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Es war einmal ein Mann … (Teil 4) oder „Hurra, der Frühling ist da!“

Endlich wurden die Tage länger, die Bäume schlugen aus und das Getier in der Nähe des Schrottunternehmens konnte durch den starken Metallstaubschleier endlich das gleißende, selbst durch eine Schweißerbrille blendende Sonnenlicht erahnen. Viele verschiedene Spezies hatten sich auf dem Gelände angesiedelt oder waren vorher schon da und hatten sich über die Jahre nur ein wenig verändert. Allen war gemein, dass sie absolut resistent gegen schwerste Umweltgifte waren.

Das Gelände des Schrottunternehmens war wohl der lang ersehnte Ort, wo die Sprachunterschiede, die seit dem Turmbau zu Babel ja allgegenwärtig waren, endlich ein Ende hatten. Über die Jahrhunderte hatte es Wörterbücher bedurft um sich miteinander zu verständigen. Das alles hatte nun ein Ende. Stattdessen verständigten sich die höheren und niederen Säuger auf dem Gelände mittels Husten und Niesen. Wenn ein Arbeiter z. B. hustete wie ein Tuberkulosekranker, so war klar, dass die nächste Pause nicht mehr weit war. Ein mittelschwerer Bronchialkatarrh bedeutete nur „Guten Tag“ oder „Tschüß“. Der Witz mit dem 3mal hintereinander Husten war hier ein alter Hut. In der Firma lachte man erst über den achten Huster und bezeichnete den Kollegen dann als doof.

Zuerst hatten sich einige Mitarbeiter gewundert, dass neben einem Betriebsarzt auch ein Pfarrer angestellt wurde, doch nachdem man keine zusätzlichen Wege machen musste – der Kirchenbeamte hatte sein Büro direkt neben der Arztpraxis auf dem Betriebsgelände – waren alle sehr zufrieden. Mittlerweile machte der auf dem Gelände gelagerte riesige Schrotthaufen in Höhe und Breite selbst dem örtlichen Dom alle Ehre. Besonders die Angehörigen der kürzlich ausgeschiedenen Mitarbeiter waren sehr glücklich, über den zusätzlichen Service. Sie erhielten sogar Rabatte auf Grabstellen über Bestattungsutensilien bis hin zur Feuerbestattung. An Sonntagen wurde sogar die normale Arbeit für einen Gottesdienst unterbrochen und manchmal, meistens auch an Sonntagen, gab es auch in den Abendstunden einen Abendmahl-Gottesdienst. Manchmal wurde der von Anwohnern gestört, die sicher Atheisten waren oder einfach etwas gegen Sonntagarbeit hatten. Daraus ergab sich allerdings auch ein Problem. Man hatte einige Mitarbeiter, die mehrere hundert Kilometer östlich der Anlage beheimatet waren und dem geistlichen Beistand zu oft zusprachen. Dieses senkte die Produktivität in extremer Weise, so dass auch für den Pfarrer Sprechzeiten eingeführt wurden. Eigentlich war er ganz glücklich darüber, denn soviel musste er noch nie als Kirchenbeamter für sein Geld tun.

Abends saßen Arzt und Kirchenbeamter oft zusammen und scherzten. Für beide war eine zufriedene Mitarbeiterschaft das Maß der Dinge, obwohl sie eigentlich Konkurrenten waren. Manchmal hatten sie in nur kurzer Zeit den gleichen Kunden. Einmal hatten sich beide um einen Mitarbeiter „bemüht“ und ihn nach kurzer Zeit wieder an die Nachtschicht zurückgeben müssen. Ein fahles Gesicht, völlige Bewegungslosigkeit und keinerlei Reaktion auf äußere Einflüsse hatte den Verdacht erregt, dass hier jemand nicht weiter für das gemeinsame große Ganze zur Verfügung stand. Aber auch hier sollte sich über die Jahre die Geduld auszahlen.

Die Chefs des Unternehmens freuten sich, dass alles so prima lief und endlich ein eigenes Labor im Unternehmen benötigt wurde. Natürlich nicht für die eigenen Giftproben. Herr Eva rollte dann immer nur schmunzelnd mit den Augen. Endlich hatte man neben dem Schrotthandel und der Sondermüllverbrennung auch ein Forschungsstandbein. Es war ja ein offenes Geheimnis, dass schwere Herz-Lungen-Leiden und Kreislauferkrankungen an der Tagesordnung waren, aber das Potential, was sich aus den „Sonderfällen“ ergab, war fantastisch. Vielleicht waren sogar höhere Ehren für den firmeneigenen Medizinmann drin. Vielleicht sogar Preise und Ehrenprofessuren. Zumindest konnte man aber weitere Einnahmen erzielen, indem man medizinischen Hochschulen die Chance eröffnete, an den Errungenschaften des industriellen Fortschritts in Schweinebaum teilhaben zu können.

