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Eine höchstens zufällig bekannte Handlung, oder: Es war einmal… (Teil 2)

Porta Niagra in Trier - wie aus dem Märchen(Teil 1 erschien am 31. März 2007)

Der Anwalt kam pünktlich im Schrottunternehmen an um sich mit der Aktenlage vertraut zu machen. Als erstes fiel ihm auf, dass alle sehr nervös und auch sehr traurig waren. Die Einwohner von Schweinebaum und Heidengrind würden die Vorteile einer Müllverbrennungsanlage und dass es absolut keine Nachteile gäbe, nicht verstehen. Viele würden sogar Leserbriefe an die Regionalzeitung schreiben, alle gegen die Anlage.

Deshalb musste auch mal jemand für die Anlage schreiben. Da sich niemand fand, wurde einfach mal überlegt, welche Namen häufiger als andere in Deutschland vorkamen. So entschied man sich für die Namen Schmidt, Schulz und Meier. Um dem Ganzen auch Glaubwürdigkeit zu verleihen wurde den Namen jeweils ein akademischer Titel mitgegeben. Außerdem sollten alle imaginären Briefschreiber aus weiter entfernten Orten kommen, denn so konnte man nicht feststellen, dass es die Schreiber gar nicht gibt.

Es ging also los und fast alle Briefe wurden auch abgedruckt. Einer schrieb, dass er auch neben „einigen“ Anlagen wohnen würde und alles ganz toll wäre. Ein Zweiter zweifelte den Sachverstand aller mehrerer tausend Gegner der Anlage an und der Dritte hob den immensen wirtschaftlichen Aufschwung, der dem wohl wahrscheinlich folgen würde, hervor. Auch die Arbeitslosigkeit in der Region könnte man entscheidend zurückdrängen, denn schließlich würden 8 oder 9 neue Arbeitsplätze geschaffen. Bei einigen Einwohnern in Schweinebaum verfehlte dieses Störfeuer seine Wirkung nicht. Mancher glaubte jetzt wirklich, man würde mit der Anlage noch etwas für die Umwelt tun.

logo-mva.jpgDerweil organisierte sich in Heidengrind eine Bürgerbewegung. Viele der Mitglieder konnten sich schon seit Jahren von den Vorzügen der bestehenden Anlage überzeugen und waren deshalb nicht wirklich am Bau einer zusätzlichen Müllverbrennungsanlage interessiert. Deshalb sammelte man viele, viele Unterschriften in Heidengrind und Schweinebaum. Mittlerweile hatte sich die Bürgerbewegung auch auf Schweinebaum ausgeweitet. Mehr als 14.000 Unterschriften wurden quer durch alle Bevölkerungsschichten gesammelt. Oftmals begegnete man den aktiven Bürgern aber auch mit recht merkwürdigen Reaktionen.

Hier einige Beispiele:

  1. „Man kann ja nicht gegen alles sein.“
  2. „Die schaffen doch Arbeitsplätze.“
  3. Verlegenes Grinsen ohne etwas zu sagen (Anm.: arbeitet wahrscheinlich für das Schrottunternehmen)
  4. „Das wird schon nicht so schlimm“
  5. „Die Anlage wird schon sicher sein, denn da wird doch kontrolliert“
  6. „Bin sowieso schon zu alt. Mir macht das nichts“

Diese Reaktionen führten auch dazu, dass verschiedene Aktionen durchgeführt wurden um die Aufmerksamkeit zu bekommen, die das Schrottunternehmen um jeden Preis verhindern wollte. Viele Plakate wurden gemalt und bei jeder Gelegenheit den Regionalliga-Politikern gezeigt, was auf alle Anrainer zukommt. Dabei stellten sich einige Politiker als durchaus bundesligatauglich heraus. Andere hatten jedoch Probleme nach so vielen Jahren das eigene Rückgrad wiederzufinden. Bisher hatte ihr politisches Leben dem eines Weichtieres geglichen.

