte man – natürlich auch und gerade mit Hilfe der Landesregierung des Bundeslandes Feuerfestung – ganze Landstriche entvölkern.
Er fühlte sich an die Nach-Wende-Zeit erinnert. Da hatte man auch nur einen Verwalter gebraucht, der den ordnungsgemäßen Abbau der Betriebe überwachte. Wenn dann alle weg wären, manche früher und manche aus gesundheitlichen Gründen später – könnte man die verlassenen Landstriche gut für den Abenteuertourismus nutzen. Herr Eva hatte erst geglaubt, dass Touristen Männer wären, die sich mit Sprengstoff und Maschinenpistolen auskannten bis ihm jemand erklärte, dass hier Urlauber gemeint wären. Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass Urlauber an einer Gegend Freunde haben könnten, in der Giftmüll verbrannt wird, unter hohem Lärmaufkommen Holz in Strom und Wärme umgewandelt und mittels allradgetriebener Fahrzeuge (ohne Bewohner keine Strassen) Genmais für monströse Biogasanlagen transportiert wird.
„Herrlich“, dachte sich Herr Eva, „endlich wird der Name des Landkreises Bargeld in die Tat umgesetzt.“

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3 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Topp Stefan!!! Besonders hat mir das Synonym „Aalfrau“ gefallen. Deiner Phantasie sind glücklicherweise keine Grenzen gesetzt.
    Preiset den Herren! Ich hoffe, dass viele Leser die Ernsthaftigkeit, die hinter der Satire steht, durchschauen. Soll heißen: Keine MVA in Eberswalde, die uns steil in den Abrgund führt!

  2. messerscharf und urkomisch…freue mich trotz der traurigen grundlage schon jetzt auf teil 6. bei der derzeitigen besetzung diverser elferraete in der feuerfestung braucht man sich um „futter“ fuer die fortsetung ja leider keine sorgen machen…