Da waren schlimme Geschwüre, Augenleiden, chronische Nervenleiden und viele andere Krankheitsbilder, die das Herz jedes Pathologen höher schlagen ließen. Praktikanten gingen von da an ein und aus.

Die Medizinstudenten hatten sich auch schon einen Namen für die neue Anlage ausgedacht. Wegen des familiären Umgangs im Unternehmen nannten sie sie „Adam’s Family“. Irgendwie klang das lustig. Auch Herr Eva war geschmeichelt und erzählte ungefragt jedem, dass er jetzt seine „Adam’s Family“ hatte. Alles wurde nach außen getragen. In Heidengrind rollten die Leute schon mit den Augen, wenn nur ein Mitarbeiter laut atmete. Warum konnte im Schrottunternehmen bloß keiner etwas für sich behalten?

Was besonders spannend war, war die Tatsache, dass der sogenannte Seher im Unternehmen den grauen Star hatte. Irgendwie war er auch ein grauer Star, denn als Pensionär verdiente er sich einige Euros dazu. Er hatte Glück, denn nur wenn irgendeine Institution das Arbeitsverhältnis förderte, wurde der potentielle Mitarbeiter eingestellt. So kam es, dass im Unternehmen die Gehälter der Arbeiter vom Landkreis Bargeld, der Stadt Schweinebaum, der EU und der Seher sogar von der Unesco bezahlt wurde. Die Fähigkeit, aus den Überbleibseln eines Sonntagsfrühstücks oder einer Weihnachtsgans die Zukunft zu lesen, war schon seinen Vorfahren in die Wiege gelegt worden. Na gut, ein weiblicher Vorfahr wurde einmal wegen genau dieser Fähigkeit während der Inquisition thermisch verwertet und einem furunkulösen Verwandten wurde in grauer Vorzeit der Schwedentrunk einverleibt. Ansonsten ging aber alles maximal mit dem Ablecken des Salzes von den Fußsohlen durch eine Horde Ziegen ab.
Es war also bei weitem nicht so gesundheitsschädlich, wie die Arbeit im Schrottunternehmen selbst.

Aber die Weichen waren gestellt. Mit dem Verbrennen von Sondermüll und der Schaffung ganz neuer Krankheitsbilder war der Grundstein für den Forschungsstandort Schweinebaum gelegt. Ein ganz neues Leitbild wurde vom Schrottunternehmen für die Region erstellt. Es lautete:

„Wir verbrennen Ihren Müll, darauf können Sie Gift nehmen“.

Zwei Befürworter fand die Idee sogleich. In den Regional(liga)politikern Weichzibbe und Bohnenkaffee fand man Befürworter, die erst ja sagten und dann fragten, welches Datum man überhaupt hatte …

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2 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Dieser Teil ist fast zu ernst, um darüber zu schmunzeln, aber wahrscheinlich die einzig mögliche Weise, sich dem Thema überhaupt noch zu nähern. Wenn man versucht mit sachlicher Diskussion den Leuten klarzumachen, was uns blüht, wenn Herr EVA und seine Freunde das Projekt umsetzen, interessiert sich keine Sau dafür. Wir haben ja leider keine Kampagne, die das Ganze aufdeckt (dafür bräuchten wir eine unabhängige Tageszeitung), so dass die Ignoranten es auch kapieren (könnten, aber die wollen ja nicht).
    Ansonsten bekommt die „Gesundheitsregion“ dann ganz neue Betätigungsfelder – schön für die Mediziner.
    Ich bin froh Stefan, dass Du noch den vierten Teil geschrieben hast – in einem Punkt stimme ich Dir aber nicht zu…
    Die Theo-Freunde müssen nicht ab dreimal husten, um doof zu sein!
    Ach übrigens, dass Du die Kirche, also den Pfarrer noch ins Spiel bringst, ist interessant, die haben ja beim Erörterungstermin ständig das Mikro blockiert…, wegen „Wahrung der Schöpfung“ – weißte.

  2. Pingback: Es war einmal ein Mann (Teil 5) … oder „Karneval im Barnim“