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Eine höchstens zufällig bekannte Handlung, oder: Es war einmal… (Teil 3)

Porta Niagra in Trier - wie aus dem Märchen(Teil 1 erschien am 31. März 2007, Teil 2 am 7. April 2007)

Die Jungs und Mädchen vom Marketingsee

Die Chefs des Schrottunternehmens waren der Verzweiflung nahe. Was das Umweltamt und die Baubehörde nicht alles von ihnen verlangten. Es wurde Zeit, dass endlich die beiden Verwaltungsbeamten aus dem Urlaub zurückkamen um die Genehmigung des Bauantrages zu beschleunigen, denn schließlich hatte man sich deren Hilfe einiges kosten lassen. Der eine Chef kam kaum noch dazu, die Baustelle seiner Villa am nahegelegenen Marketingsee zu besuchen. Die Villa und das dazugehörige Grundstück waren in der Größe geplant, dass der Chef in jede Richtung einen Pistolenschuss abgeben konnte und die Kugel dennoch auf dem eigenen Grundstück landete. Bei der „Vermessung“ musste dem Chef erst mal erklärt werden, dass man sich zwar im sogenannten Wilden Osten befände, aber auf keinen der Gemeindemitarbeiter verzichten konnte und deshalb die „Vermessung“ mittels Faustfeuerwaffe am Tage unterbleiben muss. So blieb nur die Möglichkeit, sich nachts in Heidengrind unter die Jäger zu mischen. Da dieses allerdings auch für die Gegner der Baupläne ungeahnte Möglichkeiten eröffnete, wurde davon abgesehen.

Gott sei Dank kam Herr Eva mit einer fantastischen Nachricht. Der neue Unternehmensprospekt war endlich fertig. Der Chef ließ ihn sich besser vorlesen, denn manchmal benutzte ihm Herr Eva einfach zu viele Fremdwörter, so dass es dann immer viel länger dauerte. Im Prospekt wurde die Arbeitsumgebung als absolut steril beschrieben und mittels Fotos aus Krankenhäusern und Mikroelektroniklabors untermauert. Auch ausländischen Arbeitskräften aus vollkommen artfremden Berufen wollte man in der Produktion gegen zu vernachlässigende Gehaltsabschläge eine Chance geben. Bei der Sichtkontrolle der angelieferten Materialien wurde auf eine Berufsausbildung sogar völlig verzichtet. Stattdessen bekam der „Seher“, wie er von den Kollegen ehrfurchtsvoll genannt wurde, in der Kantine eine Sonderration Möhren. Diese wurden in der Umgebung der Anlage angebaut um Transportkosten zu sparen. Mit Genehmigung der Unternehmensführung erstellte der „Seher“ auch Horoskope für die gesamte Belegschaft.

Wie so oft sah der Chef Herrn Eva fragend an und der erklärte ihm auch sogleich die beschriebene Sterilität. Die Fotos waren wohl wahrscheinlich unbeabsichtigt im Unternehmensprospekt gelandet, aber die direkte Umgebung der Anlage war schließlich tatsächlich steril und absolut tot. Herr Eva musste schallend lachen, als er daran dachte, wie ein paar Bauern auf dem Nachbargrundstück der Anlage versucht hatten, eine Grassorte zu etablieren, die in Vietnam erfolgreich angesät worden war und selbst in reinem Napalm wuchs. Hier klappte es allerdings nicht. Gott, war Herr Eva wieder albern.

Jetzt kam auch noch die neue Anwältin, Frau Flach, vorbei. Wie so oft zitierte Sie noch bevor die Umstehenden ihr einen guten Tag wünschen konnten die BImSch. Alle schauten sie sehr interessiert an, obwohl einige der Anwesenden glaubten, dass es sich bei der BImSch um eine Vorschrift zur Herstellung von Körperpflegesteinen handelte. Erst Herr Friedrich, der gerade vom Gesichtsmuskeltraining kam, konnte diese Sache auflösen und doch wieder für mehr Fragen als zuvor sorgen. Stolz zeigte er drei neu gelernte Grimassen. Er war nun in der Lage jede Grimasse vom Zahn- bis zum Bauchschmerz zu simulieren. Voller Begeisterung applaudierte die fröhliche Gruppe.

