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Verborgene Blüten

Panketal wird immer enger und gesichtsloser – Die Kulturszene aber gedeiht
Panketal , jenes zusammengeflickte Konstrukt aus den einst selbstständigen Dörfern Zepernick und Schwanebeck, hat sein Gesicht drastisch verändert. War der Ort einst für seinen großzügig-gartenstädtischen Charakter bekannt, dominiert heute Siedeln im Ölsardinenstil das Bild. Alleenbestandene Pflasterstraßen weichen zunehmend einem grau-betonierten Einerlei, dass Panketals jungdynamischer Bürgermeister Fornell gern als ein Ausdruck für die Gepflegtheit des Ortsbildes preist. Innerhalb weniger Jahre wurde die Bevölkerungszahl verdoppelt und das derart „aufgeblähte Tal an der Panke“ schwankt zwischen Gesichtslosigkeit und Identitätssuche. Die Seele eines Ortes bestimmt sich jedoch nicht selten durch das Wesen seiner Künstler und die gibt es im „Siedlungs-Ghetto“ in erstaunlich vielfältiger Form.

Im Jahre 1992 erweckten der freiberufliche Komponist Helmut Zapf und Kantoren-Frau Karin die „Randspiele“ als „Festival neuer Musik“ zum Leben. Das dreitägige Event um „oft überraschende und manchmal schräge Töne“ hat sich inzwischen zu einer Veranstaltung von überregionaler Bedeutung entwickelt. Zapf, der seit 1987 in Zepernick lebt, ist Lehrbeauftragter an der Musikhochschule Hanns Eisler und künstlerischer Leiter des Wettbewerbes „Jugend komponiert“ an der Musikakademie Rheinsberg. Aktuelle Informationen zu den „Randspielen“, sowie Highlights Zepernicker-Kirchenmusik finden sich unter www.randspiele.de.

Bereits seit 1968 lebt der Theologe und Schriftsteller Dr. Rolf Gerlach in Zepernick. Im Laufe der Jahre war „das Domdorf“ immer wieder Mittelpunkt der publizistischen Arbeit des Ortschronisten. Filmisches Zeugnis seiner Heimatliebe ist das in Zusammenarbeit mit Nadine Muth entstandene Werk „Zepernick Licht- und Schattenbilder“. Vor etwa 2 Jahren hat der gebürtige Leipziger eine literarische Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, in der sich Diskussion und klassische Lesung auf erstaunlich selbstverständliche Weise miteinander vermischen. Gerlach prägt die Literaturgespräche durch die zielsichere Auswahl der vorgestellten Werke, sowie seine ganz spezielle Art des Vortrages.

Eine „Heimat für alle unzureichend beachteten Talente“ der Region suchte seit 2005 der Trommler und Jongleur Nikolai Schmack. Im Ergebnis gründete er Anfang 2006 mit anderen die Initiativgruppe Offene Bühne Panketal (OBP) die es inzwischen auf immerhin vier Veranstaltungen gebracht hat und an wechselnden Orten die gesamte Kleinkunstpalette (Jonglage, Rezitation, Zauberei, Musik, Tanz usw.) anbietet. „Künstlerischer Kopf“ der Kleinkunstkönner und einziger Vollprofi ist der Zepernicker Zauberer Dirk Mohr alias Mohrbo, der in der Zepernicker Flotowstraße, fernab der großen Verkehrswege, eine kleine Zauberbühne betreibt.

Die Hamburger Band Tocotronic erklärt in ihrem Song –Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst-: „Es gibt eine Herzlichkeit jenseits vom Jonglieren“. Das mag sein, aber wer nur ein einziges Mal die OBP-Panketal besucht hat, wird sich für immer merken, dass angstfreie Kunst möglich ist.

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5 Kommentare » Schreiben Sie einen Kommentar

  1. Das ist in der Tat ein recht gelungenes Ortsporträt. Was die Bilanz der Bautätigkeiten der letzten Jahre betrifft, so tendiert sie meiner Meinung nach auch eher ins Negative. Zu viel, zu dicht. Zu charakterlos. Alteingesessene dürfen an ihren Häusern nicht mal Außenjalousien anbauen oder gar moderne Fenster, aber Dransehaus und noch schlimmer das Gebäude in dem sich das Griechische Restaurant befindet, gingen anstandslos durch! Die Liste der Bausünden lässt sich mit Getränkemarkt (ehem. Norma), Lidl-Markt (ehem. Kindergarten – jetzt muss ein neuer gebaut werden!) und schließlich dem neuen Normamarkt fortsetzen. Dem alten Kino „Capitol“ trauere ich heute noch nach, das war damals übrigens ein beliebter Treffpunkt für die Jugend des „Dorfes“. Einen Jugendclub gab es auch mal, bevor das Domizil kurz nach der Wende der freien Marktwirtschaft in Form des ersten Lebensmitteldiscounters im Orte preisgegeben wurde. Ob das ein „Plus“ war? Mittlerweile heißt die mit viel Geld sanierte Baracke wohl „Mehrzweckhalle“ und darf wieder von Jugendlichen bevölkert werden, allerdings nur bei milden Temperaturen, da sie nicht frostsicher ist. Positiv würde ich die Sanierung vieler alter, zu DDR-Zeiten ergrauter und verfallener Gebäude bewerten. Obwohl für meinen Geschmack hier und da etwas zu tief in den Farbeimer gegriffen wurde. Und die Panketaler Schulen können sich auch sehen lassen.

  2. Nadine, ich stimme Dir zu. Warum müssen eigentlich die sogenannten Supermärkte alle wie Baracken aussehen? In einem reinen Gewerbegebiet mag das noch durchgehen. Aber wie viele gewachsene Ortsbilder man damit verschandelt hat, kann man kaum noch zählen. Ich bin neulich seit längerem mal wieder durch Mühlenbeck gefahren und war entsetzt. Schwanebeck verliert auch langsam sein Gesicht und eifert dem schlechten Beispiel Ahrensfelde nach.

    Und dann gibt es wahrscheinlich sogar Leute, die diese Unkultur für Fortschritt halten.

  3. Pingback: A kind of magic – Mohrbo verzaubert den Barnim « BAR-blog | Wir bloggen den Barnim

  4. Pingback: 17. Zepernicker Randspiele mit „Konzert für Trompete und Harley Davidson“ – Festival Neuer Musik vom 10.–12. Juli 2009 « Berlin-Pendler

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