Aber da war ja noch der neue Bürgermeister von Schweinebaum, der sich sogleich gegen die Anlage und für eine systematische Umweltförderung aussprach. Und so begann die Auslegung der Unterlagen in den Bürgerbüros der Gemeinden. Viele Einwohner nahmen die Chance auf Einsichtnahme war, und so kamen über 4.000 Einwendungen zusammen.

mullverbrennungsanlage.jpgDerweil hatte der Anwalt des Schrottunternehmens alle Hände voll zu tun, die Belegschaft für Aufklärungszwecke einzunorden. Mitarbeiter sollten bei jeder öffentlichen Veranstaltung mit dabei sein und Bericht erstatten. Obwohl der Anwalt mittlerweile die kindlichen Gemüter der Chefs kennen gelernt hatte, vergaß er, dass die Mitarbeiter vergleichbar veranlagt waren. Deshalb kam es auch auf einer Veranstaltung zu einem Zwischenfall. Zwei Arbeiter des Schrottunternehmens äußerten sich mit Vehemenz pro Anlage und versprachen sich dabei. Sie erklärten, dass das Schrottunternehmen „ja schon seit Wochen nicht mehr nachts arbeitet“. Allen, außer den beiden Arbeitern war klar, dass das Schrottunternehmen nur von 6.00 – 22.00 Uhr arbeiten durfte, sich außerhalb der Legalität bewegte.

Auch die Sitzungen der Führung der Bürgerinitiative wurden beobachtet. Nach einer derartigen Veranstaltung wurden die Mitglieder der Bürgerinitiative in Heidengrind von einem kleinen Kommando belästigt. Fast wäre die Situation eskaliert. Auch wenn die Situation nicht ganz unproblematisch war, so zeigte sie doch, dass die „Umweltförderer“ des Schrottunternehmens langsam aber sicher nervös wurden.

Die Nervosität war begründet, denn der folgende Erörterungstermin begann in wenigen Tagen und der Anwalt der Anlagengegner war bisher schon recht aktiv gewesen. Deshalb engagierte man eine weitere Anwältin. Eine Anwältin, die auch beruflich den ganzen lieben langen Tag nur mit Müll zu tun hatte. Sie saß nämlich auch noch im Aufsichtsrat eines großen städtischen Abfallunternehmens. Allerdings hatte sie nicht viel Zeit, sich mit ihrer Schrott-Klientel gut abzusprechen. So kam was kommen musste.

Während der ganzen vier Tage wurde eine sehr defensive Taktik gefahren. Entweder durfte auf Einwendungen nicht geantwortet werden oder es wurden Passagen aus den Antragsunterlagen wieder und wieder zitiert ohne auf die konkrete Frage zu antworten. Wenn gar nichts mehr ging zitierte die Anwältin einfach ein paar Minuten aus dem Bundesimmissionsschutzgesetz, weshalb die Gefahr des „Unter-den-Händen-Wegschlafens“ allgegenwärtig war. Grundsätzlich kann man sich die Ausführungen der Vertreter des Schrottunternehmens auch als Seifenblasen vorstellen, die von Kindern in die Luft gepustet werden und eine nur geringe Halbwertzeit haben.

Es war schon eine recht lustige Gesellschaft, die das Schrottunternehmen aufbot. Da war der gute Professor Altendom, der ständig lachen musste und immer einen vergnügten Eindruck machte. Vielleicht war es nach seiner Pensionierung die erste Reise für ihn und er freute sich nur darüber, mal wieder rauszukommen. Ein zweiter etwas kauziger Zeitgenosse war Herr Friedrich, der für die Technik verantwortlich war und ständig Grimassen schnitt. Manchmal hatten die Grimassen sogar Ähnlichkeit mit denen eines italienischen Politikers des 2. Weltkrieges. Der absolute Publikumsliebling war jedoch Herr Eva. Er wurde nicht zuletzt deshalb zur Veranstaltung geschickt, weil er eine sehr heitere Persönlichkeit war und ein Redner vor dem Herrn. Nicht zuletzt deshalb wurde die Veranstaltung auch ein voller Erfolg.