Frau Flach meldete bezüglich der Fantasy-Leserbriefe Vollzug. Obwohl nicht alle bei der Regionalzeitung gelandet waren, sondern in Himmelpfort, denn dorthin waren die letzten selbst geschriebenen Briefe der Chefs und einiger Mitarbeiter noch hingegangen.
Das einzige noch fehlende Mitglied der fröhlichen Runde war Herr Altendom, der seine Rollator-Ausfahrt fast beendet hatte. Er hatte im Seniorenclub am schnellsten Freunde gefunden. Alle waren dort seiner Meinung, nämlich, dass sie ja sowieso schon zu alt für eine Müllverbrennungsanlage wären. Alle freuten sich, dass das Thema auf sie nicht zuträfe, besonders Herr Altendom.

Die meisten waren sehr glücklich, ihn als „Gast“ im regionalen „Seniorenpalast“ begrüßen zu können, denn er war ein begnadeter Erklärer und Laiendarsteller. Auch die übelste Nachricht, z.B. den Tod des besten Freundes, konnte er geduldig so erklären, dass sich alles irgendwie nicht mehr so schlimm anhörte. Was ihn aber dann doch sehr wunderte, waren die Fotos der anderen Rentner, die man ihm zeigte, wenn er von den Problemen mit dem Umweltamt wegen des Verbrennungsbunkers der Anlage sprach. Auf den Fotos hatten die abgebildeten Männer immer andere Helme auf und die Bunker sahen auch ganz anders aus. Vielleicht wären hier ja ganz neue Lösungen möglich, wenn die Gegner der Müllverbrennung nicht endlich Ruhe gäben. Eigentlich müsste man an der Anlage ja gar nichts ändern, sondern nur die Beschreibungen und Erklärungen der gesetzlichen Grundlagen. Sicher hatten die Gegner der Anlage nur etwas in den „falschen Hals“ bekommen.

Vielleicht konnte man das Programm der letzten Weihnachtsfeier noch mal für die Anlagengenehmigung nutzen. Seinerzeit hatten die 2 Frohnaturen Altendom und Eva die gesamte Belegschaft begeistert, indem sie ein baumlosen Lebensumfeld propagierten. Die örtlichen Bau- und Umweltbehörden waren überglücklich, dass das Schrottunternehmen seine Reststoffe für den regionalen Straßenbau zur Verfügung stellte, denn so konnten die Gelder der Gemeinde sinnvoller, z.B. für Grillfeste der Gemeindevertreter, ausgegeben werden.

Grillfeste fanden auf dem fast fertigen Anwesen der Chefs auch statt. Hier hießen sie nur immer anders. Der eine Chef nannte sie Barbecue, trug immer einen großen Cowboy-Hut und lachte immer hämisch. Irgendwie passte alles. Der Chef benahm sich wie JR, Frau Flach wie Sue-Ellen und Herr Eva wie Bobby Ewing, der besser auf einer Farm Kühe hütet, als ein Unternehmen führt. Natürlich nur im Film. Der von Grimassen geplagte Herr Friedrich würde den korrupten Polizisten und Herr Altendom den verwirrten entfernten Verwandten geben, der immer nur wegen Geldes anfragte und von JR deswegen angepflaumt wurde.

Das waren ja tolle Vorzeichen für Grillparties auf der Southfork-Ranch am Marketingsee. Vielleicht könnte man die bisherigen (finanziellen) Wege nutzen und bei den privaten Gemeindemitarbeitern eine Genehmigung bekommen, um ein paar tausend Rinder im angrenzenden Wald zu halten. Die paar Urlauber, die in den Sommermonaten in der nahen Umgebung ihr Unwesen trieben, würden das Weiden der Rinder bestimmt nicht stören. Und die Badewiesen eigneten sich ganz hervorragend zur Viehtränke. Den Urlaubern, die sich wegen des Gestanks oder den Hinterlassenschaften der Rinder aufregen würden, könnte man entgegnen, dass alles Öko, Bio und Natur sei.

Vom Segeln, Tauchen oder anderer Betätigung am See hielt der Chef nicht viel. Für ihn stellten Seen und Flüsse eine ganz hervorragende Möglichkeit dar, Abfall zu entsorgen. Die Abfallentsorgung war schon ein Phänomen für den Chef und auch für Herrn Eva. „Heute kippe ich den Müll in Schweinebaum in den Bach, morgen wird der Mist dann in Heidengrind ans Ufer getrieben und keiner weiß wer es war,“ dachten beide. Aber soweit war es ja noch nicht. Zuerst musste man die Behörden davon abhalten, Untersuchungen an der alten Anlage anzustellen, dann sollte die Verbrennungsanlage als „Beitrag gegen den Klimawandel“ errichtet werden. Bei dem Gedanken brachen alle in schallendes Gelächter aus und waren nur schwer zu beruhigen.

Erst danach konnten sich die Leute von der Southfork-Ranch am Marketingsee mit den zwei- und vierbeinigen Rindviechern befassen.

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