demo_3.jpeDie Vertreter der Bürgerbewegung landeten derart viele Treffer in den ersten zwei Tagen, dass es für das Schrottunternehmen nicht mehr möglich war, einen Sieg zu verbuchen. Verschiedene Probleme traten zu Tage, von der geplanten Mitarbeiterzahl über die Fahrzeugbewegungen, die Bodenversiegelung bis hin zu den konkreten Berechnungen bezüglich des Feinstaub-Ausstoßes. Deshalb war vom Anwalt der Anlagengegner auch ein Antrag auf Abbruch gestellt worden. Da dieser abgelehnt wurde, obwohl die Probleme auch von der Veranstaltungsleitung erkannt worden waren, erfolgte die Teilnahme an den beiden letzten Tagen nur noch unter Protest.

Als Fazit bleiben drei Dinge zu sagen, nämlich

  1. dass es nicht nachvollziehbar ist, wenn dem normalen Bürger immer wieder Steine in den Weg gelegt werden, nur weil z.B. ein Büro ins Wohnhaus soll und die Antragsteller der Müllverbrennung nicht einmal ansatzweise vollständige Unterlagen einreichen können,
  2. dass unser Landesumweltamt Brandenburg bestimmt einen Weg findet, die Wirtschaft und nicht die Umwelt zu fördern
  3. und dass man die handelnden Personen aus Politik und Wirtschaft auch weiterhin im Fokus haben sollte, denn Gelegenheit macht Diebe.

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7 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Schön geschrieben, Stefan.
    Ich gehe davon aus, dass Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und tatsächlichen Begebenheiten rein zufällig und nicht beabsichtigt sind.

  2. Danke Dir. Natürlich wären Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen rein zufällig und natürlich nicht beabsichtigt;-)

    Übrigens bitte ich Grammatik- oder Rechtschreibfehler zu entschuldigen.

    Ich hoffe, dass Schweinebaum und Heidengrind ein dritter Teil erspart bleibt, denn es würde womöglich ein Drama werden, den dann vielleicht doch die Realität schriebe.

  3. Sag mal Stefan, liegen die beiden Ortschaften Schweinebaum und Heidengrind nicht im Landkreis Warum?
    Meines Wissens kam es dort vor einigen Monaten zu heftigen Auseinandersetzungen unter der Bevölkerung, weil sich mehrere Alleebäume verzweifelt vor die Autos warfen und andere mit ihren langen Ästen ungehörig nach jungen Radfahrerinnen griffen…

  4. Ganz genau. Vollständig lautet der Name des Landkreise „Wieso, weshalb, warum, …“ (vgl. Sesamstr.). Eines Tages, es muß so um das Jahr 1990 herum gewesen sein, hatten die Narren die Schlüssel zum Landkreis nach dem Fasching nicht mehr zurückgegeben. Seither wird der Landkreis von einem Elferrat regiert, der viel Spaß und Freude an der Verbreitung der Lehren des Schildbürgertums hat.
    Ein gewisser Herr Weichzibbe hatte die Bäume ja deshalb auch wegen Nötigung und vor allem Wegelagerei angezeigt. Verschiedene wirkliche Umweltschützer aus der Gemeinde Bergrock hatten sich auch für die fast schon verurteilten Bäume eingesetzt. Schließlich konnte man fast alle retten. Dennoch zog Herr Weichzibbe los und lynchte einfach einige Bäume. Aber weil er sich die Narrenkappe und die Pappnase ausgezogen hatte, dachten viele, dass es wohl legal wäre. Was es aber wohl eben nicht war. Aber Narren nimmt man doch nichts über, oder?

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